Iranische Literatur

Im Kopf des Zensors

In der Islamischen Republik gibt es eine strenge und oft willkürlich erscheinende Zensur von künstlerischen und publizistischen Werken. Der Schriftsteller Alireza Abiz hat jetzt erstmals eine Studie vorgelegt, die das Zensursystem und seine Auswirkungen auf den Buchmarkt untersucht. Gerrit Wustmann hat „Censorship of Literature in Post-Revolutionary Iran“ für Qantara.de gelesen.

Mahmoud Doulatabadis Roman „Der Colonel“, Amir Hassan Cheheltans Roman „Teheran, Revolutionsstraße“ und Shahriar Mandanipurs „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“: Drei Romane, die gleich mehrere Gemeinsamkeiten haben. Ihre Autoren stammen aus Iran, sie gelten als bedeutende Werke der iranischen Gegenwartsliteratur und sie sind hochpolitisch. Alle drei Werke sind bislang in zahlreichen Ländern der Welt erschienen – aber nicht im Iran.

Keines dieser Bücher hatte auch nur den Hauch einer Chance, von den Zensoren der iranischen Regierung eine Publikationsfreigabe zu erhalten. Wie ihnen ergeht es Jahr für Jahr unzähligen literarischen Werken – von denen es leider nur eine überschaubare Minderheit zu einer deutschen Übersetzung schafft. In der Islamischen Republik herrscht eine rigide Zensur von Büchern, Filmen, Musik, Presseerzeugnissen und jeglichen anderen künstlerischen und publizistischen Werken. Wer ein Buch veröffentlichen will, muss es vorab dem Ministerium für Kultur und Islamische Führung vorlegen. Dieses entscheidet, ob das Werk eine Freigabe oder ein Publikationsverbot erhält – oder ob es mit vom Ministerium vorgegebenen Änderungen erscheinen kann.

Zur Zensurpraxis gibt es eine Vielzahl von Essays und Aussagen, vorwiegend von iranischen Exilautorinnen und Exilautoren, in Interviews, aber diese lassen kaum eine klare Linie erkennen, mitunter widersprechen sie sich sogar. Das ist ein Hinweis auf Willkür bei der Zensur. Wie das Zensursystem genau funktioniert, hat nun der heute in London lebende iranische Schriftsteller Alireza Abiz untersucht. Abiz hat mehrere Lyrikbände veröffentlicht und außerdem Dichter wie Ted Hughes, Allen Ginsberg und William Butler Yeats ins Persische übersetzt. Er hatte folglich selbst schon einige Male mit dem Ministerium zu tun. Auch Übersetzungen fremdsprachiger Werke werden geprüft und oft zensiert.

Große Auslegungsspielräume für Zensoren

Für sein Ende 2020 erschienenes Buch „Censorship of Literature in Post-Revolutionary Iran: Politics and Culture since 1979“ (I.B.Tauris) berichtet er aber nicht nur über eigene Erfahrungen mit Zensur. Er hat auch mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen gesprochen und Einsicht in Papiere und Statistiken des Ministeriums genommen. Teilweise wurden diese selbst vom Ministerium veröffentlicht, zusätzlich konnte Abiz auf die eigene Korrespondenz mit dem Ministerium zurückgreifen und bekam auch Material von anderen Autorinnen und Autoren.

So konnte er an zahlreichen Textbeispielen nachvollziehen, wie Zensur im Detail funktioniert. Außerdem bietet er einen Abriss der Geschichte der Zensur in Iran seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist die erste umfangreiche Studie dieser Art – und natürlich darf sie in Iran nicht erscheinen.

Nicht nur Zeitungen, auch Bücher unterliegen im Iran strengen Kontrollen; Foto IRNA.
Rigide Zensur in der Islamischen Republik: Nicht nur Bücher, auch Filme, Musik, Presseerzeugnisse und alle anderen künstlerischen und publizistischen Werke müssen vor einer Veröffentlichung dem Ministerium für Kultur und Islamische Führung vorliegen. Dieses entscheidet, ob das Werk eine Freigabe oder ein Publikationsverbot erhält – oder ob es mit vom Ministerium vorgegebenen Änderungen erscheinen darf.

Dabei garantiert die iranische Verfassung Meinungs- und Publikationsfreiheit, allerdings mit einer Einschränkung: In Kapitel 3, Grundsatz 24 heißt es, diese Freiheit dürfe nicht „die Grundlagen des Islam und die Rechte der Öffentlichkeit“ beeinträchtigen. Das ist reichlich schwammig formuliert, wird zwar von Gesetzen ergänzt und konkretisiert, gibt den Zensoren aber auch große Auslegungsfreiheit.

Es gibt einige Kernthemen, die nahezu immer problematisch sind, wie etwa Kritik am Islam, an der iranischen Regierung und ihren Institutionen, Sexualität oder Alkohol. Einen konkreten Leitfaden, an dem sich Autorinnen und Autoren orientieren könnten, gibt es aber nicht. Während bestimmte Begriffe manchmal zensiert werden, dürfen sie in anderen Texten stehenbleiben. Mal muss zum Beispiel der Begriff „Wein“ gestrichen werden, mal ist er akzeptabel. Oft kommt es darauf an, ob Zensoren nur nach Stichworten vorgehen oder auch den Kontext beachten.

