Interview mit Sadiq al-Azm

Ein neuer Geist der Revolution

Al-Azm gehört zu den kritischsten arabischen Denkern. Im Gespräch mit Mona Naggar beleuchtet er die Rolle der Intellektuellen während des arabischen Frühlings und den Zustand der Protestbewegungen in der Region.

Sadiq Jalal al-Azm; Foto: Wikipedia
"Intellektuelle haben in Osteuropa bei der Vorbereitung des Zusammenbruchs der Diktaturen eine große Rolle gespielt. Die Rolle der arabischen Intellektuellen ist sicher schwächer, doch gibt es auch Parallelen", meint der syrische Philosoph al-Azm.

​​Die meisten arabischen Intellektuellen unterstützen jetzt die Revolutionen, besonders die in Ägypten und Tunesien. Aber vor dem Ausbruch dieser Protestbewegungen war die Position vieler Intellektueller nicht klar gegenüber den Diktaturen. Ist nicht jetzt die Zeit für Selbstkritik gekommen?

Sadiq al-Azm: Ich glaube nicht, dass jemand eine Umfrage unter arabischen Intellektuellen durchgeführt und nach ihren Meinungen und Positionen gefragt hätte. In unseren Ländern sind solche Studien nur schwach ausgeprägt. Wir verlassen uns auf Mutmaßungen, Eindrücke und der spontanen Lesart der Ereignisse. Wenn wir das Beispiel eines ägyptischen Intellektuellen nehmen, der in einem totalitärem System gelebt hat, so war dieser gezwungen, sich mit ihm zu arrangieren. Ich glaube nicht, dass er diesem System zu Diensten war.

Aus den Erfahrungen vieler Intellektueller weiß ich, dass man eine Reihe von Kompromissen eingehen musste, um seine Arbeit als Universitätsprofessor oder als Schriftsteller weiter führen zu können – Kompromisse, die nach eigener Einschätzung aber nicht allzu kompromittierend waren. Wenn es dann solch eine Revolution wie in Ägypten gibt, verhalten sich viele Intellektuelle wie alle anderen auch: Einige haben Angst, andere beteiligen sich aktiv daran. Wenn die Revolution zum Erfolg führt, dann existieren diese Alpträume nicht mehr und die Zeit der Zugeständnisse ist vorbei. Sie können sich nun frei bewegen. Ich denke nicht, dass diese Intellektuellen Selbstkritik üben müssen. Sie können höchstens Erklärungen liefern.

Es gibt aber auch eine andere Gruppierung, nämlich die, die sich zum Sprachrohr der Regime gemacht hat. Sie haben in den Medien gearbeitet oder haben den Präsidenten verherrlicht. Wenn diese irgendwann von Gewissensbissen geplagt werden sollten, können sie sich entschuldigen. Aber niemand wird ihnen Glauben schenken – egal was sie machen werden. Sie können ihre Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Die meisten von ihnen werden sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Sollte es nicht eine offene Diskussion über die Position verschiedener Intellektueller geben?

Demonstration von Regierungsgegnern auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: DW
"Das Volk hat das System gestürzt!" - nach dem Abtritt der Despoten Ben Ali und Mubarak erleben Ägypter und Tunesier derzeit die "charismatische Phase", einen Zustand der Freiheit und des Rausches, meint al-Azm.

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Al-Azm: Es ist noch zu früh für solch eine Diskussion. Stimmen müssen von innen laut werden, die zu einer Aufarbeitung aufrufen. Ich möchte nicht mit den Intellektuellen zu hart ins Gericht gehen, es sei denn ihr Verhalten ist glasklar, wie das Beispiel von Jaber Asfur, der frühere Direktor der obersten Kulturbehörde in Ägypten und der letzte Kulturminister unter Mubarak. Früher hielt er eine gewisse Distanz zum Regime. Dann aber fiel diese Distanz. Es ist unmöglich, diese Menschen zu respektieren. Jetzt sehen wir, dass Listen von Personen und Institutionen an die Öffentlichkeit kommen, die vom libyschen Regime Gelder bekommen haben. Wenn nach den Revolutionen hoffentlich stabile Verhältnisse, demokratische und zivile Strukturen entstehen, dann ist es notwendig eine Diskussion zu eröffnen. Aber ich glaube, dass Intellektuelle eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung der Revolutionen gespielt haben.

