Interview mit Sasha-Marianna Salzmann

Die Falle eines Jahrhunderts

"Wir haben Sünden begangen und wir werden dafür zahlen." Sasha-Marianna Salzmann erzählt in ihrem Roman "Ausser sich" über vier Generationen einer Familie hinweg die Geschichte eines Jahrhunderts voller Transformationen und zeigt Spuren einer Vergangenheit, die weiterlebt. Mit ihr sprach Noha Abdelrassoul.

"Die Zeit vergeht schnell. Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, und keiner weiß mehr über sie als das: sie trägt dich durch ein Element, das du nicht verstehst, in ein anderes, an das du dich nicht erinnern wirst. Aber etwas erinnert sich – wenn man so will, kann man sagen, dass etwas sich rächt: die Falle des Jahrhunderts, der Gegenstand, der nun vor uns steht". Das zitieren Sie von James Baldwin im Epigraph Ihres Romans. Wie sehen Sie die Beschreibung "die Falle des Jahrhunderts" im Bezug auf Ihren Roman?

Sasha-Marianna Salzmann: Wir haben Sünden begangen und wir werden dafür zahlen. Die Vergangenheit ist nie abgeschlossen, sie lebt in uns weiter. Mein Roman "Ausser sich" wird stark von dieser Überlegung getragen. Ich glaube, dass wir nicht nur unsere Familiengeschichten in uns tragen, sondern auch die geschichtlichen Ereignisse. Beides ist natürlich miteinander verknüpft.

Es gibt im Roman wiederkehrende Ereignisse. Dient diese Erzählweise dazu, die Idee zu bestätigen, dass die Vergangenheit in uns weiterlebt?

Salzmann: Die Ereignisse fühlen sich an wie ein Hall. Wir können von vielen Dingen nicht wissen, die unser Handeln bedingen. Unsere Körper speichern Informationen ab, die wir intellektuell gar nicht verstehen können. Meine Figuren kranken an Begebenheiten, bei denen sie nicht dabei gewesen sind, an die sie sich nicht erinnern oder von denen keiner ihnen sagen kann, ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, wie sie sich erinnern. Mein/e Protagonist/in Ali rennt los und sagt, ich habe kein Geschlecht, ich habe keine Sprache ich habe keine Familie. Aber irgendwas tut immens weh. Und Ali muss sich diesem Unbekannten in ihr/ihm stellen. Sonst gibt es keine Zukunft für sie/ihn.

Ein Ereignis in der Vergangenheit, dessen Spuren sich ebenso im Roman wie ein Hall fühlen ist die Shoah. Sie wollten sie aber bewusst nicht im Zentrum des Romans haben.

Buchcover Sasha-Marianna Salzmann: "Ausser Sich" im Verlag Suhrkamp
Fluide Identität: Migration zwischen den Ländern, zwischen den Sprachen, zwischen den Geschlechtern - Sasha-Marianna Salzmann erzählt in ihrem Roman über vier Generationen einer Familie hinweg die Geschichte eines Jahrhunderts voller Transformationen und zeigt Spuren einer Vergangenheit, die weiterlebt.

Salzmann: Es ist eine Falle, dass jüdische Themen meistens an die Shoah geknüpft werden. Man kann sich heutzutage keine jüdische Identität ohne die Shoah vorstellen.

Mein Kollege Max Czollek und ich entwickeln seit Jahren ein Desintegrationskonzept, bei dem es darum geht, nicht mehr die vorgegebene Rolle "des Juden" zu spielen, das heißt, wie ein Pingpong Ball in dem Dreieck Antisemitismus – Israel – Shoah hin und her zu springen. Diese drei Eckpunkte spielen nur bedingt eine Rolle für eine jüdische Identität im 21. Jahrhundert. "Ausser sich" hat ganz andere Themen.

Die linksorientierte Ali spricht von "Palästina", spricht aber über einen Zeitpunkt vor 1948, die Mutter nennt es später "Israel", war es Ihre Absicht, die Debatte anzudeuten?

Salzmann: Damit verhält es sich ähnlich wie mit der Shoah: das sind Themen, mit denen Jüdinnen und Juden konfrontiert werden, aber was machen wir, wenn es in unserer Arbeit nicht darum geht? Wenn uns dieses Land nicht wichtig ist und wir uns damit nicht identifizieren?

Als politischer Mensch kann ich mich zu Israel/Palästina genauso verhalten wie zu allen anderen Ländern, aus denen ich Menschen kenne und die mir nah sind: Dann wird das Land nicht abstrakt, sondern hat menschliche Gesichter. Und als Romancier passe ich genau auf meine Sprache auf. Und die Wortwahl meiner Figuren ist sehr bewusst gesetzt.

Sie haben die Ereignisse in dem Roman nicht selber erlebt, trotzdem enthält der Roman Anteile, die mit der Biographie übereinstimmen. Was hat Sie gereizt, diese biographischen Anteile in den Roman zu integrieren?

Salzmann: Mich interessierte die Form der autobiografischen Fiktion. Ich nahm also tatsächliche historische Punkte meiner Biografie und der Biografie meiner Familie und erfand den Rest. Ich hangelte mich entlang von Familienmythen und Fotografien, von denen mir keine/r aus meiner Familie sagen konnte, wer die Gesichter sind.

Da das Thema meines Romans Erinnerung ist, fand ich diesen Zugriff richtig. Außerdem habe ich in meiner Theaterlaufbahn gelernt, dass eh alles auf meinen Körper und meine Biografie zugeschrieben wird, also beschreibe ich Alis Äußeres wie meins. Um damit zu spielen.

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