Abiz verweist auf den Fall eines Buches des portugiesischen Schriftstellers José Saramago, das in drei unterschiedlichen persischen Übersetzungen vorliegt. In allen drei Varianten sind andere Passagen zensiert. Während der eine Übersetzer sich mit der Zensurbehörde über bestimmte Formulierungen streiten musste, sind diese in einer anderen, längst publizierten, Fassung enthalten.

Bisweilen kommt es auch vor, so Abiz, dass Zensoren sich als Literaturkritiker verstehen und Büchern nur deshalb die Freigabe verweigern, weil sie ihnen missfallen. Dann kann die Begründung für das Publikationsverbot schon mal „banaler Inhalt, schlechter Schreibstil“ lauten.

Buchcover. „Censorship of Literature in Post-Revolutionary Iran“; Foto: Verlag I.B.Tauris
Der in London lebende iranische Dichter, Literaturkritiker und Übersetzer Alireza Abiz, geb. 1968, hat die erste systematische Studie über die Zensur in Iran herausgebracht. Zwar gibt es zur Zensurpraxis eine Vielzahl von Essays und Aussagen von iranischen Exilautorinnen und Exilautoren, aber diese lassen kaum eine klare Linie erkennen, mitunter widersprechen sie sich sogar. Abiz hat jetzt anhand eigener Erfahrungen und denen von Kolleginnen und Kollegen untersucht, wie das Zensursystem genau funktioniert.

Das mag lustig klingen, die Auswirkungen sind aber fatal. Aus einer Analyse der Arbeit des Ministeriums in den Jahren 1996 und 1996 geht hervor, dass gut zehn Prozent aller belletristischen Titel verboten wurden. Bei einem Großteil der veröffentlichten Bücher wurden bisweilen drastische Änderungen und Streichungen vorgenommen. Es gibt Autorinnen und Autoren, bei denen all das zu Selbstzensur führt; andere finden immer neue Wege, die Zensur zu umgehen, indem sie ihre Inhalte verklausulieren, neue Metaphern finden oder mit altmodischen Begriffen arbeiten, die manchen Zensoren nicht geläufig sind.

Die Zensur schafft Bestseller

Doch all das ist der harmlosere Teil. Während staatstreue Künstlerinnen und Künstler massiv und mit gigantischen Geldmitteln gefördert werden, werden kritische Stimmen systematisch drangsaliert. Nicht nur ihre Werke werden zensiert, sie leiden auch unter Auftritts- und Arbeitsverboten. Verlage können geschlossen werden, wenn sie zu oft unliebsame Bücher verlegen. Und nicht wenige von denen, die trotz all dem weitermachen, dem Druck standhalten, nicht ins Exil gehen, landen im Gefängnis, wo ihnen Folter droht. Unvergessen sind die sog. 'Kettenmorde' der späten 1990er Jahre, als Todeslisten kursierten und Künstlerinnen und Künstler ermordet wurden. Bis heute müssen Kritiker des Staates mit der Todesstrafe rechnen.

Doch Zensur und Repression haben auch Effekte, die nicht im Sinne der Zensoren sein dürften. Das dürfte nicht nur für Iran, sondern für nahezu jedes Land gelten, in dem die Freiheit des Wortes unterdrückt wird. Abiz zitiert den Dichter Ahmad Shamlu, der darauf hinweist, dass viele Bücher allein durch die Zensur und die Drangsalierung ihrer Verfasser zu Bestsellern auf dem iranischen Schwarzmarkt und zu international wahrgenommenen, oft preisgekrönten Werken wurden.

Das ist einerseits gut, weil die Ziele der Zensur – Stimmen zum Schweigen zu bringen – von ihren eigenen Aktionen konterkariert werden. Abiz lässt aber auch eine Kritik anklingen, die ganz besonders in Deutschland gehört werden muss: Durch die Fokussierung auf verfolgte und zensierte Autorinnen und Autoren seitens des Buchmarktes und der Medien entstehe ein Zerrbild, schreibt er.

Die wenigen Bücher aus Iran, die in deutscher Übersetzung erscheinen, dürfen in aller Regel entweder in Iran nicht erscheinen oder sie wurden von Autorinnen und Autoren geschrieben, die ins Exil gehen mussten. Dass die iranische Literatur aber wesentlich mehr zu bieten hat, als kritische politische Werke, die sich mit der Lage im Land nach 1979 befassen, geht dabei völlig unter. 

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2021

Alireza Abiz, geb. 1968, ist ein iranischer Dichter, Literaturkritiker und Übersetzer. Er lebt in London.

Alireza Abiz, Censorship of Literature in Post-Revolutionary Iran: Politics and Culture since 1979, I. B.Tauris, 2020

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