Interview mit Shaykha Halima Krausen

"Wir Frauen machen die eigentliche Arbeit!"

Shaykha Halima Krausen war bis 2014 Imamin des Islamischen Zentrums in Hamburg. Carolin Kubo hat sich mit der couragierten islamischen Theologin über ihre langjährige Tätigkeit für die deutschsprachige muslimische Gemeinde der Hansestadt und über ihr aktuelles Forschungsprojekt unterhalten.

Shaykha Halima, bis vor zwei Jahren standen Sie als Imamin dem Islamischen Zentrum in Hamburg vor. Mit welchen Fragen kamen die Menschen dort zu Ihnen?

Halima Krausen: Zu mir kamen sie vor allem mit solchen Fällen, die Fragen nach Religionen oder islamischen Glaubensrichtungen zum Inhalt hatten. Wer bin ich, wo gehöre ich hin, was ist erlaubt und was verboten? Ich habe war sehr intensiv mit Familienberatung beschäftigt. Nur selten wurden mir schwierigere theologische Fragen gestellt.

Was haben Sie am liebsten gemacht?

Krausen: Am liebsten mochte ich alles, was mit Unterricht zu tun hatte, mit Lernprozessen. Vor allem die deutschsprachige Koranstunde für Erwachsene, wo wir verschiedene Bedeutungsebenen und Auslegungsweisen ergründet haben. Ich habe eine Ausbildung im Patchwork-Verfahren, das heißt, ich habe von allen Richtungen her gelernt und kann daher mit ihnen umgehen. Das habe ich für mich dann auch zum Prinzip erhoben. Zu meiner Zeit war man noch "Mädchen für alles". Das war auch bei meinem Vorgänger schon so.

Von jenem Vorgänger, Imam Mehdi Razvi, haben Sie auch Ihre Lehrbefugnis erhalten. Es war ein revolutionärer Schritt, als Sie nach seinem Tod 2013 seine Nachfolge antraten – als erste Imamin Deutschlands.

Krausen: Ja. Das war aber nichts Revolutionäres, denn ich war bereits mehrere Jahre zuvor seine rechte Hand, habe ihn vertreten, wenn er nicht anwesend sein konnte. Es war ein fließender Übergang.

Imam Seyed Mehdi Razvi; Foto: dpa/picture-alliance
Visionär des interreligiösen Dialogs: Der 2013 verstorbene Philosoph, Imam und Lehrer Seyed Mehdi Razvi wirkte als Universalgelehrte seit den 1950er Jahren in Deutschland und galt als wichtiger Vertreter des interreligiösen Dialogs. Seit Mitte der 1970er Jahre war Seyed Mehdi Razvi am Islamischen Zentrum Hamburg damit beauftragt, eine deutschsprachige Gemeinde aufzubauen und zu betreuen. Bei aller Sanftmut im direkten Umgang hat er nie die Auseinandersetzung gescheut. So widersprach er in einer eigenen Fatwa dem Bannfluch gegen Salman Rushdie und nahm Homosexuelle gegen Diffamierungen in Schutz.

Hat sich durch Ihre zunehmende Bekanntheit auch an Ihrem Standing etwas geändert?

Krausen: Ich habe nie Situationen gehabt, wo ich mich als Frau durchsetzen musste. Wenn ich Gegenwind bekommen habe, dann wegen meiner theologischen Position. Und wegen praktischer Vorschläge, die von den Frauen selbst kamen. Ich habe versucht, Frauen mehr zu motivieren, zu aktivieren, denn viele kamen mit Bedenken und Hemmungen.

Dabei spielen Frauen, vor allem in Hinblick auf theologische Fragen, in vielen Gemeinden eine große Rolle. Wie passt das zusammen?