Was meinen Sie damit? Sie wurden doch von der Jugend geführt?

Al-Azm: Seit langer Zeit haben Intellektuelle – wo es ging und manchmal symbolhaft auch auf indirektem Weg – etwa über Literatur eine deutliche Position für die Zivilgesellschaft ergriffen. Sie kämpften für Menschenrechte. Ein Beispiel ist das "Kommuniqué 99" aus dem Jahr 2000, das von 99 syrischen Intellektuellen unterschrieben wurde. Darin lesen wir fast all jene Parolen, die auf den Straßen von Tunesien und Ägypten hochgehalten wurden: Aufhebung des Ausnahmezustandes, die Forderung nach Freiheiten. Alle Forderungen, Hoffnungen und die allgemeine politische Stoßrichtung finden wir in diesem Kommuniqué. Besonders die säkularen und aufgeklärten Intellektuellen spielten eine wichtige Rolle. Sogar die großen religiösen Parteien, wie etwa die Muslimbruderschaft, wurden davon beeinflusst.

Anti-Regierungs-Proteste in Damaskus am 25. März vor der Umayyaden-Moschee; Foto: Muzaffar Salman/AP
Anhaltender Volkszorn gegen das autoritäre Regime Bashar al-Assads in Syrien: Menschenrechtsorganisationen zufolge wurden seit Beginn der Proteste am 18. März bereits mehr als 60 Menschen getötet.

​​Eine Rolle spielte auch das "türkische Modell". Ich meine damit das Modell des türkischen Islam: Eine Partei mit islamischem Anspruch, in einem islamischen Land, mit einer imperialen Vergangenheit, gelangt an die Macht auf friedlichem demokratischen Weg, ohne dass jemand an die Rechtmäßigkeit der Wahlen zweifeln würde und ohne, dass das Land in eine Katastrophe schlittert wie wir es in anderen Ländern erlebt haben, wo islamistische Parteien versucht haben, an die Macht zu kommen, wie in Ägypten, Syrien, Algerien oder Sudan. Viele Intellektuelle haben dieses Modell diskutiert, über seine Bedeutung gesprochen und die Frage gestellt, ob es nachahmenswert sei.

Sie waren einer der Unterzeichner des „Kommuniqué 99“ und einer der Intellektuellen, die sich stets für Menschenrechte und Meinungsfreiheit eingesetzt haben. Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Bemühungen letztendlich in diese Revolutionen eingeflossen sind?

Al-Azm: Ich maße mir nicht an, dass meine Bemühungen zu diesen Revolutionen geführt haben. Aber zweifelsohne gab es zahlreiche Bemühungen. Dabei geht es nicht nur um die Bemühungen der Intellektuellen, sondern auch um die Wirklichkeit und wie die Intellektuellen darauf reagiert haben. Viele sprachen über das Scheitern verschiedener Modelle, wie etwa das Modell des arabischen Sozialismus oder des Nasserismus. Man begann über Alternativen nachzudenken und darüber, dass Demokratie die einzige Alternative sein kann.

Trotz der Punkte, die Sie aufführen, bleibt die gesellschaftliche Rolle der arabischen Intellektuellen bis heute schwach ausgeprägt. Wie erklären Sie sich das?

Opposition berät in der tunesischen Hauptstadt Tunis nach dem Sturz Ben Alis; Foto: DW
Aufbruch zu neuen Ufern: Tunesiens Opposition muss sich nach dem Sturz Ben Alis im Zuge der sogenannten "Jasminrevolution" vom Januar 2011 politisch und organisatorisch neu orientieren.

