Interview mit Vanessa Steinmayer

"Islamisches Finanzsystem keine ernsthafte Alternative"

Die momentane Finanzkrise hat weit reichende Folgen für die Weltwirtschaft, die noch gar nicht absehbar sind. Inwiefern die islamischen Länder betroffen sind und ob ein islamisches Finanzssystem weniger anfällig für Krisen wäre, erklärt Finanzexpertin Vanessa Steinmayer. Élena-S. Eilmes hat sich mit ihr unterhalten.

Die momentane Finanzkrise hat weit reichende Folgen für die Weltwirtschaft, die noch gar nicht absehbar sind. Inwiefern die islamischen Länder betroffen sind und ob ein islamisches Finanzsystem weniger anfällig für Krisen wäre, erklärt Finanzexpertin Vanessa Steinmayer. Élena-S. Eilmes hat sich mit ihr unterhalten.

Islamische Bank in Dubai; Foto: AP
Islamic banking wurde einst als das Phänomen einiger konservativer arabischer Länder betrachtet; mittlerweile haben islamische Banken allerdings ihren Wirkungskreis erweitert.

​​Die Finanzkrise erschüttert zurzeit die Grundlagen der globalen Finanzordnung – inwiefern sind islamische Länder davon betroffen?

Steinmayer: In unserer globalisierten Welt bleibt wohl kaum ein Land von der Krise isoliert. Aber manche werden mehr als andere Länder betroffen sein. Die "islamische Welt" ist nicht einmal kulturell, aber schon gar nicht ökonomisch eine einheitliche Welt. Sie umfasst Länder mit einem so niedrigen Pro-Kopf Einkommen wie knapp 300 Dollar im Niger bis hin zu Ländern mit hohem Einkommen von über 60.000 Dollar in Qatar. Dann haben wir auch bisher boomende Länder mit mittlerem Einkommen in Südostasien wie z.B. Malaysia, die bereits 1997 eine Finanzkrise erlebt haben und daraus teilweise gelernt haben. Allerdings sind sie eher für eine Krise in der Art von 1997 gewappnet, aber wenn die Krise einmal den Realsektor erwischt und die Importnachfrage in den Industrieländern sinkt, wird es auch sie treffen.

Die ärmsten Länder haben aufgrund ihrer nicht entwickelten Finanzmärkte das Glück, nicht direkt von der Finanzkrise betroffen zu sein, leiden aber noch immer unter den Nachwirkungen der hohen Lebensmittel- und Treibstoffpreise. Die Finanzkrise selbst betrifft aber die Länder mit am meisten entwickelten Kapitalmärkten am stärksten – und dies sind genau die reichen Länder der Golfregion.

Können Sie das konkretisieren?

Steinmayer:Die Börsen in Dubai, Riyadh und Doha stürzten rapide ab, an einem Tag sogar um über 40%. Ich würde es so interpretieren, dass Anleger in diesen Ländern weniger erfahren sind und daher schneller in Panik geraten als in den klassischen Industriestaaten. Außerdem sind Anlagen dort noch viel stärker aktienlastig, da doch ein gewisser Anteil der Anleger festverzinsliche Papiere aus religiösen Gründen ablehnt.

Da die Golfstaaten finanziell eng mit der US-Wirtschaft verbunden sind, haben einige Großanleger ernorme Verluste erlitten. Dennoch gehe ich davon aus, dass die derzeitige Finanzkrise nicht dieselben Ausmaße erreichen wird wie in den USA und Europa, da die meisten Banken in den Golfstaaten überkapitalisiert sind. Ich gehe davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum in den meisten dieser Staaten verlangsamen, sich aber wahrscheinlich schneller erholen wird als in den USA und Europa. Da ihr Hauptexportprodukt noch immer Erdöl und Erdgas ist, wird der Realsektor weniger stark betroffen werden als z.B in Europa. Zwar sinkt der Ölpreis, das wird aber wiederum durch einen weniger schwachen Dollar etwas abgefedert.

In der Zeit des segelnden Ölpreises haben zudem viele erdölexportierenden Länder Reserven aufgebaut. Sie haben solide makroökonomische Fundamente – im Gegensatz zu den USA, dem Ausgangsland der Krise – und haben Zahlungsbilanzüberschüsse.

