Interview mit Sidi Larbi Cherkaoui

"Ich vermische die Kulturen nicht, ich übersetze"

In seinen Choreographien verbindet der marokkanisch-belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui Elemente aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Kunststilen. Mit Ceyda Nurtsch sprach er über den Einfluss der marokkanischen Kultur auf seine Kunst.

Ihre Arbeit wird von Kritikern häufig mit dem Klischee des inszenierten Multi-Kulti-Schmelztiegels beschrieben. Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit definieren?

Sidi Larbi Cherkaoui: Für keinen Künstler, in welchem Feld er auch immer tätig ist, ist es schön, als etwas definiert zu werden. Ich tanze, damit ich nicht definiert werde. Aber natürlich wollen die Menschen, dass du dich erklärst, dass du sagst, wer du bist, woher du kommst und was du machst. Ich versuche, so nah wie möglich an den Dingen zu sein, die mir am Herzen liegen, die ich liebe und die ich für vertretbar halte. Dinge, für die ich stehen will.

Das kann auch eine Mischung von Dingen aus verschiedenen Kulturen sein, von Elementen, die mir wichtig und die ein Teil von mir sind. Als ich mit der Flamenco-Künstlerin María Pagés arbeitete, war es nicht die Definition des Flamencos, die mir wichtig war, sondern die Bewegung.

Wenn also Leute sagen: er vermischt Kulturen, sage ich: nein, ich übersetze. Und zwar übersetze ich in den Bereich des zeitgenössischen Tanzes. Manchmal übersetze ich aus Bereichen wie der Kampfkunst oder des Flamenco, bei denen man davon ausgehen könnte, dass sie eine andere Sprache haben. Aber sie sind ein Teil der zeitgenössischen Sprache. Wenn bestimmte Bewegungen in den zeitgenössischen Bereich gebracht werden, werden sie mit einem Mal natürlich und dadurch Teil deiner Sprache.

Cherkaoui bei einer Performanz; Foto: Koen Broos
„Ich liebe den Fluss der arabischen Schrift, wo die Buchstaben verbunden und die Wörter miteinander verflochten sind. Dass ich gelernt habe, von rechts nach links zu lesen, hat mir geholfen, Dinge von einer anderen Perspektive aus zu betrachten“, erklärt Sidi Larbi Cherkaoui.

In Ihren Choreographien verfolgen sie einen Ansatz, der als „eklektisch kosmopolitisch“ bezeichnet werden kann: Sie haben mit buddhistischen Mönchen gearbeitet, der libanesischen Sängerin Fadia Tom-El Hage, der korsischen Gesangsgruppe A Filetta, Ihr Stück TeZukA ist durch japanische Mangas inspiriert. Gibt es Elemente, die Ihrer Meinung nach ein genuiner Teil der islamischen Kultur sind – in der Sie, neben der flämischen Kultur, aufgewachsen sind – und die Spuren in Ihrer Arbeit hinterlassen?

Cherkaoui: Schaut man sich einmal Hip Hop an, dann sieht man, dass es hier viele Tänzer mit marokkanischen, algerischen oder tunesischen Wurzeln gibt, die akrobatische Bewegungen machen, die sehr gelenkig sind und häufig kopfüber stehen. Meine Einschätzung ist, dass die Gnawa-Kultur unserer Vorfahren in Nordafrika ein Teil unserer genetischen Veranlagung ist. Wir haben diese Informationen übertragen bekommen, auch wenn wir sie nicht richtig gelernt haben. Ich denke, es ist eine arabische Tendenz, die Welt kopfüber zu betrachten.

Dann gibt es da noch den Fluss der Bewegung. Ich liebe diesen Fluss, der sich auch in der arabischen Schrift findet, wo die Buchstaben verbunden und die Wörter miteinander verflochten sind. Dass ich gelernt habe, von rechts nach links zu lesen, hat mir geholfen, Dinge von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Als ich noch ein Kind war, hingen Kalligraphien von Koranversen über unseren Türen. Ich liebte ihre Ästhetik. Ich denke, dass der Teil von mir, der arabisch ist, mit einem bestimmten Sinn für Schönheit ausgestattet wurde.

Doch die Idee dessen, was ich als schön empfinde, wurde auch durch meine Mutter geformt, die katholisch ist und mich häufig mitnahm zur Kathedrale in Antwerpen und mir die Bilder dort zeigte. Gleichzeitig gibt es viele Dinge, die für meine Eltern nicht schön waren, die ich aber mit der Zeit schätzen lernte.

Es gibt immer verschiedene Arten, Kunst zu interpretieren. Aber Ihr Stück Puz/zle, in dem Individuen ihren Platz in einem größeren Ganzen suchen, kann als ein politisches Stück gelesen werden, das in direkter Verbindung zum Arabischen Frühling steht, wo die arabischen Gesellschaften versuchen, eine neue Identität zu finden. War das die Idee hinter Ihrem Stück?

Cherkaoui: Diese Idee stand nicht gleich zu Beginn dahinter, doch sie drängte sich auf, während ich daran arbeitete. Zu jenem Zeitpunkt war dieser Gedanke so präsent in meinem Leben, dass er sich durch das Stück offenbarte. Als ich mir viel später die Steinigung des Darstellers auf der Bühne ansah, merkte ich, dass es dabei um die Menschen in Nordafrika ging, die gesteinigt worden waren, weil sie etwa mit der falschen Person geschlafen hatten. Ich ließ diese Dinge zu, doch gleichzeitig wollte ich, dass Puz/zle so unspezifisch wie möglich ist. Die Dinge sollten sich entfalten, sich aufbauen, zerstören und wieder aufbauen.

