Logischerweise stellt das eine Herausforderung für das arabisch-iranische Nachbarschaftsverhältnis dar. Darüber hinaus provoziert es eine religiös-salafistische Reaktion in der Region und vertieft bestehende konfessionelle Gräben.

Zwischen Paniranismus und Nationalstaatlichkeit

Das zweite Identitätskonzept ist der persische Nationalismus oder Paniranismus, in seinen unterschiedlich radikalen Ausprägungen. Seine nationalistisch gefärbte feindselige Haltung gegenüber den Arabern und sein ausgeprägtes Streben nach imperialer Größe sind wohl für die iranischen Beziehungen mit ihren Nachbarn und den arabischen Staaten die entscheidenden Faktoren. Der Paniranismus und das religiös konnotierte Identitätskonzept überlappen sich demnach in ihrer expansionistischen Haltung und dem Streben nach mehr Einfluss in der Region.

Der Nationalstaat ist das Herzstück der dritten iranischen Identitätskonzeption. Dieser Staat handelt wie alle Nationalstaaten im Rahmen seiner Interessen und Strategien politisch pragmatisch. Es ist diese iranische Identitätskonzeption, die die Möglichkeit einer besseren Zukunft und die Aussicht auf regionale Zusammenarbeit auf Basis der gemeinsamen Interessen eröffnet.

Diese drei Identitätskonzepte sind verwoben in komplizierten, wechselseitig aufeinander bezogenen Beziehungen und Dynamiken. Sie konkurrieren in manchen Punkten und treffen sich in anderen, sind sich aber nicht notwendigerweise und immer in allen Angelegenheiten oder politischen Strategien einig. Im Gegenteil, das Verhältnis der nationalstaatlichen Identität auf der einen sowie dem Paniranismus und der religiös-staatlichen Identität auf der anderen Seite ist chronisch angespannt und alle drei genannten Ideen haben ihre Anhänger in Politik und Militär.

Saudi-Arabiens König Salman bin Abdulaziz Al Saud; Foto: picture-alliance/dpa
Neu aufbrechendes sunnitisch-schiitisches Schisma: Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen der saudischen Führung und dem Iran bekam neue Nahrung durch den Atomdeal, den die UN-Vetomächte und Deutschland 2015 mit dem Iran schlossen. Riad sah darin einen Verrat der USA und fürchtet seitdem einen wachsenden Einfluss Teherans. Auf US-Präsident Donald Trump setzen die Herrscher in Saudi-Arabien und seine Verbündeten wegen dessen Anti-Iran-Rhetorik daher große Hoffnungen.

Auf dem außenpolitischen Parkett agieren diese drei Fraktionen sowohl regional als auch international als würden sie festgelegte Rollen ausfüllen, was aber nicht notwendigerweise impliziert, dass sie einem exakt abgestimmten Plan folgen.

Unabdingbarer Aufbau nationalstaatlicher Beziehungen

Eine zukunftsorientierte Herangehensweise der arabischen Länder würde bedeuten, dem Iran auf der nationalstaatlichen Ebene zu begegnen und die Zusammenarbeit mit denjenigen Gruppierungen im Staatsapparat zu forcieren, die den Iran nicht mit einem expansiv-imperialen Anspruch religiöser oder paniranischer Prägung vertreten.

Die zunehmende Verankerung des nationalstaatlichen Gedankens im Iran gehört zu den notwendigen Bedingungen, um den Raum für eine zukünftige Zusammenarbeit auf regionaler Ebene zu schaffen, denn trotz ihrer gängigen Parolen und der Vermittlung des Gefühls von Größe und Überlegenheit wissen weder die Vertreter des religiös geprägten Staates noch die eines anvisierten Großirans genau, was eigentlich ihre Ziele sind.

Demgegenüber ist es gut vorstellbar, dass sich die Vertreter der nationalstaatlichen Idee rationaler verhalten und genauer wissen, was die Interessen "ihres" Irans sind: Sicherheit, Stabilität, wirtschaftlicher Aufschwung und Fortschritt. Das alles kann durch regionale Zusammenarbeit und eine aktive Rolle des Irans in der Region erreicht werden, ohne dass es mit mehr Einfluss und Kontrolle für ihn einhergehen müsste. Die Umsetzung dieser Interessen ist absolut legitim und es sind genau die gleichen Ziele, die die arabischen Länder und die Golfstaaten für sich erreichen wollen.

Identitätskonzeption in den Golfstaaten

Stellen wir uns analog die Frage nach dem Selbstverständnis und der Identitätskonzeption in den Golfstaaten, wird klar, dass sowohl ihre Definition von sich als politische Entität als auch ihre politische Identität (ganz im Gegensatz zum Iran) eindeutig und unumstößlich in der Idee des Nationalstaates verankert sind. In diesen Ländern gibt es keine Expansionsideologie, weder religiös noch nationalistisch motiviert. Dschihadistische und nicht-dschihadistische Strömungen des Salafismus positionieren sich in der Regel gegen den Nationalstaat und bekämpfen ihn sogar häufig.

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Leserkommentare zum Artikel: Zwischen Konfrontation und Annäherung

Eine unglaublich schlechte Analyse des iranisch-arabischen Konfliktes. Auf der einen Seite wird der Paniranismus und und der vermeintliche schiitische Expansionismus vor allem im 2. Fall maßlos überhöht. Auf der anderen seite der religiös politische expansionismus der Golfstaaten geradezu negiert. Zur Geschichte der Verfolgung und Ermordung von Schiiten durch die Sunniten und zum arabisch-islamischen militärischen Expansionismus kein Wort. Auch nichts zum Iran Irak Krieg bei dem der Irak den Iran überfallen und dort verheerend gewütet hat. Gerade diese Ereignisse und weitere erklären aber die iranische Politik. So etwas hätte ich von der Bild zeitung erwartet aber nicht von einem Akademiker.

Thomas Esseling13.06.2018 | 04:15 Uhr