Interview Wahid Hamed

Ägyptischer Film "Das Haus Yacoubian" bricht mit allen Tabus

Seit Jahren erregte kein ägyptischer Kinofilm so breites Interesse wie der Film "Das Haus Yacoubian". Drehbuchautor Wahid Hamed spricht über die Gerichtsprozesse, die gegen den Film angestrengt wurden, und über die freie Meinungsäußerung in Ägypten.

Seit Jahren erregte kein ägyptischer Kinofilm so breites öffentliches Interesse wie der Film "Das Haus Yacoubian". Drehbuchautor Wahid Hamed spricht über die Gerichtsprozesse, die gegen den Film angestrengt wurden, und über die freie Meinungsäußerung in Ägypten.

​​112 Mitglieder des ägyptischen Parlaments haben verlangt, einige Sexszenen aus dem Film "Das Haus Yacoubian" zu streichen, weil sie angeblich dem Ansehen Ägyptens schaden. Die Bewohner des Hauses Yacoubian haben einen Prozess angestrengt, weil sie sich durch den Film beleidigt fühlen. Wie erklären Sie sich die heftigen Angriffe gegen den Film?

Wahid Hamed: Es gibt zwar heftige Kritik an dem Film, gleichzeitig aber auch viel Unterstützung. Ich möchte beides nicht gegeneinander aufwiegen, ich respektiere sowohl die eine wie die andere Haltung.

Ich überlasse das Urteil dem Zuschauer. Mir scheint, die positiven Reaktionen auf den Film überwiegen, schließlich strömt das Publikum nach wie vor ins Kino, der Film spielt enorme Summen ein. Das bedeutet doch, dass das Publikum den Gegnern des Films kein Gehör schenkt, sondern sich auf das eigene Urteil verlässt. Das macht mich stolz und stellt einen Fortschritt für das Denken des ägyptischen Publikums dar.

Ich leugne nicht, dass der Film schockiert. Wenn man die ungeschminkte Wahrheit zeigt, erzeugt das stets einen schmerzhaften Schock. Wahrhaftiges Kino entblößt die Schwächen der Gesellschaft und dringt in verbotene Bereiche vor, natürlich bringt das Risiken mit sich. Das gilt besonders, weil das ägyptische Kino in den vergangenen fünf Jahren keinen Film mit ernsthaftem Inhalt gebracht hat, nur leichte Komödien. Natürlich erschrickt dann der Zuschauer, wenn er plötzlich etwas Ernsthaftes zu sehen bekommt.

Ich habe mich sehr darüber gewundert, dass die ägyptischen Parlamentarier, bei denen man doch einen gewissen Intellekt voraussetzen kann, verlangen, dass Szenen, in denen Homosexualität gezeigt wird, geschnitten werden, weil sie unmoralisch seien und dem Ansehen des Landes schadeten.

Nachdem aber das vom ägyptischen Parlament eingesetzte Komitee den Film gesehen hatte, entschied es, keine einzige Szene herauszuschneiden. Das ist eine empfindliche Schlappe für alle, die die Absicht haben, die Freiheit der künstlerischen Kreativität und gleichzeitig die des ägyptischen Volks zu beschneiden.

Wahid Hamed
Drehbuchautor Wahid Hamed, leugnet nicht, dass der Film schockiert.

​​Ich wünsche mir, dass alle, die ohne nachzudenken und mit ungerechtfertigten Argumenten über den Film herziehen, damit aufhören. Ich habe nichts dagegen, wenn man den Film kritisiert oder ihn ablehnt. Aber ich bin gegen die Forderungen, ihn zu konfiszieren oder bestimmte Szenen herauszuschneiden.

Der Film zeigt den Verfall, der unsere Realität prägt. Die Korruption hat sich in alle Bereiche des ägyptischen Lebens hineingefressen. Auch die Homosexualität ist so, wie sie gezeigt wird, Teil unserer Realität. Es ist die Aufgabe der Kunst, die Leute zum Nachdenken zu bringen. Unsere Widersacher wollen verhindern, dass dies geschieht, das Publikum soll nur Filme sehen, die den Verstand einlullen.

Genauso seltsam und sogar lachhaft finde ich es, wenn Parlamentarier oder wer auch immer die Szenen unmoralisch oder nicht mit dem Glauben zu vereinbaren nennen, in denen die Homosexualität dargestellt wird. Warum echauffieren sie sich nur darüber und nicht auch über die Korruption in der Politik und innerhalb der Regierung, die im Film gezeigt wird. Ist das etwa nicht unmoralisch oder im Widerspruch zur religiösen Lehre?

Ich glaube, das Ganze ist eine rein politische Angelegenheit. Die Aufregung über die Szenen, in denen die Homosexualität thematisiert wird, ist bloß ein Vorwand, um den Film zu stoppen. Niemand, der Beschwerde gegen den Film eingelegt hat, ist damit durchgekommen. Auch als die eigentlichen Hausbewohner verhindern wollten, dass in dem Gebäude gedreht wird, haben sie nichts erreicht. Das ist ein sicheres Indiz für den Sieg der Meinungsfreiheit in Ägypten.

Einige Zuschauer haben das Kino vor dem Ende des Films verlassen, andere haben bei den homoerotischen Sexszenen die Augen geschlossen, ebenso bei der Szene, in der eine mittellose junge Frau sich von ihrem Chef sexuell missbrauchen lässt, um ihre Familie ernähren zu können. Auch einige Dialogstellen fanden sie verletzend und unschicklich. Wie beurteilen Sie das?

Hamed: Ich finde diese Äußerungen merkwürdig, denn in dem Film wird niemand erniedrigt. Die Gegner des Films versuchen sich in psychologischer Kriegführung, um Stimmung gegen ihn zu machen. Wenn man in unserer Gesellschaft eine Person oder eine Sache in ein schlechtes Licht bringen will, genügt es, seine moralische Integrität in Zweifel zu ziehen. Mein Film hat nicht das Schamgefühl des Publikums verletzt, er ist eine Attacke auf die Heuchelei und Verlogenheit und hat eine schwere Erschütterung verursacht, besonders da er sowohl die Regierung als auch die Opposition kritisiert.

​​Auch verschleierte Frauen, zum Teil mit Geschichtsschleier, haben den Film gesehen. Einige von ihnen haben ihn scharf kritisiert. Mit dieser Doppelmoral leben wir hier nun einmal, das Problem ist bekannt. Der Besuch des Films ist nur Erwachsenen gestattet. Wenn man so etwas nicht sehen will, warum tut man es sich dennoch an? Es wird doch keiner gezwungen, ins Kino zu gehen.

Der Film bricht in einem Mal mit allen Tabus, die in den Bereichen Sexualität, Religion und Politik bestehen, indem er die Korruption zeigt, die in diesen drei Bereichen in Ägypten herrscht. Der Aufhänger ist das Yacoubian-Building, dessen Bewohner die Probleme, mit denen Ägypten ringt, verkörpern:

Ein korrupter Politiker, ein aristokratischer Weiberheld, eine mittellose junge Frau, die auf dem Dach des Gebäudes haust und auf der Arbeit sexuell missbraucht wird, ein begabter Student, der zum islamischen Terroristen mutiert, nachdem ihm das Studium an der Polizeiakademie verwehrt wird, weil sein Vater als Hausmeister arbeitet und zu geringes gesellschaftliches Ansehen genießt, ein Journalist, der unter seiner Homosexualität leidet, sowie ein Schuhputzer, der zum Parlamentsmitglied avanciert und die Religion zur Verwirklichung seiner ureigensten Interessen missbraucht. Der Film ist ein Dokument der Zeit, in der wir leben, denn er zeigt in aller Deutlichkeit, was viele heimlich denken.

Meinen Sie, dass es in Ägypten freie Meinungsäußerung gibt, obwohl es nicht demokratisch regiert wird? Stellt die Billigung Ihres Films durch die Kunstzensoren den Beginn einer Kinoära dar, in der die freie Meinungsäußerung uneingeschränkt zulässig ist, oder ist das eher eine Ausnahme?

Hamed: Das Recht zu freier Meinungsäußerung besteht in Ägypten, jedenfalls ist das meine Erfahrung. Ich hatte noch nie Probleme mit Zensur, und das liegt nicht an meinem Bekanntheitsgrad als Autor. Die Zensur lehnt keine guten Filme ab. Ich verlasse mich auf die Entscheidung des Publikums, das zu Millionen in die Kinos strömt, um den Film zu sehen. Das bestätigt mich darin, dass ich mich für den Inhalt in keinerlei Hinsicht schämen muss.

Der Roman, der die Grundlage des Films ist, wurde vor vier Jahren veröffentlicht und hat eine hohe Auflage erreicht. Anders als der Film hat er aber keine hitzigen Diskussionen hervorgerufen. Ist das ein Hinweis darauf, dass Ägypter nur wenig lesen?

Hamed: In der Tat, die Ägypter lesen kaum. Außerdem sind Literatur und Film zwei ganz unterschiedliche Medien. Die bewegten Bilder eines Films vermögen einen tiefen Eindruck zu hinterlassen, das macht ihn so gefährlich. Kino ist Kunst für die breiten Massen, besonders in der arabischen Welt, wo die Zahl der Illiteraten hoch ist.

Dass man über den Film diskutiert und ihn angreift, ist ganz normal und logisch, wenn man bedenkt, wie kompliziert unsere Gegenwart in jeder Hinsicht ist. Wir haben unterschiedliche Meinungen über den Krieg, der gerade im Libanon stattfindet. Wie sollten wir dann nicht auch einen Film sehr unterschiedlich beurteilen!

Interview Nelly Youssef

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell

© 2006 Qantara.de

Wahid Hamed, Verfasser von über 50 Drehbüchern, schrieb die Skripte zu den Filmen "al-Irhab wa-l-Kabab" (Terrorismus und Kebab), "Tuyur al-Zalam" (Vögel der Dunkelheit), "al-Raqisa wa-l-Siyasi" (Die Tänzerin und der Politiker), "al-Naum fi-l-Asal" (Der Schlaf im Honig), "al-Bari'" (Der Unschuldige) und andere.

Qantara.de

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Website des Films "The Yacoubian Building" (engl.)

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