Die Ironie des Schicksals scheint mir allerdings zu sein, dass jene Staaten der Golfregion, die in der Vergangenheit erfolgreich diversifiziert haben und sich unter anderem auch als Finanzzentren entwickeln, wohl stärker betroffen sein werden, als Staaten, deren Hauptexportprodukt noch immer das Erdöl ist. Es ist auch durchaus möglich, dass ein Teil der aufgebauten Reserven aus dem Ölgeschäft nun durch die Finanzkrise abgeschrieben werden muss. Die Golfregion kann durchaus stärker betroffen sein, als es bisher noch den Anschein hat.

Die Finanzmärkte in der aufstrebenden Golfregion sind also nicht besser gewappnet gegen die Krise als in den USA und Europa?

Wirtschaftsexpertin Dr. Vanessa Steinmayer; Foto: Élena-S. Eilmes
Vanessa Steinmayer schrieb ihre Dissertation über islamische Ökonomie in Südafrika und spezialisierte sich auf die wirtschaftlichen Aspekte der Entwicklungshilfe.

​​Steinmayer: Es hat sich wohl eher aufgrund der hohen Kapitalisierung der Banken so ergeben, dass sie de facto besser gewappnet sind. Aber das war sicherlich nicht aufgrund vorausschauender Politik so geplant, sondern ist durch den großen und schnellen Wohlstand in dieser Region entstanden.

Ein wirklich gut gewappneter Finanzmarkt muss funktionierende Institutionen wie eine gut funktionierende Bankenaufsicht, gute Rating-Agenturen et cetera haben, die auch ihre Arbeit tun – denn diese haben in den USA ja versagt. Das ist in der Golfregion bisher nur rudimentär vorhanden. Auch sind die Zentralbanken nicht völlig unabhängig.

Das volle Ausmaß der Finanzkrise ist noch gar nicht bekannt, und es sickert erst nach und nach durch, wer wie viele Geschäfte mit Finanzderivaten oder mit den Lehman Brothers durchführte. Auch Anleger in den Golfstaaten haben in Subprimes (schwach besicherte Hypotheken, Anm. d. Red.) investiert, wobei ihnen – wie so vielen Anlegern – gar nicht richtig klar war, in was für ein Finanzprodukt sie investiert haben, weil es als sichere Anlage deklariert wurde.

Ebenso haben Banken in den Golfstaaten mit Lehman operiert, wobei bereits jetzt viele Investoren ihr Geld verloren haben. Außerdem gibt es dort keinen Einlegerschutz und keine freiwillige Selbstversicherung der Banken.

Was kennzeichnet eine islamische Finanzordnung?

Steinmayer: Eine islamische Finanzordnung gibt es derzeit im Grunde gar nicht. Aber es gibt sie natürlich in der Theorie, und es gibt weitreichende Literatur dazu, wie eine islamische Ökonomie und die damit verbundene Finanzordnung aussehen sollte. Ihr deutlichstes Kennzeichen ist, dass sie ohne Zinsen funktionieren sollte. Das heißt aber nicht, dass Kapital keinen Preis hat.

Im islamischen Recht wird Zins ziemlich eigenwillig definiert und deckt sich nicht mit dem ökonomischen Verständnis von Zins: Nach dem islamischen Recht ist Zins der feste Preis für Kapital. Man bezieht sich damit auf den Koran, wonach Zins verboten und Handel erlaubt sei. Allerdings liegt darin schon eine Interpretation, dass mit dem koranischen Begriff "riba" der heutige Bankzins gemeint sei, so eindeutig regelt das der Koran nämlich nicht.

Aber die islamischen Gelehrten haben sich auf die Unterscheidung zwischen Zins und Handel eingeschossen. Daher funktionieren dann "islamische Kredite" meist so, dass die Bank rein formal zuerst als Käufer für das Gewünschte auftritt und dann an den Kunden als Ratengeschäft mit Gewinnaufschlag weiterverkauft. Ökonomisch gesehen besteht kein Unterschied zum Zinskredit, aber im islamischen Recht besteht ein Unterschied, weil es sich in diesem Fall um ein Kaufgeschäft und kein Kreditgeschäft handelt.

In Anbetracht der derzeitigen Finanzkrise ist interessant, dass nach islamischem Recht hinter jedem Kreditgeschäft ein reales Geschäft stehen muss. Finanzderivate, die Mitauslöser für die Krise waren, wären in einer islamischen Finanzordnung nicht erlaubt, da man nicht Geld gegen Geld verkaufen kann. Der Verkauf von Außenständen wäre also nicht möglich.

