"Respekt muss eher gegeben werden als verlangt"

Welche Voraussetzungen sind für einen Dialog zwischen den Kulturen nötig? Diese Frage beantwortet Pater Paolo Dall'Oglio, der diesjährige Gewinner des "Euro-Mediterranean Award for Dialogue". Das Interview führte Traugott Schoefthaler.

Von Traugott Schoefthaler

 

Pater Paolo Dall'Oglio; Foto: Anna-Lindh-Stiftung
Wir freuen uns, sagen zu können, dass die Muslime in dieser Region unser Kloster als ihr eigenes betrachten, sagt Pater Paolo Dall'Oglio

​​Die Anna Lindh-Stiftung als jüngste Einrichtung der Euro-mediterranen Partnerschaft möchte den "gegenseitigen Respekt zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen" fördern. Was genau tut Deir Mar Musa, um dies zu erreichen?

Pater Paolo Dall'Oglio: Zuerst einmal möchte ich mich noch einmal bei der Anna Lindh-Stiftung für die Auszeichnung bedanken. Ich war darüber sehr erstaunt, aber auch sehr glücklich, vor allem für die Gruppe als Ganzes, zu der nicht nur Nonnen und Mönche gehören, sondern auch freiwillige Helfer. Was nun den Begriff des Respekts angeht: In europäischen Dokumenten wird er oft hervorgehoben, was uns irritiert. Denn Respekt allein ist für uns nicht genug. Wir interessieren uns vielmehr auch für das Konzept der Gastfreundschaft; das bedeutet, dass wir in der Lage sein wollen, andere "unter unserem Dach" willkommen zu heißen, wie wir auch ihre Gastfreundschaft akzeptieren, empfangen und genießen wollen. Um andere zu respektieren, muss man sie als Menschen anerkennen, die des Respekts wert erscheinen, das heißt, sie müssen Eigenschaften besitzen, die diesen Respekt erst ermöglichen. Im Namen Gottes empfängt der Gastgeber seinen Gast und erkennt in ihm das Gesicht Gottes.

Und was genau versucht Deir Mar Musa zu tun?

Pater Paolo: Zum einen bietet es einen großen Raum in unseren Herzen und in unserem Geiste für die islamische Realität, in ihrer ganzen humanen und kulturellen Dimension; es gibt einen warmen Raum der Betrachtung, des Stillens der Neugierde; wir haben einen intensiven Wunsch nach Freundschaft, Kommunion und Interaktion, wie er in jedem Kloster mystisch und spirituell verkörpert ist. Wir wissen in unserem Inneren, dass wir Brüder und Schwestern in der islamischen und vor allem in der Sufi-Tradition haben. In unserem Kloster versuchen wir bewusst, die alten Strukturen wiederzuentdecken und wiederaufleben zu lassen, die einmal zwischen unserer christlich geprägten Institution und der noch jungen islamischen Gemeinschaft bestanden. Der Prophet Mohammed stand seit Kindesbeinen an in Kontakt mit Mönchen und ihrer Tradition.

Das syrische Kloster Deir Mar Musa; Foto: Arian Fariborz

Es ist eine Tatsache, dass das monastische Konzept in Syrien einen sehr guten Ruf hat, und vielleicht sogar die Seite des Christentums ist, der der Islam am positivsten gegenübersteht. Wir freuen uns, sagen zu können, dass die Muslime in dieser Region unser Kloster als ihr eigenes betrachten. Wir fühlen uns geehrt, dass Muslime und Christen, Syrer und Fremde, Deir Mar Musa als Symbol für eine gemeinsame Zukunft ansehen, das in gleicher Verantwortung aufgebaut werden muss. Respekt ist dafür nur der erste notwendige Schritt.

Stimmen Sie mit der Aussage überein, dass das Fehlen des gegenseitigen Respekts zurzeit das dringlichste Problem in der euro-mediterranen Region ist? Was sind die Gründe dafür?

Pater Paolo: Es ist sehr schwierig für mich, diese zweite Frage zu beantworten. Ich spüre das große Unverständnis, das die Menschen im Westen gegenüber dem Hass des Islam gegen die abendländische Lebensweise empfinden, mit ihrem Wertekanon, ihren Prinzipien und ihrem Lebensstil. Der Westen versteht nicht, wie tief verwurzelt diese Vorbehalte sind. Woher kommt diese negative Einstellung? Es hängt wohl von zwei Dingen ab: Zum einen müssen wir akzeptieren, dass die islamische Welt um das Mittelmeer herum das Opfer kolonialer Expansion war; selbst die Türkei, wenn auch in indirekter Weise, wurde "verwestlicht" in einem auch für die Christen im Orient sehr schmerzhaften Prozess. Dann wurde, inmitten der arabischen Welt, ein zionistischer Staat gegründet.

