Interview mit Vanessa Rousselot

"Ich lache, also bin ich"

Seit Jahrzehnten gibt es in den palästinensischen Gebieten eine Populärkultur politischer Witze, in denen die Absurditäten des Alltags zu Schenkelklopfern verarbeitet werden. Wer über sich selbst lachen kann, der fühlt sich weniger hilflos, meint die französische Filmemacherin Vanessa Rousselot. Stephanie Doetzer traf sie in Paris.


Vanessa Rousselot; Foto: privat
"Das Klischee vom verbissenen, leicht kränkbaren palästinensischen Fanatiker stimmt überhaupt nicht. Viele vermeintliche Tabus in der palästinensischen Gesellschaft sind gar keine", meint Vanessa Rousselot.

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Sie haben ein Road-Movie über den palästinensischen Humor gedreht. Der erste Gedanke ist da doch: Was gibt es in Ramallah oder Rafah noch zu lachen?

Vanessa Rousselot: Mehr als ich dachte! Bevor ich ins Westjordanland zog, war ich mental auf lauter leidende, jammernde Menschen eingestellt – und dann traf ich plötzlich Menschen, die nicht als Opfer gesehen werden wollten, sondern einfach als normale Leute. Und als an einem meiner ersten Abende alle stundenlang palästinensische Witze erzählt haben, wusste ich: Das ist mein Thema! Bis zum fertigen Film hat es dann allerdings noch mal vier Jahre gedauert.

In denen sich die Situation in den palästinensischen Gebieten sehr verändert hat...

Rousselot: Ja, und eindeutig zum negativen. Die ersten Witze habe ich Anfang 2006 kurz nach den Wahlen gedreht. Damals war es sehr einfach, die Leute haben auf der Straße gerne erzählt. Es gab Hoffnung auf einen Neuanfang. Als ich 2009 und 2010 zurückkam, hatte sich die Stimmung völlig verändert. Einige waren sehr resigniert: "Witze willst Du hören? Unser ganzes Leben ist ein Witz!" Wieder andere meinten: Tut mir leid, ich kann Ihnen keinen Witz erzählen, ich will keine Schwierigkeiten bekommen. Diese Angst gab es vor vier Jahren noch nicht. Dementsprechend ist auch eines der derzeit beliebtesten Themen für Witze die mangelnde Meinungsfreiheit. Was für ein Humor bleibt übrig? Ein pessimistischer?


Vanessa Rousselot beim Filmdreh; Foto: Vanessa Rousselot
"Die ersten Witze habe ich Anfang 2006 kurz nach den Wahlen gedreht. Damals war es sehr einfach, die Leute haben auf der Straße gerne erzählt. Es gab Hoffnung auf einen Neuanfang. Als ich 2009 und 2010 zurückkam, hatte sich die Stimmung völlig verändert", sagt Rousselot.

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Rousselot: Ein sehr pessimistischer! Einer der Klassiker geht so: "Am Tag des jüngsten Gerichts kommen sämtliche Völker an den Toren von Himmel und Hölle an. Die Deutschen, die Briten, die Japaner, alle werden aufgeteilt. 50% in den Himmel, 50% in die Hölle. Dann sind die Palästinenser an der Reihe. Erzengel Gabriel schaut auf seine Liste, findet nichts. 'Palästinenser? Tut mir leid, sie stehen hier nirgends.' Er geht zu Gott und fragt, was zu tun ist. Gott: Hm, machen wir erstmal ein Flüchtlingslager auf und später wird uns schon was einfallen."

Das Gefühl, vom Rest der Welt irgendwie vergessen worden zu sein, scheint den Humor geprägt zu haben...

Rousselot: Auf jeden Fall. Aber es gibt auch andere Witze. Zum Beispiel hunderte von Hamas-Witzen, in denen man sich über religiösen Eifer lustig macht. Oder über die Spaltungen zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften. Und mir ist aufgefallen, dass es oft um außereheliche Affären geht – von Männern und Frauen gleichermaßen. Kurz, es gibt alles. Meine Arabisch-Lehrerin pflegte zu sagen: Ich lache, also bin ich.

Witze über Religion und außereheliche Affären? Im Westen werden Araber momentan nicht gerade als besonders humorvoll wahrgenommen.

Rousselot: Das Klischee vom verbissenen, leicht kränkbaren Fanatiker stimmt überhaupt nicht. Viele vermeintliche Tabus sind gar keine. In einer Serie von Witzen geht es um schwule Männer aus Nablus, die die Naivität der Männer aus Hebron ausnutzen...

Was für die Franzosen die Belgier sind, sind für die Palästinenser die Einwohner von Hebron...

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Rousselot: Ja, aber man beachte den Unterschied: Wir Franzosen machen uns über die Anderen lustig – die Palästinenser über sich selbst. Diese Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen, die fehlt uns in Frankreich. Wenn Du in Paris O-Töne sammelst, bekommst Du den Eindruck: Schlimmer kann es einem nicht gehen! Wenn ich um vier früh am Qalandiya-Checkpoint gefilmt habe, wo die Leute seit Stunden Schlange standen, habe ich nie jemanden jammern hören.