Krausen: Ja, wir Frauen machen die eigentliche Arbeit! Das Zögern kam, wenn es um etwas ging, das in der Tradition ungewohnt war. Vor allen Dingen, wenn ich dazu angeregt habe, dass die Frauen etwas in der Öffentlichkeit unternehmen sollten – zum Beispiel öffentlich den Koran zu rezitieren. Es gibt überall in der Welt Koranrezitatorinnen. Sie nehmen auch an internationalen Wettbewerben teil. Aber das ist nicht so sehr in der Öffentlichkeit präsent. Vielen Mädchen wird auch davon abgeraten, und zwar nicht von den Männern, sondern von ihren eigenen Müttern, Schwiegermüttern und Tanten.

Glauben Sie, dass Sie als Imamin bei muslimischen Frauen Erfolg hatten?

Krausen: Ich glaube schon. Die Welt sieht heute auch ein Stückchen anders aus als früher. Es gibt viele Frauen, die etwas machen. Auch aus meinen Studienkreisen sind einige heute sehr aktiv – besonders in der Lehre, sowohl in den Moscheen als auch an den Universitäten.

Emanzipation ist eines Ihrer Steckenpferde.

Krausen: Mein Maßstab sind nicht Frauenrechte, insofern bin ich auch keine Feministin. Frauenrechte haben ihren berechtigten Platz, genau wie Männerrechte oder Kinderrechte auch. Selbst mein (männlicher!) Lehrer verfolgte damals das Ziel, Frauen beruflich zu ermächtigen, sie dabei zu ermutigen, ihre Ziele zu verfolgen, ohne sich an irgendwelchen Institutionen oder Autoritäten zu orientieren, unter denen sie Fremdbestimmung erfahren. In Großbritannien sind die Verhältnisse anders, dort hat schon die dritte und vierte Generation der Muslime die britische Staatsangehörigkeit. Dort arbeiten Kopftuchträgerinnen wie selbstverständlich bei der Polizei, im Flughafen-Security-Bereich – eigentlich in allen Berufen.

Muslima beim Studium des Korans; Foto: dpa/picture-alliance
Halima Krausen: "Am liebsten mochte ich alles, was mit Unterricht zu tun hatte, mit Lernprozessen. Vor allem die deutschsprachige Koranstunde für Erwachsene, wo wir verschiedene Bedeutungsebenen und Auslegungsweisen ergründet haben. Ich habe eine Ausbildung im Patchwork-Verfahren, das heißt, ich habe von allen Richtungen her gelernt und kann daher mit ihnen umgehen."

Was raten Sie den Frauen, damit das hier genauso möglich wird?

Krausen: Da können muslimische Frauen nichts dran ändern. Sie sollten sich vielleicht nicht so aufregen. Es gibt wichtigere Themen.

Zum Beispiel?

Krausen: Was im Moment viel wichtiger ist, ist die Radikalisierung. Und zwar nicht nur die muslimische, sondern generell. Radikalisierung ist ein allgemeines Phänomen, das bei Rechtsradikalen, Linksradikalen, bei Muslimen und bei vielen anderen zu beobachten ist.

Haben Sie in Ihrer Seelsorgearbeit erlebt, dass sich jemand radikalisierte?

Krausen: Ich habe manchmal mit Leuten zu tun gehabt, die solche Ansichten vertraten und auch zu mir gekommen sind, um die Koranstunde zu stören. Ich habe darauf geachtet, dass sie sich zunächst mitteilen konnten ohne gleich von den anderen Gegenwind zu bekommen. So hatten sie das Gefühl, gehört zu werden. Dann ist zunächst einmal bei ihnen der Wind aus den Segeln. Und danach kann man das Problem nochmals erörtern, verschiedene Facetten aufgreifen und die Argumente widerlegen. Manchmal klappt das, aber es ist sehr aufwändig – sehr zeitintensiv und nervenaufreibend. Und man muss eine ganze Menge Kompetenz besitzen und darf sich vor allem nicht einschüchtern lassen. Man neigt ja emotional dazu, den Kerl irgendwann einfach rauszuschmeißen.

Wie kam es, dass Sie Ihre Imamtätigkeit beendet haben?