Die ganze Zeit versuchte ich, Tänzer aus verschiedenen Epochen zu bringen. Zwar gibt es einen Unterschied in deren Ansatz, doch am Ende tun die Menschen immer dasselbe, nämlich zerstören und aufbauen. Das alles sind Versuche, eine Spur der menschlichen Rasse auf diesem Planeten zu hinterlassen. Es geht in dem Stück auch um die verschiedenen Beziehungen, die wir im Laufe der Geschichte zu Stein haben.

Einst lebten wir in ihnen, dann bauten wir Monolithen und Tempel. Wir erschufen Statuen und machten, dass die Steine aussahen wie wir, so dass die folgende Generation so auszusehen hatte, wie ihre Vorfahren sie geschaffen hatten. Die letzte Generation ist die der Graffiti-Künstler, die nicht mehr mit Stein arbeiten, sondern Markierungen auf dem Stein ihrer Vorfahren hinterlassen. Diese Art der Evolution ist auf eine Weise politisch, aber sie ist auch historisch. Es ist also eine Interpretation der Geschichte.

Sidi Larbi Cherkaoui; Foto: Koen Broos
Zuletzt choreographierte Cherkaoui die Tanzszenen des Kinofilms Anna Karenina von Joe Wright mit Keira Knightley in der Titelrolle, der derzeit in den Kinos läuft.

Puz/zle ist ein eher klagendes und skeptisches Stück und gar nicht euphorisch im Gegensatz zu dem, wie die meisten Medien die Aufstände darstellten. Sind Sie ein skeptischer Beobachter der Revolution?

Cherkaoui: Skeptisch ist ein großes Wort. Aber ich fürchte Enthusiasmus, denn je größer der Enthusiasmus ist, desto größer ist der Fall. Das einzige, worauf man sich verlassen kann, sind die Höhen und Tiefen des Lebens, die Momente, in denen etwas geschaffen und etwas zerstört wird. Es ist vermutlich mein introvertiertestes Stück und es enthält nicht viel Humor, im Gegensatz zu Babel oder Sutra. Zu jenem Zeitpunkt hatte das Leben nicht viel Humor für mich. Der menschliche Zustand machte mich vor allem traurig und ich hatte das Gefühl, es gibt nichts, das ich dagegen tun kann. Dennoch glaube ich, dass es am Ende etwas Hoffnung gibt, wenn alle Darsteller nach hinten, unten kriechen.

Die Richtung, tiefer, nach unten zu gehen, war etwas, das ich als sehr schön und hoffnungsvoll empfand. Dann gibt es noch den weißen Charakter, der durch Bhutto und die Nuklearkatastrophe inspiriert ist. Halb Stein, halb Mensch ist er ein neutraler Zeuge, ein Beobachter. Das war etwas Hoffnungsvolles für mich. Ich konnte mich mit ihm identifizieren und er half mir, durch die Geschichte hindurch zu sehen, einfach nur, indem er ein Beobachter war.

Welche Rolle, denken Sie, kann Kunst generell bei solchen Aufständen wie denen in den arabischen Ländern spielen?

Cherkaoui: Kunst ist ein Weg, die Menschen zusammenzubringen. Ob sie mögen, was sie sehen, spielt so gut wie keine Rolle. Ich liebe es, wenn bei Tanzveranstaltungen 600 bis 1000 Menschen zusammenkommen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er sich bewegt, und sich dann über ihre Erfahrung unterhalten. Eine andere Sache ist, dass es in der Kunst keinen Wettbewerb gibt wie im Sport, wo man jemanden besiegen muss. Es gibt nur die Erfahrung und ich denke, das ist eine sehr weise, profunde und reife Art, Zeit zu verbringen. Es ist die Kunst, zu betrachten und nicht zu urteilen.

Ich bin ein großer Fan davon, zu beobachten, wahrzunehmen und zu verstehen, dass wahrnehmen lernen bedeutet. Indem man etwas sieht, kann man eine Form des kritischen Denkens entwickeln sowie ein gemeinsames Denken. Ich sehe Kunst nicht nur in der Choreographie, sondern überall, in einem Computer, einem Kleid, einem Auto. In diesem Sinne sind Kunst und das Leben stark miteinander verbunden.

Als ich in Tunesien und in Marokko auftrat, wo meine Arbeit wirklich gut aufgenommen wurde, sagte ich den Menschen, dass ich jeden dazu ermutige, sein Kind zu unterstützen, wenn es Kunst machen möchte, denn das Leben ist an sich schon kompliziert. Es ist also besser etwas zu machen, das einem Spaß macht und an das man glaubt. Auf diese Weise wollte ich meiner Gemeinschaft etwas zurückgeben, denn es ist für mich sehr erhebend zu wissen, dass sie stolz darauf sind, wer ich bin und was ich mache.

Interview: Ceyda Nurtsch

Qantara.de 2013

Mit seinem Stück Puz/zle trat Cherkouis "Eastman Kompanie" im Rahmen des Avignon Festivals im Juli 2012 auf. Die deutsche Uraufführung des Stücks erfolgte beim Düsseldorf Festival im September 2012. Zuletzt choreographierte Cherkaoui die Tanzszenen des Kinofilms Anna Karenina von Joe Wright mit Keira Knightley in der Titelrolle, der derzeit in den Kinos läuft. Cherkaoui ist Preisträger des KAIROS Preises 2009.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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