Wie bewerten Sie - angesichts der jüngsten Intensivierung der Kämpfe und Überfälle - die Verbrüderungsszenen zwischen unbewaffneten Taliban-Kämpfern und Regierungskräften anlässlich der Waffenruhe zum Ramadan-Ende im Juni?

Ruttig: Auch mit Zivilisten gab es solche Szenen, und zwar ziemlich verbreitet in Afghanistan. Alle Seiten waren überrascht, auch die afghanische Regierung. Man darf solche Dinge natürlich nicht überbewerten. Andererseits sind solche symbolischen Handlungen wie ein kurzer Waffenstillstand auch unheimlich wichtig. Sie haben den Afghanen - und zwar den Afghanen auf allen Seiten - gezeigt, dass die Leute Frieden wollen, Und die Leute haben zum ersten Mal - wenn auch nur für ein paar Tage - gesehen, wie Afghanistan unter friedlichen Bedingungen aussehen könnte. Das hat Hoffnungen geweckt.

Man kann jetzt nicht erwarten, dass so etwas gleich in endgültigen Frieden umschlägt, da muss noch sehr viel Kleinarbeit in Verhandlungen geleistet werden. Aber es zeigt auch, dass die Taliban-Kämpfer letztendlich die Nase voll haben und nicht weiter kämpfen wollen. Aber sie haben natürlich auch bei ihren Auftritten in den Städten immer wieder gesagt: Unser Problem sind die Amerikaner. Wir wollen, dass die rausgehen. Sie sind nicht gekommen und haben gesagt: Wir haben keine Lust mehr zu kämpfen. Aber sie haben gesagt: Unter bestimmten Bedingungen sind wir bereit, den Kampf einzustellen. Und das ist positiv. Und trotz all dieser Gewalt muss man sagen, dass das der einzige gangbare Weg ist.

Wie müsste man sich eine zukünftige Regelung in Afghanistan mit wesentlicher Taliban-Beteiligung vorzustellen? Ist dann zum Beispiel davon auszugehen, dass Errungenschaften wie Mädchen- und Frauenbildung weiterhin bestehen könnten?

Taliban-Kämpfer während der Waffenruhe im Fastenmonat Ramadan Mitte Juni, Foto: Reuters/Parwiz
Der IS als Randgruppe auf dem militärischen Schlachtfeld in Afghanistan: "Was zählt, sind die Taliban, die den IS nicht positiv sehen, sondern die Dschihadisten aktiv und sehr gezielt in Gebieten bekämpfen, in denen er auftaucht. Im vergangenen Mai gab es eine große Taliban-Offensive in einer Provinz im Nordwesten des Landes, wo die einzige IS-Gruppe, die nicht nahe der pakistanischen Grenze operierte, aktiv war. Die Taliban haben diese Gruppe praktisch völlig beseitigt", so Thomas Ruttig.

Ruttig: Das wird natürlich ein harter Kampf, diese Errungenschaften beizubehalten. Deswegen braucht die afghanische Regierung auch moralisch eine starke Position. Angesichts der Kriegsverbrecher, die sich in ihren Reihen befinden, sind sie nicht in einer Position, den Taliban zu sagen: Dies und jenes geht nicht. Auch auf Regierungsseite gibt es viele Leute, die Mädchenbildung oder Frauen in den Medien völlig ablehnen. Das wird ein zähes Ringen, wobei nicht klar ist, ob man sich hierbei auf die afghanische Regierung verlassen kann.

Auf der anderen Seite haben die Taliban ihre Politik seit ihrer Machtausübung modifiziert. Es gibt Stimmen unter ihnen, die sagen: Ja, auch Mädchen sollen in die Schule gehen. Doch die Taliban stellen natürlich in der Praxis noch immer Bedingungen, die mit unseren Vorstellungen nicht übereinstimmen. Es gilt jetzt herauszufinden, ob sie mit den Vorstellungen der meisten Afghanen übereinstimmen können, wenn zum Beispiel gesagt wird, dass die Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen sollen. Man muss dann Möglichkeiten finden, auch mit den Taliban, dass Mädchen auch höhere Bildung in Anspruch nehmen können. Wir wissen, dass auch Taliban-Führer ihre Töchter im Ausland haben und sie dort auf die Universität schicken.

Bildungseinrichtungen werden vor allem vom IS-Ableger in Afghanistan ins Visier genommen, mit möglichst vielen Opfern, wie jüngst wieder in einem Schiiten-Viertel in Kabul. Ist der IS inzwischen eine größere Bedrohung für Afghanistan als es die Taliban sind?

Ruttig: Nein, die Bedrohung durch den IS ist bei weitem nicht so groß wie durch die Taliban. Überproportional tritt der IS mit Terrorangriffen in Erscheinung, wie beispielsweise auf das Bildungszentrum in Kabul. Aber auf dem eigentlichen Schlachtfeld ist der IS nur eine absolute Randgruppe. Was zählt, sind die Taliban, und die sehen den IS auch nicht positiv, sondern sie bekämpfen ihn aktiv und sehr gezielt in den Gebieten, wo er auftaucht. Im vergangenen Mai gab es eine große Taliban-Offensive in einer Provinz im Nordwesten des Landes, wo die einzige IS-Gruppe, die nicht nahe der pakistanischen Grenze operierte, aktiv war. Die Taliban haben diese Gruppe praktisch völlig beseitigt.

Der IS-Ableger versucht in Afghanistan – genau wie in Syrien und im Irak - eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten zu provozieren. Das ist ihm zum Glück bisher nicht gelungen, denn der IS hat keine Basis im Land. Bei allen tendenziellen Spannungen, die es in Afghanistan manchmal zwischen Schiiten und Sunniten gibt, die aber eher theoretischer Natur sind, als dass zu den Waffen gegriffen würde. Und trotz des schrecklichen Anschlags mit über 30 Toten auf die Mädchen und Jungen, die sich in Kabul auf die Universitätseintrittsprüfung vorbereitet haben, darf man nicht vergessen: Die meisten zivilen Opfer in Afghanistan gehen immer noch auf das Konto der Taliban, wenn auch nicht (mehr) durch solche direkten Anschläge auf zivile Ziele.

Das Interview führte Hans Spross.

© Deutsche Welle 2018

Thomas Ruttig ist Kodirektor des "Afghanistan Analysts Network" (AAN).

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