Iranisch-europäische Gegenwartskunst

"Atomic Fusion" – Reflexionen zwischen Berlin und Teheran

Unter dem Titel "Atomic Fusion" stellen derzeit iranischstämmige Künstler in Berlin aus. Sie begegnen dem politischen Konflikt zwischen Iran und Europa mit individuellen Perspektiven. Ariana Mirza hat sich umgeschaut.

Unter dem explosiven Titel "Atomic Fusion" stellen derzeit junge iranischstämmige Künstler in Berlin aus. Sie begegnen dem politischen Konflikt zwischen Iran und Europa mit individuellen, kulturübergreifenden Perspektiven. Ariana Mirza hat sich in der Ausstellung umgeschaut und sprach mit den Veranstaltern über ihr Gesamt-Projekt "Reloading Images".

Ausstellungsplakat Atomic Fusion; Foto: www.reloadingimages.org
Manche Exponate wirken wie eine "Kunst gewordene" Aufforderung zum direkten Dialog

​​In Techni-Color-Farben getauchte Männerporträts schweben vor einer Fototapete mit Alpenlandschaft. Vordergründig verweist die Inszenierung ironisch auf bekannte Muster orientalischer Ästhetik. Doch die ästhetische und inhaltliche Eingrenzung "Orient" erweist sich als trügerisch.

"Sowohl die stilisierte Form der Ikonografie als auch der Hang zum Exotischen sind wesentliche Bestandteile der populären westlichen Kultur", erklärt der in Berlin ansässige Videokünstler Kaya Behkalam. Hollywood und Bollywood seien in dieser Hinsicht gar nicht weit voneinander entfernt.

In der Ausstellung "Atomic Fusion" wird die persönliche Ost-West-Erfahrung als künstlerisches Material entdeckt. Die Künstlerinnen und Künstler stammen aus iranischen Familien, leben und arbeiten aber in westlichen Metropolen wie London, Paris und Berlin.

Die unmittelbare biografische Erfahrung zweier Kulturen fließt in alle vertretenen Arbeiten ein. Doch die Umsetzung dieser gemeinsamen Erfahrung geschieht auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Spielt die eine Installation mit Klischees und Erwartungshaltungen, so wirkt das benachbarte Exponat wie eine "Kunst gewordene" Aufforderung zum direkten Dialog.

Unterschiedliche Positionen

Nicht nur inhaltlich, auch formal bietet die kleine Ausstellung eine beachtliche Bandbreite von Positionen. So präsentiert die "narrative Architektur" von Shirin Homann-Sadat eine nüchterne, sorgsam komponierte Betrachtung von Fakten. Die intellektuelle Aufforderung, die Homann-Sadats thematischen Kartografien des Iran innewohnt, steht im Gegensatz zur sinnlichen Ansprache, die die Installation von Bijan Anquetil und Sebastien Cabour auszeichnet.


Die Künstlerinnen und Künstler stammen aus iranischen Familien, leben und arbeiten aber in westlichen Metropolen

​​Die in Paris lebenden Künstler versetzen die Besucher in einen emotionalen Zwischenraum. Projektionen, Geräuschkulissen und trügerische Spiegelbilder suggerieren zunächst ein sinnliches Eintauchen in eine "fremde" Lebenswelt. Doch letztlich werden die Besucher auf sich selbst zurückgeworfen. Die visuellen Eindrücke erweisen sich als Schimären, die minutenlange "Reise in die Fremde" endet mit einer Desillusionierung.

Wie scharf sein Blick sowohl für Parallelen als auch für Widersprüche unterschiedlicher Gesellschaften ist, beweist Kaya Behkalam in seiner Videoinstallation zum Thema Reflexion.

Überlebensgroße Porträts der iranischen Revolutionsführer, die sich hier in Teheraner Glasfassaden spiegeln, erinnern die Besucher recht bald an die allgegenwärtige Präsenz überdimensionierter Reklame in westlichen Metropolen. Obwohl konträre Ideologien propagiert werden, gleichen sich die Transportmittel.

Ein neues Bild vom Orient

Die kryptischste Arbeit der Ausstellung stammt von Alireza Ghandchi. Er seziert in verschiedenen Sektionen die Fotografie einer Hand, die mit einem Messer bewaffnet und mit einer Kette gefesselt ist. Das Herauslösen einzelner Bildelemente soll die Mechanismen von Wahrnehmung und ihre unterbewusste Verknüpfung mit vorgegebenen Interpretationen entlarven.

Wie sehr Wahrnehmung von festgefügter Erwartungshaltung beeinflusst ist, thematisiert auch Azin Feizabadi. Der Künstler hat eine Fernsehaufzeichnung scheinbar authentisch mit arabischen Schriftzeichen untertitelt. Erst bei längerer Betrachtung erweist es sich als unmöglich, dass die Untertitelung die abgebildeten Vorgänge tatsächlich wiedergibt.

Die Ausstellung "Atomic Fusion" bildet den Auftakt der Reihe "Reloading Images". Ziel ihrer Kunstaktionen sei die Revision des vorherrschenden Bildes vom Orient als Gegenpol zum Okzident, heißt es seitens der Veranstalter.

Ihre eigene transkulturelle Identität böte den Künstlerinnen und Künstlern einen guten Ausgangspunkt, um "sich selbst und andere in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit zu erfahren".

Wer schon während des Ausstellungsbesuchs Gefallen an dem Gedanken der Transkulturalität findet, kann dies übrigens sofort bekunden. Die Gast-Installation "Office of the Transnational Republic" bietet die Möglichkeit, sich dort als Weltbürger registrieren zu lassen.

Ariana Mirza

© Qantara.de 2006

Die Ausstellung "Atomic Fusion" ist bis zum 18.März 2006 in der Galerie "Projectspace E4" in der Eberswalder Straße 4 in 10437 Berlin zu sehen

Qantara.de

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