Interview mit Simon Levy

"Eine Kultur geht nie verloren"

Das jüdische Museum in Marokko ist das einzige seiner Art in der islamischen Welt. Simon Levy, pensionierter Universitätsprofessor, Gründer und Leiter dieser Institution, meint, dass die Zukunft des Judentums nur durch Frieden gesichert werden kann. Mit ihm sprach Alfred Hackensberger.


Simon Levy deutet auf eine Thora-Rolle in seinem jüdischen Museum in Casablanca; Foto: AP
"Es gibt eine besondere Verbindung zwischen Judentum und Marokko. Seit 2.000 Jahren leben Juden in Marokko. Die jüdische Kultur ist Teil der marokkanischen Kultur und umgekehrt" - Simon Levy bei einer Führung durch sein jüdisches Museum in Casablanca

​​Für viele ist ein jüdisches Museum in einem arabischen Land verwunderlich. Warum haben Sie 1996 das Museum in Marokko und in Casablanca gegründet?

Simon Levy: Es gibt eine besondere Verbindung zwischen Judentum und Marokko. Seit 2.000 Jahren leben Juden in Marokko. Die jüdische Kultur ist Teil der marokkanischen Kultur und umgekehrt. Zum anderen ist Casablanca die Stadt mit den meisten Einwohnern. Allerdings ist das Museum nur ein Teil unserer Arbeit. Es gehört zu einer Stiftung, die wir gegründet haben mit dem Ziel, das marokkanisch-jüdische Kulturerbe zu erhalten.

Worin bestehen die weiteren Aufgaben dieser Stiftung?

Levy: Wir kümmern uns beispielsweise um die Erhaltung und Restaurierung unserer Synagogen. Religiöse Stätten sind eine sehr wichtige Aufgabe. Es gibt mehr als zehn davon in Marokko, vom Norden des Landes bis in den Süden hinunter, fast in der Wüste. Das sind einzigartige Synagogen, wie es sie sonst an keinem anderen Ort der Welt gibt. Ansonsten decken wir alle nur möglichen Aspekte dieser jüdisch-marokkanischen Kultur ab. Von der Musik bis zur Literatur, alles, was eben existierte.

Sie erwähnten die Literatur: Wie würden Sie sie beschreiben?

Levy: Wir haben eine jüdisch-marokkanische Literatur in arabischer Sprache, in klassischem Arabisch, also nicht nur in Hebräisch. Das ist etwas ganz besonderes. Allerdings nur etwa bis zum 15. Jahrhundert. Danach lebte sie in Form der populären marokkanischen Sprache, dem allgemein üblichen Dialekt, der jedem Juden zugänglich war, weiter. Aber diese Literatur in arabischer Sprache wurde mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben.

In Marokko war damals die jüdische Schulbildung religiös orientiert, jeder kannte das hebräische Alphabet. So wurde es dann benutzt, um arabischsprachige Literatur zu schreiben. Ganz ähnlich, wie man das in Spanien mit dem Jüdisch-Spanischen machte oder in Deutschland mit dem Jiddischen.

Synagoge von Azemmour, Foto: wikipedia
Abnehmede Bedeutung der jüdisch-marokkanischen Kultur: kleine, unscheinbare Synagoge im marokkanischen Azemmour

​​In Marokko lebten in den 1940er Jahren fast 300.000 Juden…

Levy: …heute sind es einige tausend, nicht einmal mehr 10 Prozent von der früheren Bevölkerungszahl. Früher gab es keine marokkanische Stadt, die nicht wenigstens einen jüdischen Anteil von 10 Prozent hatte. In Casablanca leben heute nur noch 20 Prozent von den ehemals 80.000 jüdischen Einwohnern. In Essaouira, einer Hafenstadt im Süden am Atlantik, stellten die Juden 50 Prozent der Bevölkerung über drei Jahrhunderte lang. Heute sind es nur noch ganz, ganz wenige Leute.

Warum sind so viele Juden ausgewandert?

Levy: Hauptsächlich wegen der politischen Ereignisse in den letzten 50 Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie wanderten nach Israel, Frankreich, Großbritannien oder Kanada aus. Schritt für Schritt haben die Juden ihr Heimatland verlassen. Ein Exodus, der mit Zionismus, Kolonialismus, dem schlechten Verhältnis von Israel zu seinen Nachbarländern und den Kriegen zu tun hat, um einige Stichwörter zu nennen.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation? Es ist überraschend, dass jährlich etwa 75.000 Juden als Touristen nach Marokko reisen.

