Iranische Künstlerin Parastou Forouhar

Kunst als politische Waffe

Vor elf Jahren wurden die Eltern der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar ermordet. Bis heute kämpft sie für eine Verurteilung der Täter und gegen das System in ihrer Heimat – auch mit ihrer Kunst. Werner Bloch berichtet.

Vor elf Jahren wurden die Eltern der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar ermordet. Bis heute kämpft sie für eine Verurteilung der Täter und gegen das System in ihrer Heimat – auch mit ihrer Kunst. Werner Bloch berichtet.

Parastou Forouhar; Foto: Parastou Forouhar
Widerstand gegen das iranische System mit den Mitteln der Kunst: Parastou Forouhar

​​Am liebsten würde sie einfach da sitzen bleiben, wo sie die letzten Tage zugebracht hat: vor dem Computer. Im Internet recherchiert Parastou Forouhar permanent und versucht, sich ein Bild von der Lage im Iran zu machen, sie telefoniert mit Freunden, schreibt Emails und hat immer die Sorge, dass die Gewalt dort eskaliert.

Mussawi, sagt die 47-jährige Künstlerin etwas müde, sei zwar nicht ihr Wunschkandidat, aber viele Intellektuelle und Künstler engagierten sich für ihn – nicht, weil sie von ihm begeistert seien, sondern als Protest gegen die fortschreitende Repression unter Präsident Ahmadinedschad.

"Seit dem Amtsantritt von Ahmadinedschad ist es viel schlimmer geworden", sagt sie. "Vorher sind Freiräume geschaffen worden, zum Beispiel in der Kunstszene. Das wurde alles Schritt für Schritt zurückgedrängt."

Natürlich, stöhnt Parastou Forouhar, versuchten die Künstler, neue Freiräume zu schaffen, im Internet. Aber auch dort versuche die Regierung, neue Barrieren zu bauen. "Das alles sind rote Linien und da muss man die offizielle Version beachten und befolgen", erklärt sie.

Der Elternmord und seine Verfolgung

Parastou Forouhar ist eine der bekanntesten iranischen Künstlerinnen: Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main, nachdem sie zuvor in Teheran Kunst studiert hatte. Mittlerweile hat sie an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen, ihre Themen sind immer wieder die Situation der Frauen und die Menschenrechte in ihrer Heimat.

​​Für Parastou Forouhar ist der eiserne Griff der Islamischen Republik besonders unerträglich: Am 21. November 1998 wurden ihre Eltern, beide wichtige Oppositionspolitiker, von Angehörigen des Geheimdienstes ermordet - mit Dutzenden von Messerstichen, auf besonders brutale Weise, die offenbar abschreckend wirken sollte. Es war der Beginn der so genannten "Kettenmorde", die Aufmerksamkeit und Bestürzung in der ganzen Welt hervorriefen.

Seitdem kämpft die Frau mit dem kurzen schwarzen Haar und den markanten Gesichtszügen dafür, dass die Verantwortlichen verurteilt werden. Unzählige Male hat sie vor Gericht Klage eingereicht, Beweismittel vorgelegt, Artikel und offene Briefe verfasst. Daraus machte sie eine Dokumentation mit dem Titel "Chronik von der Ermordung unserer Eltern". Sie stellte ihre Recherchen ins Internet und hat immerhin einige Erfolge erzielt: Insgesamt 18 Personen wurden vor Gericht gestellt und teilweise verurteilt.

Jahrelanges Warten auf Sühne

Das iranische Informationsministerium musste zugeben, dass Angestellte des Geheimdienstes in den Mord verwickelt waren. In einem Prozess vor einem Militärgericht wurden Haftstrafen und sogar zwei Todesurteile ausgesprochen, die allerdings nicht vollstreckt wurden, weil sich Parastou Forouhar gegen die Todesstrafe ausspricht.

Bestraft wurden allerdings nur die Handlanger des Systems, die Künstlerin ist unzufrieden: "Diejenigen, die den Befehl ausgesprochen haben und die, die hinter solchen politischen Morden standen und jahrelang Dissidenten im Iran ermordet haben, wurden nicht angetastet!", sagt sie enttäuscht. Obwohl einige der Verdächtigen vor Gericht ausgesagt hatten, den Befehl vom Minister selbst erhalten zu haben, wurde dieser Aussage keine Beachtung geschenkt.

Der Hauptverdächtige, ein Stellvertreter des Informationsministers, soll sich im Gefängnis umgebracht haben. Daher habe sie auch nicht an der Gerichtsverhandlung teilgenommen, erklärt sie.

Kunst als politische Waffe

Darum kämpft Parastou Forouhar weiter – auch mit den Mitteln der Kunst; gegen unglaubliche Widerstände stellt sie weiterhin im Iran aus.

​​Einmal wollte sie in einer großen Galerie in Teheran eine Serie von Fotografien zeigen: kahlrasierte Hinterköpfe von Männern, die einen Tschador trugen. Die Reaktionen der Regierung ließen nicht lange auf sich warten, zwei Tage vor der Eröffnung erhielt ihre Galeristin einen Anruf vom Kulturministerium mit der "Empfehlung", auf die Ausstellungseröffnung zu verzichten.

"Das bedeutet: Es können Schlägertrupps vorbeikommen, alles wird kurz und klein geschlagen", erzählt sie. "Es kann auf jeden Fall schwierig werden. Daher haben meine Galeristin und ich und zusammen gesetzt und überlegt: Was können wir machen?" Die Lösung war hintersinnig: "Wir haben die Bilder aus den Rahmen geschnitten und nur die leeren Rahmen bei der Eröffnung ausgestellt." Die Ausstellung wurde ein Erfolg, und die Besucher kauften sie sogar. Denn jeder von ihnen wusste genau, worum es geht.

Es sind nicht nur solche kleinen subversiven Aktionen, mit denen Parastou Forouhar Widerstand gegen das System leistet. Sie will die Absurdität der Islamischen Republik und ihr hässliches Gesicht zeigen: das von Folter und Gewalt zum Beispiel, indem sie ein Damenkino entwickelt hat, bei dem sich der Leser dabei ertappt, dass er gerade eine Gewaltszene nachgespielt hat.

Niemand sei eben unschuldig, sagt Parastou Forouhar, auch nicht der Betrachter. Mit ihrer Kunst hat sie längst hierzulande das Bild von der Islamischen Republik nachhaltig geprägt.

Werner Bloch

© Deutsche Welle 2009

Qantara.de

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