Krausen: Ich bin mittlerweile 67 Jahre alt und denke, dass ich auch nochmal etwas anderes machen sollte. Außerdem hat sich die Situation in der islamischen Gemeinde in Hamburg mittlerweile stark verändert. Heute wird an den Moscheen sehr viel mehr deutschsprachige Arbeit geleistet, da die jüngere Generation auch mehr mit dieser Sprache umgeht. Auch ist es besser, wenn Spezialisten die einzelnen Bereiche abdecken – Menschen, die ausgebildet sind in den Bereichen Psychotherapie und Sozialarbeit. Die theologischen Fragen sollten nach wie vor den Theologen vorbehalten bleiben. Man kann eben nicht in zwanzig Fächern Fachkenntnisse erwerben.

Vor welchen besonderen Herausforderungen standen Sie als Imamin?

salafistische Anhänger Pierre Vogels beim gebet in Frankfurt am Main; Foto: dpa/picture-alliance
Auf der Suche nach den Ursachen der Radikalisierung: "Ich erforsche gegenwärtig die theologischen Argumentationen militanter Salafisten, die des IS und Al-Qaidas. Hierbei handelt es sich um den gleichen Dualismus, das gleiche Schwarz-Weiß-Denken wie bei den Nazis", so Halima Krausen.

Krausen: Besonders schwierig an meiner Arbeit als Imamin war, dass man sich nicht auf eine Sache konzentrieren konnte. Ich hatte viele Sprechstunden am Tag, und in jeder wurde ein anderes Problem an mich herangetragen. Das empfand ich nach einer gewissen Zeit als sehr anstrengend. Ich bin eigentlich jemand, der gerne am Stück arbeitet, gründlich recherchiert, sich morgens hinsetzt und bis zum Abend durcharbeitet.

Diese Möglichkeit haben Sie heute eher an der Universität Hamburg. Worüber forschen Sie im Moment?

Krausen: Ich erforsche gegenwärtig die theologischen Argumentationen militanter Salafisten, die des IS und Al-Qaidas. Hierbei handelt es sich um den gleichen Dualismus, das gleiche Schwarz-Weiß-Denken wie bei den Nazis.

Mit welchen Reformern im Islam können Sie sich identifizieren?

Krausen: Es gibt im Islam diesen ganzen Reichtum an Erfahrungen. Auch mit Gedanken in der islamischen Geschichte, die viel zu wenig bekannt sind. Gute Ansätze sehe ich heute zum Beispiel bei Khaled Abou El Fadl. Er kommt aus der Tradition und hat einiges auf Englisch veröffentlicht, zuletzt das Buch "Reasoning with God". Darin greift er die Erneuerungsmechanismen wieder auf und versucht daraus etwas zu formen, was in die heutige Zeit passt. Das sagt mir am meisten zu. Oder die Hermeneutik meiner Freundin Amina Wadud. Bei ihr spielt vor allem das balancierte Gerechtigkeitsprinzip eine große Rolle, als Schlüssel für den Umgang mit der Schrift. Ein weiterer solcher Schlüssel ist Barmherzigkeit. Mouhanad Khorchide hat einmal in Münster eine sehr spannende Tagung zu diesem Thema organisiert: Wenn Männer von Barmherzigkeit ("rahma") sprechen – das bedeutete für sie überwiegend Vergebung.

Wie spricht eine Frau über Barmherzigkeit?

Krausen: Barmherzigkeit ist nicht nur Vergebung. Das arabische Wort rahma hat zu tun mit rahm, Mutterleib. Somit bedeutet es praktisch grundlegende Mutterliebe. Für eine Mutter geht es darum, dass aus den Kindern etwas Ordentliches wird. Die Barmherzigkeit meiner Schwiegermutter bestand darin, ihre zehn Kinder notfalls mit Gewalt zur Schule zu schleppen! Und ihnen zu sagen: Ihr heiratet nicht, bevor Ihr nicht einen akademischen Abschluss habt.

Das Interview führte Carolin Kubo.

© Qantara.de 2017

Shaykha Halima Krausen (67) leitete von 1995 an die deutschsprachige islamische Gemeinde in Hamburg. Seit 2014 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg und der Akademie der Weltreligionen tätig.

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