Interview mit Salwa al-Neimi

Befreiung der erotischen Literatur

Von den einen gefeiert als Meilenstein der modernen arabischen Literatur, von den anderen verurteilt als skandalträchtige Prosa: Der Roman "Honigkuss" der syrischen Autorin Salwa al-Neimi. Im Interview mit Rim Najmi erklärt die Autorin, dass ihr Roman hinter der literarischen Leichtigkeit grundlegende intellektuelle und politische Fragen stellt.


Salwa al-Neimi; Foto: T. Langro
"Alleine das Schreiben über vermeintliche Tabuthemen wie Sex oder Religion schafft noch lange keine Literatur, höchstens ein Gesprächsthema", sagt Salwa al-Neimi (Foto: T. Langro).

​​Ihr erster Roman "Honigkuss" fand bei Lesern und Kritikern gleichermaßen große Aufmerksamkeit. Dabei stand immer wieder ihr "Mut", eines der großen Tabuthemen der arabischen Kultur literarisch aufzugreifen, im Vordergrund, und weniger der literarische Wert Ihres Romans. Was war Ihrer Meinung nach ausschlaggebend für die Aufmerksamkeit?

Salwa al-Neimi: Danke für diese Frage. Ich selber sage immer, dass der Erfolg des Buches in erster Linie auf seiner Sprache und seinem Stil basiert. Ich behaupte dies einfach, obwohl die meisten Kritiker immer wieder das Thema des Romans in den Vordergrund rücken, seine Überschreitung der roten Linie. Für den eigentlichen Text interessieren sie sich leider nur sehr wenig. Einige der Kritiker führen zwar die Meinungsfreiheit im Mund, doch diese stellt oftmals einen bloßen Selbstzweck dar; wenn es sich um einen zeitgenössischen Text handelt, wird dieser oft nur nach moralischen Kategorien bewertet, und dies ist nichts anderes als Zensur.

Die Auflage Ihres Romans "Honigkuss" erreichte in kürzester Zeit für arabische Verhältnisse ungeahnte Höhen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Was bedeutet Ihnen die internationale Verbreitung Ihres Werkes?

Al-Neimi: In erster Linie habe ich "Honigkuss" für die arabischen Leser geschrieben. Der Roman wurde auch gut aufgenommen und vielfach gelesen, sei es in Buchform oder im Internet, und dass, obwohl es mit Ausnahme des Maghreb in der arabischen Welt verboten war. Das hat mich sehr gefreut, schließlich schreibe ich auf Arabisch. Erst danach kamen die Übersetzungen in 19 Sprachen. Ausländische Verlage, die sich für eine Übersetzung interessierten, begründeten ihr Interesse damit, dass der Roman aus den stereotypen Bildern der arabischen Kultur ausbricht. Auch das freut mich. Denn indem ich die alten arabischen Klassiker der erotischen Literatur in den Mittelpunkt meiner literarischen Arbeit stellte, wollte ich beweisen, dass man auf Arabisch durchaus über Sexualität und Intimität schreiben kann. Schließlich nahm die sexuelle Lust schon immer einen hohen Stellenwert in der arabischen Kultur ein – und zwar jenseits aller sündhaften und unreinen Gedanken. Es ging mir eben auch um eine Rückbesinnung auf vergessene Meister arabischer Erotika, wie al-Sujuti und al-Jahiz. ​​

Die meisten westlichen Verlage interessieren sich vor allem für skandalträchtige, vermeintlich Tabu brechende Themen aus dem arabischen Raum, insbesondere wenn die Themen Religion oder Sexualität behandelt werden. Denken Sie nicht, dass ein derlei verengter Blick auf die arabische Welt die Vielfalt dieser Kultur außer Acht lässt?

Al-Neimi: Westliche Verlage interessieren sich also für mutige arabische Bücher? Warum auch nicht! Schließlich sind diese Bücher nicht vom Himmel gefallen, sondern zählen zur zeitgenössischen arabischen Literatur und wurden für den arabischen Leser geschrieben. Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass die Werke bedeutender arabischer Schriftsteller, angefangen mit unserem Lehrmeister Nagib Mahfus, bereits in andere Sprachen übersetzt wurden. Dabei kann man feststellen, dass es sich um dieselben Autoren handelt, die auch in der arabischen Welt die Literaturszene geprägt haben. Wenn es also tatsächlich eine Reduktion in der Wahrnehmung der arabischen Literatur geben sollte, dann muss man das zuallererst zurückführen auf einen verengten Blickwinkel der arabischen Kulturschaffenden selbst.