Gibt es ein Thema, bei dem selbst dem humorvollsten Palästinenser kein Witz mehr einfällt?

Rousselot: Ja: Die Siedler. Da gibt es keine Hoffnung mehr. Die Palästinenser fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig. Und somit gibt es auch so gut wie keine Witze über Siedler. In Hebron habe ich einen einzigen gehört, in dem taucht ein jüdischer Siedler auf, der Hebräisch mit Hebroner Sing-Sang spricht. Die Pointe ist: Schaut, die Siedler haben alles genommen – sogar den Akzent.

Das klingt so als könnte man die ganze palästinensische Geschichte in Witzen erzählen.

Rousselot: Absolut. Ein palästinensischer Anthropologe, Sharif Kanaana, sammelt seit der ersten Intifada palästinensische Witze. Mittlerweile hat er über 2000 Witze auf Karteikarten, eine Kiste heißt "Oslo", die nächste "Golf-Krieg", und wieder eine andere "Intifada". Für ihn sind die Witze in Palästina ein Barometer der Hoffnung. Je mehr die Menschen Hoffnung schöpfen, desto mehr wird gescherzt. Wenn die Zukunft aber völlig blockiert scheint, dann gehen die Witze aus. Als ich Sharif 2009 wiedergesehen habe, sagte er zu mir: "Stell Dir vor, zum ersten Mal habe ich seit einem halben Jahr keinen einzigen neuen Witz gefunden! Ich sammele seit 1987, noch nie gab es so wenig Witze im Umlauf."

Wobei die Israelis doch stets eine Inspirationsquelle sein müssten...?

Rousselot: Israelis tauchen in palästinensischen Witzen fast gar nicht mehr auf. Die Palästinenser sind von der Welt so abgeschnitten, dass viele kaum mehr ihr Dorf verlassen. Menschen lachen über das, was zu ihrem Alltag gehört: In Gaza über die Hamas, in der Westbank über Checkpoints, aber israelische Zivilisten gehören nicht dazu. Übrigens: Viele Europäer erwarten von Palästinensern anti-semitische Witze, aber die findet man überhaupt nicht. Palästinenser machen Witze über israelische Soldaten, über Politiker, aber nicht über Juden.

Apropos: Gibt es womöglich Parallelen zwischen palästinensischem und jüdischem Humor?

Rousselot: Ich weiß darüber nicht viel, aber die Selbstironie ist definitiv eine Gemeinsamkeit. Was ich weiß, ist, dass es viele Witze sowohl in der Westbank als auch in Israel gibt. Wenn ich israelischen Freunden mein Filmmaterial gezeigt habe, kam oft die Reaktion: Den Witz kenn' ich! Den gibt es auch auf Hebräisch!

Wie sieht es mit heiklen Themen wie Terrorismus oder islamistischem Extremismus aus? In Europa kommt so gut wie keiner auf die Idee, darüber Witze zu machen. Über Terrorismus zu Lachen, das gilt als taktlos. Oder es ist zu weit weg und zu angstbesetzt, als dass man da kreativ werden würde...

Rousselot: Ja das ist so, dabei könne Witze helfen, mit solchen Themen umzugehen. Der zum Beispiel: "Ein Palästinenser aus Hebron kommt von einem Trainingscamp zurück in seine Heimat. Dort hat er gelernt, wie man Raketen baut. Die anderen fragen: Und, kannst Du uns beibringen, wie man Raketen auf Tel Aviv schießt? Klar, sagt er und alle helfen, die Rakete zu bauen. Sie schießen sie ab und... boom! ... die Rakete schlägt 200 Meter von seinem Haus entfernt ein. Die Nachbarschaft liegt in Schutt und Asche. Ein alter Mann steigt über die rauchenden Trümmer seines Hauses und ruft: 'Meine Güte! Wenn's bei uns schon so ausschaut, wie muss das erst in Tel Aviv sein!?'"

Ähm... haben Sie den Witz mal in Tel Aviv ausprobiert?

Rousselot: Meine israelischen Freunde hielten die ersten paar Sätze lang die Luft an. Der Witz bestätigt zunächst einmal die schlimmsten Erwartungen: "Die denken nur daran, wie sie uns umbringen können!" Aber wenn sie dann verstehen, dass der Typ zu doof ist, um zu kapieren, dass die Rakete nur sein eigenes Dorf zerstört, dann können sie sich nicht mehr vor Lachen halten. Ich will nicht überinterpretieren, aber ich glaube, manche sind danach auch ein bisschen beeindruckt. Weil man sich gar nicht über sie, sondern über die Palästinenser selbst lustig macht. Und es wäre schön, wenn einige denken würden: Wer solche Witze erfinden kann, der kann auch kritisch denken. Vielleicht ist das jemand, mit dem man reden kann.

Stimmt das: Je schwieriger die Lage, desto mehr wird gelacht?

Rousselot: Na ja, in einer akuten Kriegssituation hört das Lachen auf. Ich denke, es ist einfach so: Wenn die ganze Familie wegen einer Sperrstunde das Haus nicht verlassen darf, und dann auch noch ständig der Strom ausfällt... was macht man da? Man erzählt sich Witze. Das kostet nichts, aber es hilft.

Interview: Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2011

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