Fariba Vafis Romane, bislang liegen drei auf Deutsch vor, sind filigrane, sprachlich ausgefeilte Kleinode. Kaum eine andere Autorin beherrscht es so perfekt, einen Blick hinter die Kulissen des iranischen Alltags zu werfen.

Die Keimzelle ihrer Geschichten ist die Familie und sind meist junge Frauen, deren Wünsche und Träume sich von denen ihrer Altersgenossinnen hierzulande gar nicht so sehr unterscheiden, die aber alles eines gemeinsam haben: Ihre Ambitionen scheitern an gesellschaftlichen und familiären Erwartungen, an wirtschaftlichen Zwängen und der Enge des politischen Systems, die sich immer auch im Privaten niederschlägt.

Dabei umgeht sie geschickt die Mechanismen der Zensur, indem alle kritischen Themen stets ganz knapp unter der Oberfläche schwelen. So wie bei Scholeh, der Protagonistin ihres jüngsten Romans mit dem bezeichnenden Titel "Der Traum von Tibet" (Deutsch von Jutta Himmelreich, Sujet Verlag 2018). Deren Onkel Sadegh ist gerade aus dem Gefängnis raus, und aus Kontext und Andeutungen wird klar, dass er aus politischen Gründen einsaß. Sadegh sieht für sich keine Zukunft mehr in Iran. Scholeh selbst beobachtet in sich zurückgezogen die unglücklichen Minen um sich herum.

Die "iranische Madame Bovary"

Buchcover "Die Lichter lösche ich" im Insel Verlag
Die iranische Madame Bovary: Die Erzählung der armenisch-iranischen Autorin Zoya Pirzad spielt in den Sechzigern, in der Schah-Ära, spiegelt aber zwischen den Zeilen auch die Befindlichkeiten der Gegenwart. Protagonistin Clarisse ist Ende dreißig, als sie sich, aufgerieben zwischen Haushalt und Umsorgen der Kinder, fragt, wann sie je auch mal was für sich getan hat.

Als "iranische Madame Bovary" bezeichnete die "Neue Zürcher Zeitung" Zoya Pirzads Roman "Die Lichter lösche ich" (Deutsch von Susanne Baghestani, Insel Verlag 2006). Die Erzählung der armenisch-iranischen Autorin spielt in den Sechzigern, in der Schah-Ära, spiegelt aber zwischen den Zeilen auch die Befindlichkeiten der Gegenwart. Protagonistin Clarisse ist Ende dreißig, als sie sich, aufgerieben zwischen Haushalt und Umsorgen der Kinder, fragt, wann sie je auch mal was für sich getan hat.

Die politischen Ambitionen ihres links orientierten Ehemannes interessieren sie nur am Rande, bisweilen machen sie ihr Sorgen, aber im Grunde ist die Beziehung längst eingeschlafen – da lernt sie einen neuen Nachbarn kennen, mit dem sie sich auf Anhieb gut versteht. Wäre da nur nicht ihre überbesorgte Mutter mit ihren ewigen Bedenken.

"Die Lichter lösche ich" ist ein so lockerer wie zugleich lustiger und melancholischer Roman über zwischenmenschliche Beziehungen, Midlife-Crisis und die Untiefen des Alltags im armenisch-christlichen Milieu der iranischen Stadt Abadan – so weit von den Themen der Hauptstadt entfernt, wie es nur geht.

Im Großstadtchaos von Teheran

Um kaputte Beziehungen geht es auch in Sara Salars Roman "Hab ich mich verirrt?" (Deutsch von Jutta Himmelreich, Kirchheim Verlag 2014): Mitten im chaotischen Straßenverkehr von Teheran hat die Protagonistin eine Sinnkrise. Sie beginnt, alle ihre Lebensentscheidungen anzuzweifeln. Hat sie den Richtigen geheiratet? War es richtig, ein Kind zu kriegen? Hatte nicht immer schon ihre verlorene Freundin Gandom, deren Stimme ihr unablässig durch den Kopf spukt, Recht mit all ihrer Kritik? Kann ihr der Psychiater wirklich helfen, oder verschwendet sie nur ihre Zeit?

All diese Fragen, diese innere Unruhe und Unzufriedenheit, rasen auf einen Ausbruch in die Selbstbestimmtheit zu – und das ist für Frauen in Iran heute noch immer oft genug ein Tabu. Gegen den Mann, die Familie, die Gesellschaft aufzubegehren, und sei es nur in kleinen Details. Salars Roman ist mitreißend, die Stimme ihrer Hauptfigur so lebensnah, als würde man sie schon lange kennen, als säße man neben ihr im Auto, das zum Sinnbild wird für ein Leben, das einfach liegenbleibt, das nicht mehr klaglos so weitermachen will, wie bisher.

Apropos Weitermachen: Diese sechs Romane, diese sechs sehr unterschiedlichen literarischen Stimmen sind ein Anfang. Ein Einstieg. Sie können ein Türöffner sein für all jene, die sich für iranische Gegenwartsliteratur interessieren und die das Land jenseits all der aufgeregten Schlagzeilen kennenlernen möchten.

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2020

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