Andererseits kann es in einer islamischen Finanzordnung keine Einlegersicherung geben, da es im islamischen Recht zur Anlage gehört, dass der Kapitalgeber einen Teil des Risikos trägt. Geht eine islamische Bank bankrott, verlieren alle Anleger, darunter auch Kleinanleger, die sich das Geld mühsam zusammengespart haben, ihr Geld. Das ist in der Vergangenheit bei islamischen Banken auch durchaus schon passiert. Das ist übrigens auch ein Grund, warum bisher in Deutschland noch keine islamische Bank genehmigt wurde, obwohl es schon versucht wurde: Erstens, weil sie nur begrenzte Finanzprodukte anbieten können und daher keine volle Banklizenz erhalten, zweitens, weil es keinerlei Einlegerschutz gibt.

Wird es deswegen neben der westlichen Finanzordnung immer auch eine separate islamische Finanzordnung geben?

Bank in Dubai; Foto: AP
Ein eigenständiges islamisches Finanzsystem ist nur bedingt lebensfähig, die Co-Existenz mit einem konventionellen Finanzsystem kann dagegen sogar fruchtbar sein.

​​Steinmayer: Es ist noch keinem Land gelungen, ein völlig zinsfreies System aufzubauen, und ich halte es auch für unmöglich. Manche Länder wie beispielsweise Pakistan und der Sudan haben es versucht und sind daran gescheitert. Daher ist die Koexistenz einer islamischen Finanznische mit dem westlichen System bereits jetzt Realität.

Der Iran hat es da sogar etwas einfacher als andere islamische Staaten, da nach schiitischem Recht einige Besonderheiten gelten: So darf ein Muslim von Nichtmuslimen Zins nehmen, oder auch ein Vater von seinem Sohn. Das wird dann so ausgelegt, dass die Zentralbank gegenüber den Geschäftsbanken Zinsen nehmen darf. Das erleichtert der Wirtschaft einiges, da der Zinsmechanismus zur Geldmengensteuerung angewendet werden kann.

Andere Staaten, die den Anspruch auf ein islamisches Wirtschaftssystem beteuern, belassen es schon seit Jahrzehnten dabei, dass sie versuchen, nach und nach ein islamisches Wirtschaftssystem zu implementieren, und führen als Entschuldigung an, dass dies seine Zeit brauche.

De facto bin ich der Meinung, dass eine eigenständige islamische Finanzordnung gar nicht eingeführt werden kann, aber es ist realistisch, dass sie weiterhin als Nische existiert und sogar expandieren kann. In Malaysia funktioniert diese Koexistenz sehr gut. Viele Banken dort haben – überspitzt gesagt – eine Haram- und eine Halal-Abteilung. Anders ausgedrückt, sie bieten unterschiedliche Finanzprodukte für unterschiedliche Kunden an. Das ist in einer Wirtschaft völlig normal.

Die islamischen Finanzprodukte können auch eine wichtige Funktion erfüllen, nämlich das Kapital jener Leute zu mobilisieren, die aus religiösen Gründen konventionellen Finanzprodukten skeptisch gegenüberstehen, und die ihr Geld im schlimmsten Fall unter dem Kopfkissen lagern, oder, was wirklich häufig ist, auf dem Girokonto. Gerade in Entwicklungsländern, wo die Sparquote oft niedrig ist, wäre das wichtig.

Der islamische Raum bietet vielfältige Investitionschancen. Viele westliche Banken buhlen inzwischen um die Gunst zahlungskräftiger, frommer Muslime – und bieten deshalb mittlerweile "schariakonforme" Produkte. Was bedeutet in diesem Zusammenhang schariakonform; handelt es sich lediglich um ein Etikett?

Steinmayer: Ja, es ist ein Etikett, aber ein Etikett muss nicht immer gleich Etikettenschwindel sein. Für jene Muslime, die sich mit der Interpretation der Gelehrten zufrieden geben, dass "riba" Zins bedeutet, mag es eine Alternative sein. Im Investment-Bereich am beliebtesten sind schariakonforme Investmentfonds. In diesen Fonds werden nur Unternehmen gelassen, die im islamischen Sinne als erlaubt empfunden werden. Nicht darin enthalten sind Unternehmen, die mit Alkohol, Schweinefleisch und Pornographie zu tun haben. Allerdings gilt auch schon die Tourismusindustrie als anrüchig sowie Fluggesellschaften, weil sie an Bord Alkohol servieren.

