Welche Rolle spielen Frauen in diesem Kampf?

Khan: Frauen stark zu machen, hat Folgen für das ganze Land. Frauen sind meist die stärksten Kämpferinnen gegen Extremismus, weil sie die Auswirkung extremistischen Gedankenguts in ihrer eigenen Familie sehen können. Mir begegnen immer wieder Frauen, die sehr mutig sind.

Wir hatten bereits spezielle Programme für muslimische Frauen, in denen wir ihnen zum Beispiel theologische Gegenargumente vermittelten. Die Partizipation von Frauen hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. 2015, nachdem der IS sein Kalifat ausrief, haben wir eine Anti-IS-Kampagne durchgeführt. Dabei spielten Frauen und Mütter eine wichtige Rolle. Wir haben ihnen Werkzeuge an die Hand gegeben, wie sie ihre Kinder vor diesen Ideologien beschützen können. Wenn sie einem Imam über den Weg laufen, der Hass predigt, dürfen sie das nicht einfach  ignorieren, sondern müssen etwas dagegen tun.

850 Briten haben sich dem IS angeschlossen, rund die Hälfte kehrte wieder zurück. Warum radikalisieren sich Jugendliche in Großbritannien?

Khan: Es gibt viele Gründe, die individuell oder sozial sein können. Es geht aber meist um Ideologien, extremistische Propaganda, Identität und Zugehörigkeit. Auch wenn man vielleicht einfach keine Gegenargumente kennt, spielt das eine Rolle. Soziale Medien sind auch entscheidend. Da ist es in Großbritannien nicht anders als woanders. Es gibt einen Mangel an Respekt vor anderen und sehr viel Spaltung momentan. In Dialog zu treten, andere Meinungen und Sichtweisen zu hören, kann sehr viel Positives bewirken.

Was denken Sie, wie sieht die Zukunft aus? Wird dieses Erstarken von Extremisten bald wieder vorbei sein?

Khan: Wir leben in einer Zeit des Extremismus. Wenn wir uns die Weltlage ansehen, ist das sehr besorgniserregend und düster. Und ich denke auch nicht, dass sich das bald bessern wird. Wir müssen daher alles tun, um dem Extremismus Einhalt zu gebieten. Staaten müssen die Gleichheit, Diversität und Menschenrechte für all ihre Bürger sicherstellen. Diese Werte sind entscheidend, weil genau sie von Extremisten bedroht werden. 

Waren Sie selbst Zielscheibe von Extremisten?

Khan: Das ist ein Teil meiner Arbeit, daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Das passiert aber nur, weil Extremisten nicht wollen, dass wir tun, was wir tun. Das bedeutet für uns, dass wir weitermachen müssen. Das muss man einfach verdrängen. Diese Arbeit ist einfach zu wichtig, um nicht gemacht zu werden. Sie hat Auswirkungen auf uns alle.

Das Gespräch führte Nermin Ismail.

© Deutsche Welle 2019

Sara Khan hat 2008 die Frauenorganisation "Inspire" mitgegründet, um präventiv gegen Extremismus vorzugehen und Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen. Mit Videos versuchte die NGO beispielsweise die IS-Propaganda zu widerlegen und erreichte damit tausende Klicks. Vor allem versucht Khan, junge Frauen und Mütter zu erreichen und zu sensibilisieren. Die pakistanischstämmige Britin ist außerdem Autorin eines Buches über muslimische Identität und Extremismus.

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