Interview

Muslime in europäischen Pluralismus integrieren

Laut der EU-Studie zum Antisemitismus in Europa (EUMC) ist Antisemitismus unter jungen Muslimen weit verbreitet. Doch die Ergebnisse lassen viele Fragen offen, meint die Soziologin Irmgard Pinn. Sie warnt vor voreiligen Schlüssen.

Foto: Privat
Irmgard Pinn

​​Nach der aktuellen Studie des EUMC ("Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit") haben antisemitische Vorfälle in Deutschland, Frankreich, Niederlande,
Großbritannien und Belgien zugenommen. Dabei lenkt die Studie die Aufmerksamkeit insbesondere auf einen unter Muslimen, vor allem unter arabischen Jugendlichen, verbreiteten Antisemitismus.

Irmgard Pinn: Bei allem Respekt für die Arbeit der an der EUMC-Studie beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen lässt diese Studie meines Erachtens doch viele Fragen offen und erlaubt eigentlich nicht die weitreichenden Schlussfolgerungen, die daraus von vielen gezogen werden. Vor allem war man sich auch über die Definition von "Antisemitismus" keineswegs einig und erst recht nicht bei der Interpretation der gesammelten Informationen. Was beispielsweise ist die berechtigte Kritik an Israel bzw. an der israelischen Besatzungspolitik und wo wird die Grenze zum Antisemitismus überschritten? Bringt es uns weiter, arabische/muslimische Äußerungen der Empörung und Wut, die mit diffamierenden Bemerkungen über "die Juden" und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus durchsetzt sind, in einer direkten Beziehung zum "klassischen" europäischen Antisemitismus zu sehen und entsprechend darauf zu reagieren? Darüber gehen hier bei uns die Meinungen weit auseinander, und gerade aus kompetenten fachwissenschaftlichen Kreisen, so z.B. bei Stefan Wild, Sonia Hegasy und Mohsen Massarrat u.a.) wird ja auch vor vorschnellen, stigmatisierenden Kurzschlüssen und vor politischer Instrumentalisierung gewarnt.

Aber es trifft doch zu, wenn die EUMC-Studie auf den unter muslimischen Jugendlichen verbreiteten Antisemitismus aufmerksam macht?

Pinn: Was diese immer wieder als Gefährdungspotential ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückten, jugendlichen Muslime betrifft, so geht es ganz offensichtlich in erster Linie um die Situation in Frankreich, wo es, besonders in den Banlieues, eine Zeit lang gehäuft verbale und physische Attacken junger Migranten arabischer Herkunft gegen Juden gab. Nach neueren Erkenntnissen ist diese Gewalt inzwischen glücklicherweise wieder stark zurückgegangen.

In Deutschland haben wir schon insofern eine ganz andere Situation, als hier die allermeisten Muslime nicht arabischer, sondern türkischer Herkunft sind. Die bei uns in den letzten Jahren bekannt gewordenen Vorfälle - so besorgniserregend und verurteilenswert jeder einzelne auch ist - rechtfertigt daher meines Erachtens nicht die Behauptung, wir seien gegenwärtig mit einem "neuen", islamisch geprägten Antisemitismus konfrontiert.

Das sollte allerdings kein Grund sein, sich nicht verstärkt der Frage nach den Ursachen bestimmter, häufig zu hörender, negativer Äußerungen über "die Juden" und dem damit verbundenen Weltbild zuzuwenden. Bevor man - wie es vielfach geschieht - die Moscheen und "den Islam" für verantwortlich erklärt, wäre beispielsweise erst einmal zu klären, ob es sich bei ihnen überhaupt um religiös orientierte Jugendliche handelt, die regelmäßig eine Moschee oder Jugendgruppe besuchen usw. Nach meiner Einschätzung liegt dort, wo Jugendliche (und Erwachsene) glauben, antisemitische Diffamierungen und Gewalt gegen Juden aus dem Koran ableiten zu dürfen, eher ein Mangel an religiöser Bildung und Bindung vor, was zweifellos in Frankreich wie in Deutschland und auch in den muslimischen Ländern mit der Lebenssituation, mit der politischen Weltlage, mit generellen Bildungsdefiziten usw. zu tun hat.