Unternehmen der Finanz- und Versicherungsbranche scheiden ebenfalls aus, da sie ihren Gewinn überwiegend durch Zinsen erwirtschaften. Außerdem werden in dem Fonds nur Unternehmen zugelassen, deren Fremdfinanzierungsanteil ein Drittel nicht übersteigt. Meist gibt es einen islamischen Gelehrtenrat, der die Fonds zertifiziert und überwacht. Auffällig ist, dass beispielsweise Unternehmensethik oder etwa Umweltgründe unerheblich für die Zulassung in dem Fonds sind.

Jedoch sind islamische Fonds nicht unbedingt Ethikfonds. Für orthodoxe Muslime, die sich mit der Auslegung der Gelehrten zufrieden geben, sind sie sicherlich eine Alternative. Aber man muss vorsichtig sein: Islamisch sagt noch lange nichts über die Performance des Fonds aus. Da so ein Fonds hohe Verwaltungskosten hat, würde ich langfristig eher eine schlechtere Performance voraussagen als bei konventionellen Fonds.

Ein islamisches Finanzsystem wäre also nicht immun gegen den gerade zu beobachteten Einbruch und könnte keine ernsthafte Alternative darstellen?

​​Steinmayer: Nein, es könnte keine ernsthafte Alternative darstellen, weil es nur sehr begrenzte Finanzprodukte anbieten kann. Schon allein das islamische Kreditangebot hat viel zu hohe Transaktionskosten, um sich dauerhaft durchsetzen zu können. Man muss einfach sehr kreativ sein, um die islamischen Finanzprodukte den Bedürfnissen der Kunden anzupassen, und irgendwann schlägt dann diese Kreativität in Rechtskniffe um. Das kann nicht der Sinn der Sache sein.

Eine Kreditkrise, die ja vom Immobilienmarkt ausging, hätte auch in einem islamischen Finanzwesen entstehen können, wenn wir annehmen, dass es dieses irgendwo gäbe. Wenn nun viele islamische Kreditnehmer zahlungsunfähig würden, könnte auch eine islamische Bank in Schwierigkeiten geraten; sie könnte sogar in größere Schwierigkeiten geraten als konventionelle Banken, weil eine islamische Bank zumindest rein theoretisch das Geschäftsrisiko mit tragen würde. In einer vom Realsektor ausgehenden Krise würde dann ein islamisches Finanzsystem wahrscheinlich sogar noch schneller mitkriseln, weil die Kreditabsicherung fehlt.

Es ist leicht, ein System, das nur auf dem Papier existiert, einem erprobten System gegenüberzustellen, das allerdings außer Kontrolle geraten und deshalb im Moment zusammengebrochen ist. Die derzeitige Krise ist sicherlich das Ende des Turbo-Kapitalismus, aber sie muss nicht das generelle Ende des Kapitalismus bedeuten. Gerade mit seiner Praxis der Rechtskniffe, die immer wieder betrieben wird, sehe ich das islamische Finanzsystem, zumindest so wie es propagiert wird, gar nicht als die bessere Lösung an.
Ein System mit mehr Moral und Verantwortungsbewusstsein wäre sicherlich wichtig. In den muslimischen Ländern würde mehr islamisches Ethikbewusstsein in der Wirtschaft nicht schaden, aber der Islam ist ja nicht die einzige Religion oder Philosophie, die ein Ethikbewusstsein kennt. Das finden wir überall auf der Welt und kann auch überall auf der Welt angewendet werden.

Interview: Élena-S. Eilmes

© Qantara.de 2008

Dr. Vanessa Steinmayer studierte Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Vorderer Orient an der Universität Tübingen. Sie promovierte am Institut für Entwicklungspolitik und Entwicklungsforschung der Ruhr-Universität Bochum und betrieb empirische Feldforschung in Südafrika. Seit 2003 ist sie als Wirtschaftswissenschaftlerin im Sekretariat der Vereinten Nationen angestellt, zuerst in Addis Abeba und seit 2007 in Bangkok. Ihre Dissertation "Islamische Ökonomie in Südafrika" erschien 2004 im Verlag Hans Schiler.

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