Und auch der Panarabismus hat keinen nennenswerten Einfluss auf die politische Identitätsbildung in diesen Staaten. Die Golfstaaten haben zudem erkannt, dass eine Konfrontation mit der Trias aus Schia, Paniranismus und dem iranischen Nationalstaat nicht in ihrem Interesse liegt, auch weil sie dem Iran militärisch - konventionell und gegebenenfalls auch atomar - unterlegen sind.

Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass das militärische Kräftegleichgewicht zwangsläufig zugunsten des Iran entschieden wäre: Jahrzehnte des militärischen und wirtschaftlichen Embargos haben sowohl das iranische Militär als auch die iranische Wirtschaft empfindlich geschwächt. In der Summe ist der Iran derzeit dennoch in der Lage langanhaltende und zermürbende Konflikte einzugehen, die für beide Seiten verheerend wären.

Daher ist es besonders wichtig, das arabisch-iranische Verhältnis auf dem Parkett der Beziehungen zwischen gleichberechtigten Nationalstaaten zu verhandeln - nicht als Auseinandersetzung von Nationalstaaten auf der einen und einem Staat mit expansionistischem Großreichsanspruch auf der anderen Seite. Das mag träumerisch und utopisch klingen, im Kern ist es aber ein pragmatisch-politischer und vor allem gangbarer Ansatz: Er bringt das einzige Szenario ins Spiel, das die Region vor einer Katastrophe mit unabsehbaren langfristigen Auswirkungen bewahren kann.

Gegenseitige Anerkennung der nationalen Souveränität

Das Herz dieses Szenarios bilden die gegenseitige Anerkennung der nationalen Souveränität und die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen, die sowohl den Golfstaaten als auch dem Iran mehr Stabilität bringen und ihre Entwicklung stützen würden. Dadurch wirken sie Stagnation und wirtschaftlichen Krisen entgegen, die politischen Radikalismus und Extremismus hervorbringen, der für alle Seiten zerstörerisch ist.

Der Publizist und Wissenschaftler Khaled Hroub; Foto: Universität Birzeit
Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub ist Berater des "Oxford Research Group's (ORG) Middle East Programme" und zählt gegenwärtig zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum. Er war Direktor des "Cambridge Arab Media Project" an der Universität Cambridge.

Ein im Inneren geschwächter und wirtschaftlich am Boden liegender Iran, der Extremismus produziert und expansionistisches Gedankengut vertritt, ist nicht im Interesse der arabischen Staaten. Genauso wenig liegt es im Interesse des Iran, dass seine arabischen Nachbarn im Irak, den Golfstaaten und dem Jemen der Zerstörung anheimfallen, denn die Konsequenz wäre ebenfalls lediglich die weitere Förderung von religiösem und konfessionellem Extremismus. Beide Seiten würden also davon profitieren, im Rahmen einer nationalstaatlichen Logik zu handeln, die dem Extremismus Einhalt gebietet und sich am gemeinsamen Wohl der Nachbarn orientiert.

Das derzeitige Ausmaß der Feindseligkeit zwischen dem Iran und den Golfstaaten erreicht nicht mal ein Zehntel der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich beziehungsweise Deutschland und Großbritannien nach den beiden Weltkriegen, die zusammen mehr als 100 Millionen Menschen das Leben kosteten. Trotzdem schlossen sich diese Länder nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Basis ihrer gemeinsamen Interessen zu einer regionalen Wirtschafts- und Sicherheitsunion zusammen, deren Entstehung ihnen große Zugeständnisse und den Verzicht auf Machtansprüche abverlangte.

Aus diesem Zusammenschluss entwickelte sich der heute größte aktive Wirtschaftsblock der Welt: die Europäische Union. Die Geschichte der EU liefert uns ein überzeugendes und inspirierendes Beispiel dafür, wie aus Feindseligkeit Kooperation entstehen kann. Die arabischen Staaten und der Iran müssen sich entscheiden: Entweder sie bekämpfen sich weiter gegenseitig, oder sie beginnen endlich zusammenzuarbeiten.

Khaled Hroub

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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Leserkommentare zum Artikel: Zwischen Konfrontation und Annäherung

Eine unglaublich schlechte Analyse des iranisch-arabischen Konfliktes. Auf der einen Seite wird der Paniranismus und und der vermeintliche schiitische Expansionismus vor allem im 2. Fall maßlos überhöht. Auf der anderen seite der religiös politische expansionismus der Golfstaaten geradezu negiert. Zur Geschichte der Verfolgung und Ermordung von Schiiten durch die Sunniten und zum arabisch-islamischen militärischen Expansionismus kein Wort. Auch nichts zum Iran Irak Krieg bei dem der Irak den Iran überfallen und dort verheerend gewütet hat. Gerade diese Ereignisse und weitere erklären aber die iranische Politik. So etwas hätte ich von der Bild zeitung erwartet aber nicht von einem Akademiker.

Thomas Esseling13.06.2018 | 04:15 Uhr