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Al-Azm: Einerseits ist die Rolle der Intellektuellen schwach ausgeprägt, aber es gibt auch eine andere Seite: Wir sind vom Modell des französischen Intellektuellen beeinflusst, der sich einmischt und zu den großen und wichtigen Themen eine Position ergreift. Andererseits spielt der Intellektuelle in Gesellschaften, in denen es einen hohen Prozentsatz an Analphabetismus gibt, eine wichtigere Rolle. Nicht etwa weil er wichtig oder sein Denken besonders tiefgründig ist, sondern weil seine Wichtigkeit im Verhältnis zur Bildung und Kultur seiner Umgebung steht.

Bei uns hat der Intellektuelle etwas von der Rolle des religiösen Gelehrten geerbt. Etwas von dem Respekt, der religiösen Persönlichkeiten entgegengebracht wird, überträgt sich auch auf die Intellektuellen. Aber wenn es um deren Effektivität geht, so ist ihr Spielraum in der Tat sehr beschränkt. Anders wäre es, wenn Freiheit für alle Bürger herrschen würde. Wenn man etwa an der Universität unterrichtet und seine Meinungen frei äußern kann. Intellektuelle haben in Osteuropa bei der Vorbereitung des Zusammenbruchs der Diktatur eine große Rolle gespielt. Die Rolle der arabischen Intellektuellen ist sicher schwächer, aber es gibt auch Parallelen.

Erwarten Sie, dass Intellektuelle nach diesen Revolutionen eine aktivere Rolle spielen werden?

Al-Azm: Ich kann nichts vorhersagen, aber das hoffe ich zumindest. Ägypten und Tunesien erleben gerade eine "charismatische Phase" – ein Zustand der Freiheit und des Rausches. Aber dieser Zustand wird nicht andauern. Er wird ins tägliche Leben übergehen. Dieser Geist wird auch in die neugegründeten Institutionen hineinfließen oder in Einrichtungen, die reformiert werden.

Was waren für Sie die größten Überraschungen der Revolutionen in Ägypten und Tunesien?

Al-Azm: Die absolute Distanz zu den Methoden früherer Protestbewegungen. Früher wurden Slogans hochgehalten wie "Tod für Amerika, Tod für Israel" oder „Die Feinde des Volkes verdienen keine Freiheit“. Diese Parolen waren plötzlich verschwunden. Und der Bruch erfolgte auch nicht stufenweise, sondern abrupt. Bei früheren Protestbewegungen herrschte stets eine Krisenstimmung. Das war nun völlig anders. Wir erleben jetzt eine Protestbewegung in der arabischen Welt, die einen Präsidenten stürzte, in der Musik gespielt, getanzt, Gedichte rezitiert wurden und Ballons aufstiegen. Das ähnelt dem, was wir aus Europa oder den USA kennen.

Die Zeit früherer Protestbewegungen reicht nicht so lange zurück. Denken wir an die Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen, an die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie oder an die Demonstrationen für Palästina. Jetzt erleben wir einen neuen Geist und eine neue Praxis. Das zeugt von einem hohen Maß an Reife. Sogar die religiösen Äußerungen, die wir erlebt haben, waren individueller Natur. Wer beten wollte, hat es getan. Wer nicht beten wollte, musste das nicht tun. Wer unter dem Kreuz stehen wollte, der tat es.

Mona Naggar

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Sadiq Jalal al-Azm wurde 1934 in Damaskus geboren. Er studierte Philosophie in Beirut und unterrichtete als Professor an den Universitäten New York, Beirut, Amman und Damaskus. Eines seiner bekanntesten Werke trägt den Titel "Kritik des religiösen Denkens". Sein aktuelles Werk ist "Ces interdits qui nous hantent". 2005 erhielt al-Azm die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg.