Das gilt wohl vor allem für den Gesundheitssektor. Laut aktuellen Schätzungen haben rund 16 Millionen Jemeniten keinen Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung. Was kann eine Organisation wie "Ärzte der Welt" tun, um zu helfen?

Alsaidy: Wir sind vor allem damit beschäftigt, den vollständigen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. Derzeit sind nur rund 50 Prozent der benötigten Einrichtungen in Betrieb. Es gibt weder Geld für die Belegschaften in Krankenhäusern noch für die nötigen Instrumente und Medikamente. Deshalb unterstützen wir verschiedene Gesundheitszentren und Krankenhäuser im Land. Über unseren Hauptsitz in Paris und unsere Basis in Djibouti importieren wir Medikamente. Vor Ort bieten wir Beratungen an und stellen unsere Experten zur Verfügung. Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, der Landbevölkerung den Zugang zu medizinischen Versorgungseinrichtungen zu erleichtern. Ein Beispiel: In den vergangenen Jahren mussten schwangere Frauen aus den ländlichen Gebieten um Sanaa rund fünf Stunden reisen, um professionelle Hilfe zu bekommen. Viele junge Frauen und Kinder starben deshalb. Vor kurzem haben wir es nun endlich geschafft, ein Krankenhaus außerhalb der Stadt mit der nötigen Technik auszustatten, um Kaiserschnitte durchzuführen. Das ist natürlich nur ein kleiner Schritt, aber kleine Schritte sind besser als gar keine.

Inwiefern wird Ihre Arbeit durch den anhaltenden Konflikt erschwert?

Alsaidy: Nicht nur die Kampfhandlungen, sondern auch andere äußere Umstände behindern uns. Eines der größten Probleme ist die Blockade jemenitischer Häfen durch die Koalitionskräfte. Offiziell ist die Blockade längst aufgehoben. Tatsächlich werden die wichtigsten Hafenstädte – wie etwa Al-Hudaida im Westen des Landes – jedoch weiterhin vom Meer aus kontrolliert. Wir müssen Medikamente aus Frankreich in den Jemen exportieren, weil wir die Qualität der Medikamente vor Ort nicht garantieren können. Doch weil die Versorgungsrouten abgeschnitten sind und selbst Flugzeuge der Vereinten Nationen oft wochenlang inspiziert werden, sind die Medikamente mitunter viel zu lange unterwegs und werden noch dazu extremen äußeren Umständen ausgesetzt.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit sich die Situation verbessert?

Alsaidy: Nur Druck von außen kann helfen. Der Konflikt im Jemen ist viel zu komplex, als dass er intern gelöst werden könnte. Es gibt die Huthis im Norden, die Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens im Süden, eine ganze Reihe von sezessionistischen Gruppierungen, den Iran, die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate, die allesamt im Hintergrund agieren ...

... und noch dazu Al-Qaida und den IS, die sich in einigen Regionen des Landes ausbreiten.

Alsaidy: Das kommt noch dazu. Auf eine interne Lösung zu vertrauen, wäre daher also naiv. Vielmehr scheinen sich die Entscheidungsträger im Jemen mit dem Status Quo arrangiert zu haben. Es sind Menschen an der Macht, die ihre momentanen Positionen auf demokratischem Wege niemals erreicht hätten. Gleichzeitig geben sich Konfliktparteien wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate damit zufrieden, Regionen einzunehmen, die über Öl- und Gasreserven verfügen. Sie nehmen Vorlieb damit, die Küsten und Häfen zu kontrollieren, stoßen aber nie ins Inland vor. Es gibt also gar kein wirkliches Interesse, den Konflikt zu beenden. Der Jemen ist der Hinterhof, in dem internationale und regionale Mächte ihre Muskeln spielen lassen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Das Gespräch führte Kai Schnier.

© Qantara.de 2018

Wafa'a Alsaidy koordiniert die Jemen-Mission von Ärzte der Welt und lebt in Sanaa.

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