Zumindest in den Teilen der muslimischen Community, die sich am Islam orientieren, könnten und sollten allerdings Moscheegemeinden und islamische Vereinigungen diesbezüglich wichtige aufklärende, vermittelnde und partizipatorische Möglichkeiten eröffnende Funktionen erfüllen, wofür jedoch zunächst einmal einige Voraussetzungen zu schaffen wären, auf die ich später noch zurückkommen möchte.

Lassen Sie uns zunächst noch etwas näher über die Ursachen sprechen, die junge Menschen zu antisemitischen Denunziationen und Gewalttätigkeiten motivieren…

Pinn:... Alain Gresh, Chefredakteur von "Le Monde Diplomatique", hat darauf für Frankreich eine meines Erachtens überzeugende Antwort gegeben, nämlich, dass es zum einen um die soziale und kulturelle Integration von zwei Minderheitengruppen in die Mehrheitsgesellschaft geht. Aus Sicht der überwiegend von Bildungschancen, vom Arbeitsmarkt und von Aufstiegschancen ausgeschlossenen arabisch-muslimischen Jugendlichen, genießen Juden in der französischen Gesellschaft ein Übermaß an Anerkennung und Privilegien: "Sie haben alles und wir haben nichts".

Zum anderen identifizieren sich diese Jugendlichen aus ihrer persönlichen Situation besonders stark mit den Palästinensern, und zwar nicht nur als Araber oder als Muslime im konkreten Konflikt mit Israel, sondern im weiteren Sinne eines "Dritte-Welt-Befreiungskampfes". Antisemitische Vorurteile werden aufgegriffen, um in diesem Kampf die eigene Position zu begründen und zu stärken. Diese Haltung findet man auch unter jungen Muslimen in Deutschland, während es hier zu Gewalttätigkeiten bisher glücklicherweise eher selten gekommen ist.

Welche Rolle spielen dabei die Eltern und die Moscheen?

Pinn: Die Eltern spielen in diesem Zusammenhang nur insofern eine Rolle, als durch die Familie Denk- und Verhaltensweisen eines bestimmten Milieus tradiert werden. Soweit es sich dabei um typische "Gastarbeiter"-Eltern handelt, fehlt es den allermeisten am nötigen Wissen und auch an Problembewusstsein für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.

Zum Einfluss der Moscheen möchte ich zunächst einmal darauf hinweisen, dass längst nicht alle Menschen, die nach formalen Kriterien Muslime und Musliminnen sind, tatsächlich eine enge Bindung an den Islam und darüber hinaus an eine Moscheegemeinde haben. Deshalb halte ich es für unzulässig, aus der Beobachtung einzelner antisemitischer Pöbeleien und Gewaltakte durch muslimische (oder muslimisch aussehende) Jugendliche direkt eine Verbindung zum Islam zu ziehen sowie Moscheen und islamische Organisationen für verantwortlich zu erklären. Man spricht ja bei vergleichbaren Aggressivitäten evangelischer oder katholischer Jugendlicher auch nicht von einem "christlichen" Antisemitismus.

Damit will ich nicht sagen, dass es unter den religiös orientierten Muslimen, in Moscheen und islamischen Vereinigungen keinen Antisemitismus gibt. Im Gegenteil: Einige der in der aktuellen Debatte immer wieder geäußerten Vorwürfe treffen durchaus zu, und darauf nicht früher und energischer reagiert zu haben, wird den Muslimen und ihren Organisationen durchaus zu Recht angelastet. Ich denke dabei an die unreflektierte Rezeption von antisemitischer Hasspropaganda, wie den berüchtigten "Protokollen der Weisen von Zion", aber auch einer judenfeindlichen - und damit eigentlich unislamischen - Auslegung bestimmter Koran-Stellen in Predigten und populärem Schrifttum.

