Putin will Dauerspannung

Zarif konzentriert sich bei Beschreibung der Rolle von Soleymani auf vier Themen: das Atomabkommen, Russland, den Syrienkrieg und die Spannungen mit Saudi-Arabien. Er stellt fest, Russland wünsche keine echte Entspannung zwischen Iran und dem Westen, im Gegenteil. Moskau wolle, dass eine andauernde, aber kontrollierbare Spannung zwischen Teheran und Washington herrsche.

Vor dem Abschluss des internationalen Atomabkommens in 2015 zwischen Iran und  führenden Mächten habe General Soleymani mehrmals versucht, nach Moskau zu reisen, Putin habe das aber immer abgelehnt. Erst nach der Unterzeichnung des Abkommens hätte Putin im September 2015 Soleymani zu sich bestellt.

Nach dem Treffen der beiden wurden die Revolutionsgarden als Bodentruppen der russischen Luftwaffe nach Syrien geschickt. Nach Angaben von Zarif sei es bei diesem Eingreifen in Syrien nicht allein um Assad und den IS gegangen, sondern auch darum, die Früchte des Atomabkommens zunichte zu machen. Was auch geschah. Die Revolutionsgarden exekutierten im Iran die russische Politik. Und Staatsoberhaupt Ali Khamenei stehe mitten im Meydan.

 

Weniger wert als ein Lastenträger

Als der Interviewer mit hämischem Lachen fragt: „Wo stehen Sie denn in dieser Ordnung?“, antwortet Zarif mit einem persischen Spruch, der für tiefe Erniedrigung und Demütigung steht:

„نظام باقلی هم بار من نمی‌کند“- „Für das System bin ich nicht mal ein Träger von Bohnen“. Dann fügte er hinzu: „Vielleicht ende ich irgendwann, irgendwo im gestreiften Hemd.“

Unrealistisch ist das nicht. Vier Tage nach der Veröffentlichung des Gesprächs wurden Forderungen laut, Zarif vor Gericht zu stellen. Am Mittwoch sagte der Generalstaatsanwalt in Teheran, es seien bereits Ermittlungen gegen Zarif wegen der Audiodatei im Gang.

„Jedes Mal, wenn ich mich auf den Weg zu den Atomgesprächen machen wollte, zählte mir Soleymani Punkt für Punkt auf, welche Themen ich zur Sprache bringen und welche Ergebnisse ich erzielen sollte. Aber niemals brachte ich es fertig, Soleymani zu überzeugen, der Diplomatie zu helfen.“

Zivile Luftfahrt im Dienst der Quds-Brigaden

Als das Atomabkommen unterzeichnet war und im Dezember 2015 die Sanktionen gegen die iranische Fluggesellschaft Iran Air aufgehoben wurden, beginnt der Iran, Gespräche mit Boeing und Airbus zu führen mit dem Ziel, neue Flugzeuge zu kaufen. „Einige Wochen später sagte mir der damalige US-Außenminister John Kerry, seit der Aufhebung der Sanktionen gegen Iran Air hätten sich die Flüge der Airline nach Syrien versechsfacht. Davon wussten weder Präsident Rouhani noch der Verkehrsminister etwas. Als ich den Chef von Iran Air fragte, ob das stimme, antwortet er: Ja, es sei ein Befehl von General Soleymani. Und als ich dann Soleymani fragte, warum er für seine militärischen Zwecke nicht wie bisher Mahan Air benutze, antwortete er mir: Iran Air sei sicherer.“ Die Tatsache, dass die zivile iranische Fluggesellschaft militärische Güter nach Syrien brachte, schadete der iranischen Glaubwürdigkeit enorm.

Die Audiodatei enthält eine Fülle von solchen erschreckenden und historisch interessanten Einzelheiten aus der Geheimdiplomatie über einen Bürgerkrieg in einem fremden Land, der seither hunderttausende Tote und Millionen Flüchtlinge produziert hat. „Es war Außenminister Kerry, der mir damals berichtete, die Israelis hätten die iranischen Truppen in Syrien bereits 200mal bombardiert“, hört man den zornigen Außenmister sagen. So gesehen ist diese Datei zweifellos ein historisch wertvolles Dokument. „Wir durften nicht einmal erfahren, wie viele Iraner in Syrien gefallen sind.“

 

 

Geständnis über ein Verbrechen

Interessant sind auch die Hintergründe zum Abschuss von Flug Nr. 752 der Ukraine International Airlines am 8. Januar 2020 in Teheran. Zwei Raketen der Revolutionsgarden führten zum Absturz der Passagiermaschine und töteten 167 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Die Katastrophe - die Hinterbliebenen sprechen von einem Verbrechen - ereignete sich an einem Mittwoch kurz nach Sonnenaufgang.

Nach dem Abschuss herrschen zwei Tage lang zunächst Schweigen, dann gab es  Lügen und Widersprüche. Längst spricht die Außenwelt von Abschuss und einer Absicht der Revolutionsgarden. „Am Freitagvormittag bin ich zum Nationalen Sicherheitsrat gegangen,“ sagt Zarif. „Fünf Leute von Militär und Geheimdienst saßen da. Ich sagte ihnen, seit zwei Tagen spreche die Welt von Raketen und Abschuss: Wenn Ihr das getan habt, sagt es mir, damit ich versuchen kann, es der Welt irgendwie zu erklären. Sie wiesen mir wie einem Gotteslästerer die Tür und sagten: Geh raus, schreib einen Tweet und dementiere alles.“ Sollte es jemals wegen dieses Verbrechens zu einem Gerichtsprozess kommen, kann diese Aussage Zarifs als gerichtsfester Beweis durchgehen. Hinterbliebene der Opfer im Ausland versuchen derzeit in verschiedenen Ländern die iranische Führung zu verklagen.

War es Netanjahu?

Man könnte ganze Seiten mit ähnlichen Informationen, Hinterzimmergeflüster und weiteren Hintergründen aus dem Gespräch Zarifs füllen. In einer vom iranischen Fernsehen übertragenen Sitzung rief Präsident Rouhani dem anwesenden Geheimdienstminister zornig zu, er solle jene finden und unbarmherzig verfolgen, die diese geheime Datei gestohlen und an die ausländischen Sender weitergeleitet hätten. Wer das gewesen sein könnte, darüber reden sich die Experten die Köpfe heiß. Wird bald ein „Schuldiger“ im Fernsehen vorgeführt?

Der ehemalige Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi jedenfalls vergleicht das Durchsickern dieser dreistündigen Files mit dem Diebstahl der geheimen Atomakte, die Israels Präsident Benjamin Netanjahu 2018 genüsslich der Welt präsentierte.

Ali Sadrzadeh

© Iran Journal

 

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