Interview mit Saad Salloum

Ein Hoch auf die religiöse Vielfalt im Irak

Saad Salloum engagiert sich für die Wahrung der Vielfalt im Irak, die seiner Meinung nach das wahre Kapital des Landes ist. Mit seinem neu gegründeten Institut tritt er gegen Hassreden an und will den islamischen Religionsdiskurs verändern. Mit ihm sprach Gilgamesh Nabeel

Herr Dr. Salloum, wie kamen Sie auf die Idee, ein Institut zur Erforschung der religiösen Vielfalt im Irak zu gründen?

Saad Salloum: Im Jahr 2016 veröffentlichte die gemeinnützige Organisation Masarat ihre Bagdader Erklärung gegen Hassreden im Irak und im Nahen Osten, und zwar in Verbindung mit der Marrakescher Erklärung zum Schutz religiöser Minderheiten. Diese Initiativen wurden durch Einrichtung eines Zentrums zur Bekämpfung von Hassreden im Jahr 2018 institutionalisiert. Das neue Institut versteht sich als methodische Ergänzung zu diesem Zentrum.

Eine von Masarat von Februar bis Dezember 2017 durchgeführte Studie zeigt, dass die Iraker im Vorfeld der Parlamentswahlen durchschnittlich 37 Hassbotschaften über verschiedene Medien pro Tag erhielten. Während des Referendums über die Unabhängigkeit Kurdistans steigerte sich diese Quote auf durchschnittlich 76 Hassbotschaften. Das "Zentrum zur Bekämpfung von Hassreden" und das "Institut zur Erforschung religiöser Vielfalt" (engl. "Institute for the Study of Religious Diversity") sind daher zwei Instrumente zur Bewältigung der Herausforderungen, die sich aus dem weit verbreiteten Hass und der Unwissenheit über die "Anderen" ergeben.

Warum hat die Regierung solche Zentren nicht von sich aus errichtet?

Saad Salloum: Den zuständigen Regierungsinstitutionen fehlt es an Kapazität und Fachwissen. Zudem fehlt es ihnen am politischen Willen, die Lehrpläne von Schulen und Hochschulen so zu reformieren, dass Vielfalt und kultureller Pluralismus gefördert werden. Das Institut zur Erforschung religiöser Vielfalt geht gegen die Verwendung von Stereotypen in den Lehrplänen der Schulen an, die nachweislich den Hass auf bestimmte religiöse Gruppen fördern oder zumindest die Diskriminierung derjenigen fördern, die bestimmte Überzeugungen vertreten.

Von rechts: Sheikh Abdul Wahab Al-Samarra'i, der Imam der Abu Hanifah Mosschee, der bedeutendsten sunnitischen Moschee in Bagdad sowie sunnitische Gelehrte, Dr. Saad Salloum, Kardinal Louis Raphaël I Sako, der Patriarch der babylonischen chaldäischen Kirche, Bischof Basel Yaldo, Anas El-Eissawi, Imam des Abdul-Qadir Gilani-Mausoleums; Foto: privat
Im Juli versammelte sich eine Gruppe von Akademikern, Bürgerrechtlern und Führern der verschiedenen religiösen Gruppen des Irak in Bagdad unter dem Dach des Masarat Institute for Cultural and Media Development, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Erforschung von Minderheiten, kollektivem Gedächtnis und kulturellem Dialog widmet, um das Institut für die Erforschung der religiösen Vielfalt zu gründen, das erste seiner Art im Nahen Osten.

Das Institut strebt eine Reform mit dem Ziel an, negative religiöse Stereotypen und Vorurteile zu beseitigen. Es geht darum, die Vorzugsbehandlung einer bestimmten Religion als "bester" oder "vorherrschender" Glaube gegenüber anderen zu verhindern und aktiv gegen die Einführung religiöser Monopole anzutreten.

Wie wird Ihr Institut mit der reichen religiösen Vielfalt des Irak umgehen, zu der ja auch einige weniger bekannte Religionen zählen?

