Interview mit Sara Khan

"Die Taktiken der Extremisten durchleuchten"

Sara Khan leitet die Kommission zur Extremismusbekämpfung im britischen Innenministerium. Im Gespräch mit Nermin Ismail erklärt sie, wie sie Extremismus bekämpfen will - und warum sie selbst Zielscheibe von Extremisten ist.

Im Januar 2018 hat Sie Premierministerin Theresa May zur Leiterin der Kommission zur Extremismusbekämpfung im Innenministerium ernannt. Wie wollen Sie Extremismus in Großbritannien bekämpfen?

Sara Khan: Extremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, deswegen erfordert es eine gesamtgesellschaftliche Lösung. Alle spielen eine Rolle darin, die Schulen, die Regierung, die Zivilgesellschaft, die religiösen Führer. Wir haben diese Antwort auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bisher nicht gefunden und genau daran arbeiten wir. Diese Kommission ist neu, deswegen wollen wir erst einmal beim Bewusstsein ansetzen.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie?

Khan: Erstens rauszugehen und Menschen zu erreichen. Ich war in rund 30 Städten und Dörfern in England und Wales. Ich habe mit Tausenden Akademikern, Gruppen aus der Zivilgesellschaft und Regierungsvertretern gesprochen, um die Herausforderung besser zu begreifen.

Das zweite Ziel ist eine Studie. Wir haben bisher keine breit angelegte Untersuchung, die uns das Gesamtbild des Problems zeichnet. Wir fragen nach der öffentlichen Wahrnehmung, wollen die Taktiken der Extremisten durchleuchten und den Schaden, den sie anrichten. Dafür haben wir auch eine Beratungsstelle eingerichtet. Ganz wichtig sind aber die möglichen Antworten. Wir wollen Empfehlungen aussprechen und ein Programm erstellen.

#TurnToLove-Proteste in Manchester ein Jahr nach dem Terrorangriff, der 22 Menschen auf einem Konzert der Sängerin Ariana Grande im Mai 2017 tötete; Foto: Getty Images/L. Neal
#TurnToLove: Ein Jahr nach dem Anschlag auf das Konzert der Sängerin Ariana Grande in Manchester im Mai 2017 gingen zahlreiche Menschen in England auf die Straße. Der Attentäter riss 22 Menschen mit in den Tod, darunter sieben Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. 139 Menschen wurden damals verletzt.

Vor welchen Herausforderungen genau steht Großbritannien, wenn es um Extremismus geht?

Khan: Es gibt viele unterschiedliche Arten von Extremismus in Großbritannien. Aber manche sind prominenter und stellen eine größere Gefahr dar als andere. Wir sehen jetzt einen starken Anstieg des Rechtsextremismus, in den letzten beiden Jahren. Der islamistische Extremismus ist auch ein großes Thema. Alleine 2018 hatten wir fünf Terroranschläge, vier davon waren islamistisch motiviert, einer rechtsextremistisch. Es gibt aber auch linken Extremismus, extremistische Gruppierungen in der Sikh-Community oder bei jüdischen Gruppen.

Zu glauben Extremismus wäre nur islamistisch, ist grundsätzlich falsch. Extremismus kann jeder politischen Ideologie oder Religion entspringen und kann jede Gruppe auf der ganzen Welt treffen. Es gibt einen Anstieg aller Arten von Extremismus, ob die Neonazis in Deutschland, die Hindu-Nationalisten in Indien oder die muslimischen Fundamentalisten.

Was haben all diese Extremisten denn gemeinsam?

Khan: Viele extremistische Ideologien fördern ein "Wir" gegen "die Anderen"-Denken. Es wird Hass gegen andere Gruppen geschürt und Rassismus verbreitet. Extremisten glauben nicht an universelle Menschenrechte. Sie greifen Menschen an, weil sie vermeintlich anders sind. Extremisten mögen keine Diversität in der Gesellschaft. Deswegen müssen wir diese Werte, die Menschenrechte, die Gleichheit aller Menschen und die Pluralität verteidigen.

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