Muslime haben es weiter versäumt, aus durch den Islam vorgegebenen Kriterien für das Verhältnis zu Juden und Christen allgemein verbindliche Maxime zu entwickeln, die sie auch in schwierigen, von Konflikten, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen belasteten Situationen davor bewahren, darauf mit Fundstücken aus der "antisemitischen Mottenkiste" zu reagieren. Schließlich betrachte ich es als einen schwerwiegenden Fehler, dass die große Zahl der sich selbst als anti-rassistisch und anti-antisemitisch verstehenden Muslime es bisher nicht fertig gebracht hat, sich klar und deutlich gegen Gelehrte und extremistische Minderheiten abzugrenzen, die bestimmte Koran-Verse in einem mit dem "klassischen" antisemitischen Weltbild übereinstimmenden Sinne interpretieren. Dies geschieht teils aus Unwissenheit und einer gewissen "Blindheit" gegenüber antisemitischen Stereotypen und Deutungsmustern, teils aber auch, weil man dem nur eine marginale Bedeutung beimisst und meint, dafür keine internen Auseinandersetzungen provozieren und zudem die Aufmerksamkeit der nicht-muslimischen Umwelt auf sich lenken zu wollen.

Wie könnte ein Engagement gegen Antisemitismus aussehen?

Pinn: In diesem Kontext wäre ein effektives, durchaus Erfolg versprechendes Engagement gegen Antisemitismus und jede Art von Rassismus anzusiedeln, bei dem auch in Deutschland lebende Muslime und Musliminnen beteiligt werden und sogar eine wichtige Rolle spielen könnten, z.B. als (Kultur-)Dolmetscher.

De facto sieht es jedoch so aus, dass zum einen religiös orientierte Muslime und ihre Organisationen weder auf politischer noch auf zivilgesellschaftlicher Ebene in nennenswerter Weise in die zahllosen Aktivitäten gegen Rassismus und Rechtsextremismus integriert sind (wobei die aktuellen Antisemitismus-Vorwürfe eine weitere Barriere bilden werden) und dass sie zum anderen mehrheitlich nur über fragmentarische, dazu oft noch ideologisch verzerrte Kenntnisse der Geschichte des Antisemitismus in Europa, der Judenverfolgung vor und während des Dritten Reiches, der Entstehung Israels und der Geschichte der Region etc. verfügen, von Rassismustheorien und ihrer Einordnung in sozial- und ideengeschichtliche Zusammenhänge, von unterschiedlichen Lesarten bestimmter Koran-Suren oder aktuellen Aktivitäten rechtsextremistischer und revisionistischer Kreise aus Europa und den USA, in muslimischen Ländern Verbündete und materielle Unterstützung zu finden, ganz zu schweigen.

Woran liegt das?

Pinn: Die meisten gegenwärtig in Deutschland lebenden Muslime und Musliminnen sind vor Jahrzehnten als Arbeitsmigranten - also als Erwachsene - eingewandert oder im "Gastarbeiter"-Milieu aufgewachsen. Während die erste Generation überwiegend nur über eine geringe Schulbildung verfügte und diese, bedingt durch Arbeits- und Lebenssituation auch nicht wesentlich erweitern konnten, haben die folgenden Generationen das hiesige Bildungssystem durchlaufen (und mehrheitlich bestenfalls einen Hauptschulabschluss erreicht).

Doch vom Geschichtsunterricht, wo ja Informationen und Aufklärung über den Antisemitismus hauptsächlich vermittelt werden sollten, ist bei den meisten nicht viel hängen geblieben. Abgesehen von der Frage, ob sie sich darin in nennenswerter Weise von Schülern nichtmuslimischer, deutscher Herkunft des gleichen Milieus und des gleichen Bildungsniveaus unterscheiden, dürfte dabei auch die erwähnte Identifikation mit Palästina und den Palästinensern sowie das Empfinden eine Rolle spielen, zur Empathie mit der jüdischen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte genötigt zu werden, während die eigenen - realen oder identifikatorischen - Diskriminierungs-, Emigrations-, Vertreibungs- und Gewalterfahrungen niemand interessieren.