Saad Salloum: Das Hauptkonzept hinter der Gründung dieses Instituts ergibt sich aus der Notwendigkeit, die Einstellung zum Diversity Management zu ändern und Vielfalt als Reichtum und nicht als etwas Negatives darzustellen, das zur Ausgrenzung führt. Statt des Erdöls, das uns vor allem Konflikte und Korruption gebracht hat, will das Institut die Vielfalt als unerschöpfliche Quelle des Reichtums fördern. Wir wollen uns dabei bewusst nicht allein auf die reiche Geschichte des Islam und des Christentums beschränken, sondern auch das historische jüdische Erbe des Irak sowie das Erbe der Mandäer einbeziehen. Letztere sind Anhänger von Johannes dem Täufer, einer religiösen Minderheit, die seit mehr als zweitausend Jahren im Irak lebt.

Als Novum in der Gegenwartsgeschichte unseres Landes wird das Institut einen jesidischen Lehrplan anbieten. Verfasst wurde dieser von Khalil Jundi, einem Experten, der seit drei Jahrzehnten daran arbeitet, die mündlichen Traditionen seines jesidischen Volkes zu sammeln und zu dokumentieren. Darüber hinaus wird auch der Glaube moderner religiöser Minderheiten, wie der Bahai, auf dem Lehrplan stehen. Ebenso wie der Zoroastrismus, eine alte Religion, die im Irak fast verschwunden war, im kurdischen Teil des Iraks aber seit einigen Jahren wieder Zulauf erhält.

Wie lange ist das Institut schon in Planung? Ist seine Gründung vornehmlich eine Reaktion auf die Invasion des IS und die damit einhergehende Verfolgung Andersgläubiger?

Saad Salloum: Wir haben gut 15 Jahre Forschung und praktische Arbeit in den interreligiösen Dialog und die Förderung der religiösen Vielfalt investiert. Die Beziehungen, die zwischen den religiösen Oberhäuptern verschiedener Gruppen aufgebaut wurden, haben es dem Institut ermöglicht, die ihm heute zugeschriebene Rolle zu übernehmen: ein Dach für die Vertreter aller Religionen.

Das Institut will den Studierenden nicht nur das Wissen über religiöse Vielfalt in einer Weise vermitteln, die religiöses Verständnis, Koexistenz und Toleranz fördert. Ganz oben auf der Tagesordnung steht auch die Verpflichtung für Studenten, Wissenschaftler und religiöse Führer, sich regelmäßig mit Mitgliedern anderer religiöser Minderheiten zu treffen, um das gegenseitige Verständnis zu verbessern, Stereotypen zu bekämpfen und Hassreden im Keim zu ersticken.

Neben der Vermittlung von Wissen über Vielfalt anhand von Lehrplänen geht es daher darum, regelmäßige Treffen abzuhalten, in denen die Studierenden durch direkten und lebendigen Austausch lernen und Vielfalt erfahren; man könnte das als interaktives binäres System bezeichnen. Zweifellos hat die Invasion des IS im Jahr 2014 dazu beigetragen, dass sich die Menschen für unser Konzept geöffnet haben. Denn schließlich haben die Verbrechen dieser Terrormiliz bei den Irakern ebenso wie bei der internationalen Gemeinschaft die Angst ausgelöst, dass die Vielfalt im Irak untergeht.

Was ist die Hauptzielgruppe des Instituts? Wer sind die Studierenden?

Saad Salloum: Wir konzentrieren uns zunächst auf Studierende aus islamischen Seminaren (sunnitisch und schiitisch) an traditionellen religiösen Einrichtungen und von Studierenden an islamwissenschaftlichen Fakultäten von öffentlichen, dem Hochschulministerium angeschlossenen Universitäten. Aufgrund entsprechender Anfragen erwägen wir auch die Ausbildung von Geisteswissenschaftlern an irakischen Universitäten. In einem zweiten Schritt werden wir bestimmte Zielgruppen wie Journalisten, Medienprofis, Aktivisten, Blogger und Social-Media-Kommentatoren einbeziehen, die einen wesentlichen Einfluss auf die Bewusstseinsbildung und die Darstellung der Wirklichkeit haben.

Das Interview führte Gilgamesh Nabeel.

© Qantara.de 2019

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.