Schließlich geriet die Region unter den Einfluss zweier Reiche - kapitalistisch das eine, kommunistisch das andere -, die der arabischen Welt ihre Logik und ihren eigenen internen Konflikt aufzwangen. Zum Zweiten ist das Gefühl der wirtschaftlichen Kolonisierung, der vollkommenen Abhängigkeit von westlichen Wirtschaftsinteressen sehr ausgeprägt – es ist so offensichtlich. Man hat den Eindruck, dass der israelisch-arabische Krieg auch dazu dient, den westlichen Handelsinteressen, insbesondere dem Waffenhandel, neue Märkte zu erschließen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges kam die Globalisierung hinzu, angesichts derer sich der Islam in einer Opferrolle sieht, einem Westen ausgesetzt, der seinen Lebensstil mit aller Macht als einzig gültigen, einzig humanen und vernünftigen durchsetzen will, ohne ihn auch nur einmal zu hinterfragen. Dabei existiert im Islam ein enormes Bedürfnis nach Emanzipation, ein Projekt für eine Zukunft, die sich auf ihren eigenen Werten gründet, ihrer Literatur, Vorstellungskraft, ihren Wünschen und ihrem Konzept von Ästethik. Muslime fühlen sich in vielerlei Hinsicht genötigt, gegen die westlich-weltliche Macht anzukämpfen, ihr zu widerstehen, auch durch aktiven Widerstand, um sich einen Freiraum für islamische Werte zu schaffen. Mir erscheint es offensichtlich, dass es so viele "Islame" gibt, wie verschiedene Interpretationen des "Westens".

Denken Sie nur daran, dass die Ostkirchen oft sehr viel tiefer in der arabischen Tradition verwurzelt sind als in der westlichen Zivilisation, an der sie in anderer Weise wiederum teilhaben. Ja, ich glaube an den Respekt, doch um ihn zu erreichen, müssen wir uns erst über das Fehlen dieses Respekts bewusst werden, das unsere Geschichte kennzeichnet; bevor wir die islamische Reaktion beurteilen, müssen wir uns darüber klar werden, wie der Westen zuvor agiert hat. Auch wenn die westliche Kultur nach außen sehr pluralistisch wirken mag, ist nicht zu verkennen, wie ideologisch behaftet sie dennoch ist. Und noch einmal: Respekt ist etwas Gutes, aber er muss eher gegeben werden als verlangt.

Christen in Malta oder in Ägypten beten zu Allah, weil es in ihrer Sprache nun einmal das Wort für "Gott" ist. Die meisten Muslime fühlen sich beleidigt, wenn Christen ihnen sagen, dass sie nicht zum gleichen Gott beten. Was sagen Sie dazu?

Fresken im Kloster Deir Mar Musa; Foto: Arian Fariborz

Pater Paolo: Ich weiß, dass es Christen gibt, die glauben, dass ihr Gott ein anderer ist, als der der Muslime. Wir Christen in den Ostkirchen benutzen das Wort Allah genauso wie die Muslime seit Jahrhunderten und noch länger. Es gibt solch tiefgehende gemeinsame Erfahrungen der Beziehung mit dem Göttlichen. Wir erinnern uns auch noch an die vor-islamische Bevölkerung, selbst an die, die in der Zeit vor den Christen im Osten lebte, und die für den Allmächtigen Wörter des gleichen semitischen Ursprungs hatte: Elohim, Iil, El, Aloho Allah. Was für eine Tragödie, dass angeblich mehr als eine Milliarde Menschen durch einen nicht-existierenden oder "falschen" Gott in die Irre geleitet werden soll. Unsere Erfahrung in Deir Mar Musa ist die einer gemeinsamen Verehrung des einen Gottes, dem gnädigen Schöpfer, dem, der den Armen und Unterdrückten und Vergessenen zur Seite steht, all denen, die nach Gerechtigkeit dürsten.

Treffen zum interreligiösen Dialog enden meist mit dem Bekenntnis zu gemeinsamen Werten. Was können wir tun, um uns auch auf den gegenseitigen Respekt für unsere Glaubensunterschiede zu verständigen?