Leider gehen immer noch einige bekannte Schriftsteller und Kritiker aus dem arabischen Raum davon aus, dass die Übersetzung von Büchern, die nicht ihren eigenen Ansichten entsprechen, das Werk des westlichen Teufels sei, der absichtlich das Bild der arabischen Kultur verzerren will. Wenn mein Roman nicht solch eine Aufmerksamkeit bei den arabischen Lesern erfahren hätte, wären ausländische Verleger nicht auf meinen Roman aufmerksam geworden. Ohne die erregten Debatten, in dem er zum Teil beschrieben wurde als der erste erotische arabische Roman, Meilenstein in der modernen arabischen Literatur, skandalträchtige Prosa usw., hätte das Buch den internationalen Buchmarkt nicht erreicht. Alleine das Schreiben über vermeintliche Tabuthemen wie Sex oder Religion schafft noch lange keine Literatur, höchstens ein Gesprächsthema.

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Symbolbild Männer und Frauen in der arabischen Welt; Foto: dpa/DW
"Wie kam es zu dem Bruch zwischen unserer Gegenwart und unserem kulturellen Erbe, der so an uns zehrt und unsere Beziehungen zu unseren Körpern vergiftet?", fragt sich al-Neimi.

m Zuge der Veröffentlichung von "Honigkuss" traten Publikationen und Romane ans Licht, die Sexualität zum Thema machten, wie das Magazin "Jasad" von der libanesischen Dichterin Joumana Haddad oder zuvor die Gedichtsammlung "Erotika" von Saadi Youssef oder der Roman "Garten der Sinne" von Abduh Wazin. Haben wir es hier mit bloßem Zufall zu tun, oder erleben wir gerade ein Moment der literarischen Befreiung von der Tabuisierung der Sexualität? ​​

Al-Neimi: Ich glaube in diesem Zusammenhang nicht an Zufall. Literatur entsteht nicht in einem Vakuum, sondern greift immer auch die aktuellen gesellschaftlichen Strömungen auf. Trotzdem war ich von der Wucht der Aufregung um "Honigkuss" zunächst überrascht, denn ich dachte, dass das Schreiben über Sexualität nicht mehr zu den Tabus in unserer Gesellschaft gehöre. Vielleicht lag es daran, dass ich die arabische Zensur im Zeitalter des Internets nicht mehr ernst genommen habe. Ich ging von einem Grad der Freiheit aus, den ich in der klassischen arabischen Erotikliteratur beobachtet habe. Diese Freiheit habe ich übrigens auch in der zeitgenössischen Literatur finden können, unter anderem bei Nagib Mahfus, Tayyib Salih und Emile Habibi.

Inwiefern kann Literatur etwas beitragen zur Rückbesinnung auf das arabische kulturelle Erbe, das in der Moderne verloren gegangen ist?

Al-Neimi: Ich denke, dass "Honigkuss" grundlegende Fragen zu unserem Verhältnis zur arabischen Sprache und unserem islamischen Erbe aufwirft: Wie kam es zu dem Bruch zwischen unserer Gegenwart und unserem kulturellen Erbe, der so an uns zehrt und unsere Beziehungen zu unseren Körpern vergiftet? Dies ist nicht nur ein intellektuelle, sondern auch eine politische Frage, die sich hinter der literarischen Leichtigkeit verbirgt. Heute, mehr als 3 Jahre nach Erscheinen meines Romans, weiß ich, was es für ein Schock für die arabischen Leser gewesen war, auf diese Art und Weise über sexuelles Erleben lesen zu können; das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich hitzige Debatten über meinen Roman in Internetforen verfolge. Es war fast so, als hätte ich elementare Fragen über Sexualität ans Licht geführt, die bisher in den arabischen Gesellschaften verborgen waren. Und wenn ein junger Leser schreibt: "Honigkuss versöhnt uns mit unseren Körpern", dann macht mich das glücklich. Ich denke, dass es absolut notwendig war, durch "Honigkuss" und den Rückgriff auf die klassischen arabischen Literaturwerke zu einer Befreiung der erotischen Literatur beizutragen, jenseits aller moralischen und gesellschaftlichen Verurteilungen. Also ja, Bücher können durchaus die Kraft dazu haben, scheinbar unantastbare literarische, gesellschaftliche und politische Normen in Frage zu stellen.

Interview: Rim Najmi

© Qantara.de 2010

Salwa al-Neimi ist syrische Journalistin und lebt in Paris. Sie studierte arabische Philologie, islamische Philosophie und Theaterwissenschaften in Damaskus und Paris. In ihrer Dissertation befasst sie sich mit dem arabischen Frauenroman. Sie schreibt regelmäßig für die Zeitung "Barid Al-Junub" und das Magazin "ARABIES". 

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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