Irankonflikt

Konfrontation aus der Hölle

Das iranische Regime war stets darauf bedacht, sich über ein Netzwerk regionaler Akteure abzusichern. Insofern ist eine direkte militärische Konfrontation für die USA sehr riskant. Auch deshalb, weil die iranische Reaktion auf einen größeren Angriff in ein unkontrollierbares regionales Inferno münden könnte. Von Amin Saikal

Die frühere US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen Samantha Power hatte einst Kriege, die  zu Völkermorden führen, als "Problem aus der Hölle" bezeichnet. Nun, da die Regierung von US-Präsident Donald Trump die Spannungen mit dem Iran verschärft, muss sich die Welt auf eine "Konfrontation aus der Hölle" zwischen beiden Ländern gefasst machen.

Sowohl die USA als auch der Iran beteuern zwar, dass sie keinen Krieg wollen. Doch befinden sich beide zunehmend auf Kollisionskurs zu. Die USA haben ihre Truppenpräsenz in den Nachbarländern des Iran deutlich ausgeweitet und den Kampfverband um den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln sowie eine Bomberschwadron in den Nahen Osten entsandt, um das iranische Regime mit Drohmaßnahmen abzuschrecken.

Die iranische Führung hat diesen Schritt derweil als psychologische Kriegsführung angeprangert; sie betrachtet ihn als Provokation, mit der Washington darauf abzielt, die Islamische Republik in einen Militärkonflikt hineinzuziehen.

Seit seiner Amtsübernahme hat Trump den Iran unaufhörlich als Quelle allen Übels – einschließlich des internationalen Terrorismus – in der Region und darüber hinaus dargestellt. Er hat die Politik des Dialogs seines Vorgängers Barack Obama rückgängig gemacht und setzt das iranische Regime unter maximalen Druck.

Washingtons geopolitische Agenda

Dabei hat er drei Ziele im Hinterkopf. Zu allererst will die Trump-Regierung einen Regimewechsel oder zumindest eine Verhaltensänderung seitens des Regimes in Teheran herbeiführen. Trump ist zudem bestrebt, die Wirtschaft des Iran zu schädigen, damit das Land nicht mehr als einflussreicher regionaler Akteur auftreten kann. Und die USA sind bestrebt, Israels Position als Amerikas treuester und mächtigster Verbündeter im Nahen Osten zu stärken sowie enge strategische Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und den gegen den Iran ausgerichteten arabischen Ländern – den von Saudi-Arabien angeführten Golfstaaten und Ägypten – zu schmieden.

US-Präsident Trump mit Sicherheitsberater John Bolton in Washington; Foto: Getty Images
Die Falken hinter der Trump-Administration: US-Medien zufolge drängt insbesondere Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton zu einem rigorosen Kurs gegen den Iran. Vor rund einer Woche hatte er die Verlegung des Flugzeugträgers "USS Abraham Lincoln" und einer Bomberstaffel in den Nahen Osten als eine "klare und unmissverständliche Botschaft" an Teheran bezeichnet. Bolton hatte als Grund für die Verlegung "eine Reihe beunruhigender und eskalierender Hinweise und Warnungen" Teherans genannt.

Um diese Ziele zu realisieren, hat Trump zunächst den Rückzug der USA aus dem offiziell als "Gemeinsamer umfassender Aktionsplan" (JCPOA) bezeichneten Atomabkommen aus dem Jahr 2015 mit dem Iran vollzogen. Seine Regierung verhängte daraufhin gegen den Iran, die jeden Sektor der iranischen Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen und mittlerweile dazu geführt haben, dass einige ausländische Unternehmen keine Geschäfte mehr mit dem Land abwickeln.

In einem beispiellosen Schritt hatte zudem die Trump-Administration im vergangenen Monat die zentrale Einheit der iranischen Streitkräfte, die Revolutionsgarden, zur Terrororganisation erklärt. Die Falken in Washington, allen voran Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, unterstützt von Außenminister Mike Pompeo, äußerte kürzlich: "Die Vereinigten Staaten suchen keinen Krieg mit dem iranischen Regime, aber wir sind völlig darauf vorbereitet, auf jeden Angriff – sei es durch Stellvertreterkräfte, die Revolutionsgarden oder die regulären iranischen Streitkräfte – zu reagieren."