Levy: Generell kann man die Situation heute wie das berühmte Glas sehen, das halb leer oder halb voll ist. Ich tendiere zum letzteren. In Marokko gibt es eine zwar kleine, aber sehr gut organisierte Gemeinde mit festen Verbindungen nach Außen zu den Emigrierten. Diese wiederum wenden viel Zeit für ihre Aufenthalte in Marokko auf. Was aber das Wichtigste dabei ist: Sie kommen immer wieder, um Eltern, Kinder, Enkel, Cousins oder Bekannte und Freunde zu besuchen. So werden die Bande zwischen den emigrierten jüdischen Gemeinden und der jüdisch-marokkanischen konserviert, auch wenn diese sehr klein ist.

König Muhammad V. (1909-1961) soll gesagt haben, "es gibt in Marokko keine Juden, sondern nur Marokkaner". Das klingt etwas pathetisch.

König Mohammad V. von Marokko; Foto: wikipedia
"Es gibt nur Marokkaner" - die bevorzugte Behandlung der Juden in Marokko machten Mohammed V. bei der jüdischen Bevölkerung Marokkos, aber auch in Israel und anderswo sehr populär.

​​ Levy: Damals wie heute werden viele Dinge gesagt. Im Sommer 1940 kam ein neues Statut heraus, das diesen typischen rassistischen Ton gegenüber Juden hatte, anti-jüdisch eben. Die Juden protestierten, trafen sich mit Mohammed V. und bei dieser Gelegenheit sagte er diesen Satz, den Sie zitierten. Er gab ihnen zu verstehen, dass es Unterschiede zwischen dem Geschriebenen und der Realität gibt.

Einige Monate später, bei einem Fest, empfing der König die jüdische Delegation mit vielen Ehren, platzierte sie in seiner Nähe, neben einflussreichen Politikern und hohen Militärs. Einige sagen, darunter waren auch Deutsche, die die französische Armee kontrollierten. Diese bevorzugte Behandlung der Juden, zusammen mit seinen berühmten Worten "es gibt nur Marokkaner", machten Mohammed V. bei den Juden in Marokko, aber auch in Israel und anderswo, so beliebt.

Sie haben einmal gesagt, die jüdische Kultur sei verloren gegangen…

Levy: Ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe. Sie ist nicht verloren. Eine Kultur geht nie verloren. Ich denke, ich habe das anders formuliert. Sehen Sie: Heute lehren in Marokko die jüdischen Schulen auf Französisch, mit nur ein wenig Arabisch. Die Franzosen haben unsere Sprachkultur übernommen. Dagegen haben die Älteren von uns noch eine marokkanisch geprägte Kultur. Aber es ist ein Problem des Alterns, diejenigen, die noch Arabisch sprechen, verschwinden.

Und was ist mit Ihnen?

Levy: Ich bin zu einem Zeitpunkt geboren, als unsere Kultur noch Kraft hatte, Realität war. Heute ist sie nur noch in der Küche oder beim Beten sichtbar. Es gibt keinen Platz, keinen Ort mehr für eine jüdisch-marokkanische Kultur. Nur noch in Buchform oder in der Synagoge, aber nicht mehr auf der Straße, in einer Nachbarschaft. Das Judenviertel existiert nicht mehr und wenn doch noch, dann ist es von Muslimen bewohnt. Nun sind wir tatsächlich eine Minderheit im wahrsten Sinn des Wortes. Vorher waren wir ein Teil des Volkes, der eine andere Religion hatte und in anderen Vierteln lebte…

Herr Levy, Sie sollen auch einmal gesagt haben, die Israelis seien keine Juden im eigentlichen Sinn? Um sich als Jude zu fühlen, müsse man in der Diaspora gelebt haben.

Levy: Nun gut, man muss nicht notwendigerweise in der Diaspora gelebt haben. Aber die Wahrheit ist, dass die jüdische Kultur über einen Zeitraum von 2.000 Jahren eine Kultur der Diaspora in unzähligen Ländern war. Jetzt haben sich Juden aufs Neue in einem einzigen Land vereint. Wobei jedoch erstens nicht alle Juden sind. Mehr als die Hälfte kommt von außerhalb Israels.

Zweitens: Lebt eine Minderheit inmitten eines anderen Volkes, das sich in Kultur oder zumindest in Religion unterscheidet, dann entwickelt sich eine Minderheitenhaltung. Wenn sie jedoch eine bestimmende Mehrheit ist, die Regierung bildet, eine Armee befehligt, dann erwächst eine andere Mentalität. Der Charakter des traditionellen, klassischen Juden der Diaspora ist etwas völlig anderes, als der der israelischen Armee.

Oder der aktuellen Regierung, die wie nie zuvor ein Ausdruck von unbeugsamer Stärke zu sein scheint.

Levy: Ich bin einer von den Juden, der nichts akzeptiert, was dem Judentum widerspricht. Ich kämpfe für die Rechte der Juden, sobald sie bedroht werden und verteidige jeden Menschen, wenn er angegriffen wird.

Sie sagen Widerspruch zum Judentum. Was ist ein positives Judentum?

