Wie strahlen die Proteste in Bagdad und den Städten des Südirak nach Kurdistan aus?

Qoja: Seit 2003 gibt es große Unterschiede zwischen der Region Kurdistan und dem Rest-Irak. Hier hat man ab 2004 den Wiederaufbau begonnen, die kurdischen Städte blühen. Im restlichen Irak hat die Regierung in Bagdad keinen Stein aufeinander gelegt, im Gegenteil. Wir haben Verständnis dafür, dass die Leute jetzt auf die Straße gehen, es ist auch deren Recht. Sie haben unsere volle Unterstützung. Die meisten Jugendlichen sind arbeitslos, sie wollen ein würdiges Leben in ihrem eigenen Staat führen. Der Irak ist ein reiches Land, jeder fragt sich, wohin fließt das Geld überhaupt? Krankenhäuser, Schulen, Kulturzentren, soziale Institutionen sind in marodem Zustand, und das darf im Irak nicht passieren.

Die Korruption ist eines der drängendsten Probleme im Irak.

Qoja: Natürlich. Wir in der Region Kurdistan bestreiten nicht, dass es auch hier Korruption gibt, aber das Maß im Rest-Irak ist gewaltig. Außerdem wollen die Irakerinnen und Iraker, dass sie selbst das Land regieren. Jeder weiß, dass der Iran seit über zehn Jahren die Kontrolle im Irak innehat. Bis heute hat kein Ministerpräsident die Macht übernommen ohne Zustimmung des Iran. Und das muss ein Ende haben. Wir sind es, die unser Land bestimmen müssen.

Wie – und wann – kann das geschehen?

Wandmalerei gegen die Zentralregierung in Bagdad in einer Straße von Nadschaf; Foto: Getty Images/AFP
Proteste gegen Bevormundung, politische Fremdbestimmung und Vetternwirtschaft: "Wir in der Region Kurdistan bestreiten nicht, dass es auch hier Korruption gibt, aber das Maß im Rest-Irak ist gewaltig", so Qoja. "Außerdem wollen die Irakerinnen und Iraker, dass sie selbst das Land regieren. Jeder weiß, dass der Iran seit über zehn Jahren die Kontrolle im Irak innehat."

Qoja: Zeitlich kann man das nicht festlegen. Aber die Bereitschaft der Menschen, ihr Leben für ihre eigene Würde und ihr Selbstbestimmungsrecht in Gefahr zu bringen, ist ein Zeichen dafür, dass die Hegemonie des Iran im Irak ein Ende findet. Früher oder später.

Viele Demonstrierende sprechen davon, die Spaltungen von Sunniten und Schiiten endlich zu überwinden, sie wünschen sich einen geeinten Irak. Diese Formulierungen richten sich also direkt gegen die iranische Einflussnahme?

Qoja: Natürlich, klar. Es ist eine Tatsache, dass der Einfluss des Irans in den kurdischen Gebieten nicht so stark ist wie im restlichen Irak. Aber auch hier wünscht jeder Bürger, dass die Iraner den Irak in Ruhe lassen, dass das irakische Volk selbst bestimmen kann, was es sich wünscht.

Wünschen Sie sich etwas von Deutschland?

Qoja: Nach meiner Kenntnis hat Deutschland den Irak nach 2003, besonders in den kurdischen Regionen, stark unterstützt. Der große Einfluss des Iran hat aber nicht nur Deutschland, sondern auch andere demokratische Staaten zum Teil daran gehindert, irakische Institutionen zu stärken und bei ihrem Ausbau zu helfen. Unser Wunsch ist, dass Deutschland weiterhin die Neuentwicklung im Irak unterstützt. Auch politisch sollte Deutschland sehr stark im Irak repräsentiert sein und beim Aufbau des Landes noch mehr tun als bis jetzt.

Ist das einer der Fehler, die gemacht wurden?

Qoja: Man hat sich zu wenig involviert. Mir ist natürlich bekannt, dass die deutsche Außenpolitik neutraler ist als die anderer Staaten, das hat historische Gründe. Aber das sollte nicht verhindern, dass sich Deutschland gemeinsam mit anderen demokratischen Staaten stark im Irak einbringt.

Das Gespräch führte Christopher Resch.

© Qantara.de 2019

Nihad Latif Qoja war seit 2004 Bürgermeister von Erbil, Hauptstadt des kurdischen Gebiets im Irak und Sitz der autonomen Region Kurdistan. 1981 war der ehemalige Sportlehrer vor dem Saddam-Regime nach Deutschland geflohen und lebte mehr als zwei Jahrzehnte lang in Bonn, wo er u.a. an der Gründung von "NAVEND - Zentrum für Kurdische Studien e.V." beteiligt war. 2017 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

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