Hinzu kommt, dass es unter den jüngeren, besser qualifizierten Muslimen kaum Historiker oder Sozial- und Geisteswissenschaftler mit entsprechendem Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt gibt, die ihre Erkenntnisse, Fragen und Anregungen in die muslimische Community hineintragen könnten. Die in den aktuellen Antisemitismus-Debatten immer wieder erhobene Forderung, die Moscheen und islamischen Organisationen müssten selbst für interne Information und Aufklärung sorgen und beispielsweise in ihrer Jugendarbeit antisemitischen Denk- und Verhaltensmustern entgegentreten, ist daher ins Leere geredet. Und das nicht unbedingt aufgrund einer bewussten Verweigerungshaltung (was es natürlich auch gibt), sondern weil die Voraussetzungen, also einerseits dafür qualifizierte Personen sowie andererseits Strukturen und Einrichtungen, wie man sie für einen internen Informationsaustausch und Diskussionen sowie für die Erarbeitung geeigneten Aufklärungsmaterials usw. nun einmal braucht, schlichtweg nicht vorhanden sind.

In der Presseerklärung des "Forums unabhängiger Muslime", in der Sie Mitglied sind, wird davon gesprochen, dass Muslime in Deutschland Bereitschaft zeigen, sich auf das Thema Antisemitismus einzulassen. Wie sieht diese Auseinandersetzung aus? Welche Konzepte haben muslimische Kreise in Deutschland entwickelt, dem Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen entgegenzuwirken?

Pinn: Ich denke, dass die aktuelle Debatte an den allermeisten Muslimen und Musliminnen bisher weitgehend vorbei gegangen ist. Das liegt zunächst einmal ganz einfach an der Sozialstruktur der muslimischen Community, an der Medienrezeption usw. Aber auch unter denjenigen Muslimen, die anspruchsvollere deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften lesen, sehen nur wenige im Antisemitismus ein eigenes, vorrangig anzugehendes Problem. Vielmehr herrscht insbesondere unter den religiös orientierten Muslimen, an die sich die Vorwürfe ja in erster Linie richten, der Eindruck vor, dieses Thema werde im gegenwärtigen islamfeindlichen Klima hochgekocht, um Muslime zu demütigen und in die Enge zu treiben und um die Öffentlichkeit von den mit der israelischen Besatzungspolitik verbundenen Verbrechen abzulenken.

Trotz dieser Bedenken und Vorbehalte gibt es aus diesen Kreisen - und das nicht erst seit gestern - vielfältige Aktivitäten im Rahmen des interreligiösen Dialogs und Trialogs, wozu selbstverständlich auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus gehört. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur die vielen Tagungen und sonstigen Veranstaltungen, an denen sich Vertreter des Zentralrats der Muslime und des Islamrats beteiligt haben, sowie das langjährige Engagement der Deutschen Muslim-Liga (Bonn) erwähnen.

In den aktuellen Diskussionen werden nun aber Fragen gestellt und Vorwürfe erhoben, die sich nur auf der Basis historischer und sozialwissenschaftlicher Fachkenntnisse angemessen erörtern lassen, z.B. die Beziehungen des damaligen Muftis von Jerusalem zu den Nationalsozialisten, Struktur und Wirkungsweise antisemitischer Argumentationsmuster oder die Relevanz antisemitischen Schrifttums europäischer Herkunft für den Nahost-Konflikt und das multireligiöse Zusammenleben in der Bundesrepublik. Bereitschaft und Interesse, sich dieses Wissen anzueignen und sich mit den von außen kommenden Fragen und Vorhaltungen auseinander zu setzen, sind durchaus vorhanden, und zwar nicht nur bei "freischwebenden" Intellektuellen, sondern auch unter den Vertretern von Vereinen und Verbänden.

Das Interview führte Mona Naggar

© Qantara.de 2004

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