Levy: Ich verstehe unter einer würdevollen jüdischen Kultur eine, die liberal, pazifistisch, künstlerisch ist, zudem für die Rechte der Armen und Bedrohten kämpft. Das ist für mich eine gute Kultur, die Tradition der letzten Jahrhunderte. Diese, unsere Tradition, kann man nicht in irgendetwas hinein transformieren, womit man die Interessen Israels rechtfertigt. Wenn man die Tradition den Interessen unterstellt, kann man im Allgemeinen nur verlieren. Man verliert gute Gelegenheiten, Freunde, einfach sehr viele wichtige und gute Dinge. Die Zukunft des Judentums ist nur mit Frieden verbunden, aber einen wahren Frieden, der selbstkritisch ist. Das ist der einzige Weg und die Basis für Gerechtigkeit im Nahost-Konflikt.

Tatort nach dem Selbstmordattentat in Casablanca; Foto: AP
Bei sechs nahezu gleichzeitigen Bombenexplosionen in Casablanca kamen 2003 insgesamt 45 Menschen ums Leben, darunter auch die zwölf Selbstmordattentäter.

​​ Im Mai 2003 haben Islamisten in Casablanca auch gegen jüdische Einrichtungen Bomben gelegt. Hat sich dadurch etwas für die Juden Marokkos verändert?

Levy: Sagen Sie mir, was ist damals denn wirklich passiert?

Neben Bombenanschläge auf spanische Einrichtungen wurde auch der jüdische Friedhof der Stadt getroffen. Insgesamt kamen 45 Menschen ums Leben.

Levy: Unter den Opfern war kein einziger Jude, sondern die meisten waren Marokkaner. Die Attentäter wollten zwar unbedingt Juden töten, haben es aber nicht geschafft. Sie wussten nicht wie. Was für ein Horror! Am Ende war es nicht nur ein Anschlag gegen Juden, sondern gegen die ganze marokkanische Nation. All das muss man mit Zeitabstand diskutieren und am besten nicht nur unter dem Aspekt Terrorismus.

Was meinen Sie damit?

Levy: Es gibt offensichtlich ein Problem des Islams mit anderen Kulturen. Ich meine einen extremen Islam, der gegenüber dem friedlichen, nicht-terroristischen Teil, eine kleine Minderheit ist. Bedauerlicherweise machen die Europäer zwischen beiden keinen Unterschied. Man stürzt sich nur auf bin Laden oder wer weiß ich noch wen. Aber wer denkt schon daran, wie oft und wie viele Morde an Muslimen in der europäischen Geschichte begangen wurden. Nehmen wir doch nur das Beispiel des Kolonialismus. Wie kann man das alles nur vergessen!

Sie meinen die späte Rache für die Okkupationen arabischer Gebiete, den Millionen von Toten?

Levy: Was heißt Rache? Es ist nur wundersam, wenn Probleme mit Verspätung kommen, jedoch niemand versucht, sie zu verstehen. Wir müssen versuchen zu verstehen, was heute passiert. Wir haben 1,5 Milliarden Muslime, von denen die meisten in den ärmsten Ländern der Welt leben, eine Minderheit davon in den reichsten Ländern am Golf. Aber alle diese Länder waren vor der Unabhängigkeit europäische Kolonien. Der Kolonialismus hat überall seine Spuren hinterlassen, was zum Teil noch keine 50 Jahre her ist. Aber darüber wird nicht gesprochen, genauso wenig wie über die aktuellen, wahren Probleme.

Die wären?

Levy: Die Welt des Nordens zum Beispiel verpestet die Welt und wir müssen dafür bezahlen. Alles diskutiert über den Islamismus, aber nicht über dessen Ursachen.

In den 1950er Jahren hat die UNO das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen in Marokko insbesondere in der Hafenstadt Tanger als Beispiel für die Koexistenz verschiedener Kulturen gepriesen. Ist das ein Mythos oder entspricht es der Wahrheit?

Levy: Natürlich ist es die Wahrheit, wenn auch keine absolute. Es gibt ja immer Ausnahmen. Zum Beispiel bekamen wir am Ende des 18. Jahrhunderts, ich glaube 1791, einen Sultan, der war ein Extremist und auf uns Juden nicht gut zu sprechen. Sein Extremismus hatte viel mit dem von heute zu tun, rassistisch und nationalistisch.

Zum Glück wurde er von seinen eigenen Landsleuten bekämpft. Die Juden konnten das damals nicht selbst tun, sie waren zu schwach dazu. Aber lassen Sie mich noch eins zum Abschluss sagen: Wir können heute über jüdische Themen nicht außerhalb eines globalen, religiösen Kontextes diskutieren. Weder über die Gegenwart, noch über die Vergangenheit oder die Zukunft.

Interview: Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2011

Redaktion: Nimet Seker und Arian Fariborz/Qantara.de

Qantara.de

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