Pater Paolo: Über den gegenseitigen Respekt unserer Unterschiede muss man sich ja auch gar nicht streiten, natürlich brauchen wir den. Was aber ist mit Befreiungsprozessen in Unrechtsstaaten oder in Systemen mit aristokratischen Privilegien, altertümlichen Monarchien oder Überbleibseln von tyrannischen oder hyper-nationalistischen Machtstrukturen? Wie sieht es mit der Befreiung von Ländern von unrechtmäßiger Besatzung aus, mit Grenzkontrollen, die Menschen praktisch zu Gefangenen machen oder mit Visa, die nicht erteilt werden? Die gegenwärtig universalste Machtstruktur haben Mafia-Organisationen, die noch international, doch bald schon global arbeiten werden.

Respekt ist kein passives Attribut, sondern muss erkämpft werden. Nach dem unglücklichen Kommunikations-Missgeschick von Papst Benedikt XVI. in Regensburg, das ungewollt eine tiefe Wunde bei den Muslimen hinterließ, weil es die Person des Propheten selbst betraf, gab es eine sehr aufrichtige Presseerklärung, die klarmachte, wie Leid es dem Papst tut, Schmerz verursacht zu haben, in der er aber den Muslimen zugleich seine Wertschätzung und seinen Respekts für ihren Glauben ausspricht. Ich bin, nach all dem Wirbel um seine Äußerungen, sehr froh darüber, dass hier der Status des Propheten Mohammed und die Notwendigkeit von Achtung und Respekt in einem Atemzug genannt wurden. Hier sehe ich durchaus den Ansatzpunkt für eine Vertiefung des Dialogs in der Zukunft.

Zwischen unterschiedlichen Religionen ist es normalerweise leicht, sich darauf zu verständigen, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen. Gleichzeitig scheint es sehr viel schwieriger zu sein, auf das Zusammenleben der Religionen das Prinzip der Vereinten Nationen anzuwenden, nach dem "alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind, vorausgesetzt, dass die allgemeinen Menschenrechte respektiert werden".

Was können wir in dieser Hinsicht noch verbessern?

Pater Paolo: Dies ist ein schwieriges Problem, und ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige bin, um diese Frage zu beantworten. Ich kenne mich in der Geschichte der Vereinten Nationen und der Menschenrechte nicht gut aus. Es geht dabei darum, einen Ausgleich zu finden zwischen den Rechten von Einzelnen und von Gruppen. Es geht um religiöse Toleranz und den Wert der Gewissensfreiheit einerseits und das Recht auf Selbstverwirklichung und der Verteidigung kultureller und religiöser Identität andererseits. Und noch einmal: Das konkrete Zusammenleben der Religionen hängt davon ab, wie sehr sie sich umeinander kümmern, und dazu gehört nicht nur der Respekt, sondern auch die Akzeptanz der fremden Wertvorstellungen.

Auch ist entscheidend, inwieweit man bereit ist, sich in gewisser Weise zu ergänzen. Alles in allem geht es um das beidseitige Bewusstsein für die Dynamik solcher Integrationsprozesse. So kann an einem Ort eine geglückte, dynamische Integration stattfinden, an einem anderen hingegen gibt es eher ein buntes "Patchwork" an Parallelgesellschaften. Ich hoffe sehr, dass die Mauern, die zurzeit existieren, weniger werden; das gilt nicht nur für die Mauer, die Israel von den Palästinensergebieten trennt, sondern auch für die Mauern der Bürokratie und die der kulturellen Diskriminierung. Wir müssen für das Recht aller Menschen kämpfen, sich frei bewegen zu können in der Welt, die uns allen gehört.

In Europa und im gesamten Mittelmeerraum geben einige, oder vielleicht gar viele Christen, Juden und Muslime vor, Gottes Willen genau zu kennen und meinen deshalb, ihn den anderen aufzwingen zu dürfen. Sollten wir hier nicht zu mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung aufrufen, um auch so zu einer Kultur des gegenseitigen Respekts zu gelangen?

Pater Paolo: Paradoxerweise bin ich fast geneigt zu sagen, dass es gerade unsere ungenügende Kenntnis des göttlichen Willens ist, die uns dazu bringt, den anderen unseren Willen aufzuzwingen, einfach aus Angst vor einer ungeordneten Welt und einer ungewissen Zukunft. Ich glaube, dass, wenn die Kinder Abrahams ihre Kenntnis des göttlichen Willens vertiefen würden, sie einen wunderbaren Ort der Harmonie entdeckten. Dafür aber braucht es die aktive Mitwirkung eines jeden einzelnen.

Interview: Traugott Schoefthaler

© Anna-Lindh-Stiftung / Qantara.de 2006

Aus dem Englischen von Daniel Kiecol