Leserpost aus dem Irak

Tsionit Fattal Kuperwasser, deren Roman im Irak regelmäßig auf den wichtigsten Buchmessen präsentiert wird, äußerte gegenüber irakischen Journalisten die Hoffnung, eines Tages das Land besuchen zu dürfen. Ihren 1951 ausgewanderten und inzwischen verstorbenen Eltern blieb das verwehrt.

Die Autorin bekommt Post von irakischen Lesern, die das Unrecht bedauern, das den Juden im Irak angetan worden ist: Es sei endlich an der Zeit, den jüdischen Beitrag zur Entwicklung eines modernen und toleranten Irak zu würdigen, schreiben sie. Ein irakischer Dichter hat ihr und ihrer Romanheldin Nuria sogar ein Gedicht gewidmet, in dem er klagt: „Wie zahlreich die Erinnerungen, die wir weggeworfen haben / Wie zahlreich, wie viele sie sind.“

Das 1973 in Or Yehuda bei Tel Aviv gegründete „Zentrum für das Erbe des babylonischen Judentums“ hat Tsionit Fattal Kuperwasser 2017 mit seinem Kulturpreis ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis zusammen mit dem 1940 in Bagdad geborenen Schauspieler und Fernsehproduzenten Yakar Semach, der ebenfalls für einen literarischen Erstling ausgezeichnet wurde.

In seinem autobiographischen Roman „In der Not blüht die Pflanze“ behandelt Semach die Geschichte seiner Familie und deren Engagement im zionistischen Untergrund im Irak. Das irakisch-zionistische Milieu ist auch Hintergrund seiner 2018 veröffentlichten zweiten Erzählung „Claire, du bist meine Mesusa“ (eine kleine Pergamentrolle mit Worten aus der Thora, die in einer Hülse am Türpfosten angebracht wird, Anm. der Redaktion). Die Erzählung beschreibt die Auswanderung zweier Bagdader Jugendlicher nach Palästina und deren Leben zwischen Kibbuz und Stadt im jungen Staat Israel.

Wie Semach greifen immer mehr ältere irakischstämmige Israelis zur Feder, um die eigenen Erlebnisse oder die ihrer Vorfahren im Irak zu historisch-fiktionalen Erzählungen zu verarbeiten. Einer dieser Autoren ist der 64jährige Ingenieur Ezra Zavani. Er ist wie Tsionit Fattal Kuperwasser in Israel geboren und wie sie versucht er in seinem 2016 erschienenen Roman „Die Traumstickerin aus Bagdad“, ausgehend von der Figur der selbstbewussten jungen Stickerin Juliette, das Leben der einfachen Bagdader Juden literarisch heraufzubeschwören.

 

Schattenseiten im jüdisch-muslimischen Verhältnis

Zavanis Erzählung widmet sich allerdings weit stärker den wechselvollen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der Stadt. Seine jüdischen Protagonisten bewegen sich auch in gemischten Wohnvierteln. Jenseits der friedlichen Koexistenz – Juliette hat beispielsweise etliche muslimische Kundinnen – wirft Zavanis Roman auch Licht auf manche Schattenseite des muslimisch-jüdischen Verhältnisses.

So liest man hier von der ungewollten Verstrickung eines jungen Juden in den von muslimischen Kriminellen betriebenen Frauenhandel oder von den Gefängniserfahrungen junger irakischer Zionisten, die ohne heroisierendes Pathos geschildert werden. Die Erzählung endet auch hier mit der kollektiven Auswanderung der jüdischen Romanfiguren nach Israel. Ezra Zavani schreibt bereits an einer zweiten Erzählung, einer Liebesgeschichte zwischen einer jungen zionistischen Aktivistin und einem Muslim im Bagdad der vierziger Jahre.

Das israelische Außenministerium hat den Trend erkannt und die Facebook-Seite „Israel im irakischen Dialekt“ eingerichtet. Sie thematisiert neben kulturellen Gemeinsamkeiten auch das Trauma der irakischen Juden, wie es etwa in dem Dokumentarfilm „Shadow in Baghdad“ (2013) zum Ausdruck kommt.

In dem Film sucht die 1950 geborene israelische Journalistin Linda Menuhin Abdel Aziz mit Hilfe eines anonym bleibenden irakischen Kollegen vergeblich nach letzten Spuren ihres Vaters, der 1972 spurlos in Bagdad verschwand. „Meine irakischen Brüder und Schwestern“ nennt sie in einem Video die irakischen Zuschauer. Brüder und Schwestern aus einer Vergangenheit, die doch weiterlebt.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2019

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Leserkommentare zum Artikel: In der Literatur lebt das irakische Judentum weiter

"Tsionit Fattal Kuperwasser, deren Roman im Irak regelmäßig auf den wichtigsten Buchmessen präsentiert wird"...
So viele Buchmessen gibt es im Irak ja nicht. Letztes Jahr habe ich auf der Buchmesse Bagdad nach Fattals Buch auf Arabisch gefragt. Der Verlagsvertreter mahnte mich, leise zu sprechen, denn ihr Buch sei im Irak "verboten"! Er reichte es mir in eine Plastiktüte gehüllt. Von wegen "präsentiert".

Zu ergänzen wäre allerdings, dass immer mehr irakische (und andere arabische) Autoren sich in ihren Romanen an "ihre" ehemaligen Juden erinnern, wie z.B. der Iraker Ali Bader. Dieser Trend besteht schon seit mehreren Jahren, auch in Syrien, Jemen, Marokko etc.

Günther Orth14.07.2019 | 20:29 Uhr

Die Behauptung von Günther Orth, das Buch von Tsionit Fattal Kuperwasser „sei im Irak ‚verboten‘!“, kann so nicht stimmen, denn es wurde nachweislich vom Verlag Mesopotamia bereits auf mehreren irakischen Buchmessen präsentiert:

Buchmesse Bagdad 2018 (https://bit.ly/2NVPZWV Buch stehend und liegend).

Buchmesse Bagdad 2019 (https://bit.ly/30yvCjY ganzer Bücherstapel, links aufgestapelt vor dem Büchertisch; das Foto im qantara-Beitrag zeigt ein Detail davon).

Buchmesse Erbil, Herbst 2018 (https://bit.ly/2YPWkEh linkes Bücheregal, zweite Reihe von oben, 5. Buch von links; Detailaufnahme: https://bit.ly/32tXmbj erstes Buch von rechts).

Joseph Croitoru17.07.2019 | 12:34 Uhr