Drohender regionaler Flächenbrand

Dies führt die USA und den Iran einen Schritt näher in Richtung einer militärischen Konfrontation, die entweder vorsätzlich oder durch eine Fehlkalkulation ausgelöst werden könnte.

Der Iran verfügt im Falle eines Krieges nicht über die militärischen Fähigkeiten, um Amerikas militärischer Stärke ernsthaft Widerstand leisten zu können. Die USA können die iranischen Militäranlagen, Nuklearstandorte und wichtigen Infrastrukturanlagen sehr rasch auslöschen. Auch könnten sie den Iran an einer Blockade der Straße von Hormus hindern, durch die etwa 30 Prozent des weltweiten Öls verschifft werden.

Doch ist der Iran in der Lage, einen – egal ob mit oder ohne Unterstützung Israels und Saudi-Arabiens geführten – US-Militärschlag für Amerika für die Region sehr teuer zu gestalten. Das iranische Regime ist möglicherweise in der Lage, einige Schiffe am engsten Punkt der Straße von Hormus – dort, wo die Schifffahrtslinien in beide Richtungen nur 3,2 km breit sind – zu versenken, um diese zu blockieren. Noch entscheidender ist, dass der Iran eine Strategie zur asymmetrischen Kriegsführung entwickelt hat, die sowohl auf Hard Power als auch auf Soft Power beruht.

Revolutionswächter in Teheran; Iran; Foto: Tasnim
Zu allem bereit: Der Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Hussein Salami, erklärte inzwischen, der Iran und seine Revolutionsgarden wollten keinen Krieg, allerdings fürchteten sie sich auch nicht davor. Die US-Truppen hätten anders als die Revolutionsgarden Angst vor dem Tod, und ein solcher Gegner sei "leicht zu besiegen". Die Revolutionsgarden behaupten, ihre Truppen hätten keine Angst vor dem Tod, weil sie als Muslime an den Märtyrertod glaubten. Demnach ist jedem, der im Kampf gegen Ungläubige stirbt, ein Platz im Paradies sicher.

Obwohl der Iran beispielsweise über keine moderne Luftwaffe verfügt, hat das Regime doch beträchtliche Fortschritte bei der Entwicklung und Produktion von Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen gemacht, die Ziele bis hin nach Israel treffen können. Darüber hinaus könnte das Regime Wahrzeichen wie die Burj Khalifa in Dubai – das höchste Gebäude der Welt ‒ ins Visier nehmen, um eine regionale Finanzkrise auszulösen.

Gewiss, auch wenn für die Präzision der iranischen Raketen nicht garantiert werden kann, könnten viele von ihnen doch die bestehenden Verteidigungssysteme der angegriffenen Golfstaaten ausweichen und treffen. Israels hochmodernes Raketenabwehrsystem Iron Dome etwa war nicht einmal in der Lage, alle der primitiven von Gaza aus abgeschossenen Raketen zu neutralisieren.

Regionale Akteure als Teherans "Versicherung"

Zudem hat das iranische Regime ein regionales Netz von Akteuren und Stellvertretern geschmiedet. Syrien und der Irak haben sich zu entscheidenden Gliedern einer Kette in einem vom Iran geführten strategischen schiitischen Bogen entwickelt, der von Afghanistan bis in den Libanon reicht. Zu den Stellvertreterkräften des Regimes gehören Teile der schiitischen Bevölkerung Afghanistans, irakische Schiitenmilizen und die Hisbollah, die den Südlibanon kontrolliert und tausende von Raketen in Bereitschaft hält, um damit Israel ins Visier zu nehmen.

Tatsächlich ist die Hisbollah aus ihrem Krieg mit Israel im Jahr 2006 gestärkt hervorgegangen. Darüber hinaus kann der Iran tausende von extrem entschlossenen Selbstmordattentätern dazu mobilisieren, sich für die Sache des schiitischen Islams und des Nationalismus  zu opfern. Diese Bombenattentäter sind innerhalb der iranischen Sicherheitsarchitektur und im regionalen Kontext eingebettet.

Im Konfliktfall wäre der Iran daher kein leichtes Ziel. Im Gegenteil: Ein größerer militärischer Angriff könnte zu einem unkontrollierbaren regionalen Inferno führen. Beide Seiten haben daher gute Gründe, keinen Krieg zu beginnen.

Amin Saikal

© Project Syndicate 2019

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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