Interview mit Mohammed Hanif

Der Schauplatz Familie in Zeiten des Krieges

Es ist sein dritter – und bis dato düsterster Roman: "Rote Vögel" von Mohammed Hanif. Der pakistanische Schriftsteller – zugleich einer der wichtigsten Journalisten des Landes – bringt darin die westlichen Vorstellungen über das alltägliche Leben in Kriegsgebieten ins Wanken. Mit ihm sprach Claudia Kramatschek

“Rote Vögel” mutet auf den ersten Blick wie ein weiterer Roman über die Brutalität des Krieges und die verheerende US-amerikanische Außenpolitik an. Doch das ist vielleicht nur die halbe Wahrheit…

Mohammed Hanif: In der Tat hat mich vor allem die Frage beschäftigt, was das ist: ein Zuhause. Wir alle wissen: Familie kann ein Schlachtfeld sein – überall auf der Welt. Ich wollte deshalb die innere Dynamik einer Familie beschreiben, die von der Welt vergessen worden ist – und in der einer der beiden Söhne spurlos verschwindet. Das passiert, nicht nur in Indien oder Pakistan, sondern auch in anderen Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Aber was macht eine Familie, wenn so etwas passiert? Hinzu kommt: Wir, die gebildete und den Frieden ach-so-liebende Mittelschicht, wir haben gelernt, so zu tun, als ob wir mit all den schrecklichen Kriegen und Konflikten da draußen nichts zu tun haben. Ich wollte die Leser deshalb bei der Hand nehmen, um sie mitten aus dem Komfort ihrer Wohnzimmer in einen anderen Raum zu führen.

Erneut spielen Sie mit dem Stilmittel der Satire. Die reizen Sie diesmal aus bis zum Äußersten – obwohl "Rote Vögel" ihr bislang vielleicht düsterster Roman ist. Erachten Sie die Satire als das beste literarische Mittel gegen die Grausamkeit der Welt?

Hanif: Ich wünschte, sie wäre es. Ich habe allerdings in den sieben Jahren, die ich benötigt habe um diesen Roman zu schreiben, einige meiner engsten Freunde verloren. Und da wir aufgrund der Technologien inzwischen mit Menschen, die uns nahe sind, eigentlich immer in Austausch sind, ist man also mitten in einer Konversation, man macht Pläne, führt einen Disput und erzählt sich gegenseitig Geschichten: was einem morgens im Büro widerfahren ist, was man geträumt hat. Kurz: Man möchte die anderen auch unterhalten. Plötzlich aber – und dem wollte ich Rechnung tragen – war all das durch den Tod unterbrochen. Deshalb setze ich meine Unterhaltung fort, auch wenn die Personen nicht mehr anwesend sind.

Es gibt drei Erzähler: unter anderem einen amerikanischer Major, der nach seinem Flugzeugabsturz in dem Flüchtlingscamp gerettet wird, das er bombardieren sollte. Und einen Hund. Wie kam der in den Roman?

Buchcover Mohammed Hanif "Rote Vögel" im Verlag Hoffmann & Campe
Im Schatten von westlichen Interventionen und Einzelschicksalen: Hanifs neuer Roman "Rote Vögel". Mohammed Hanif wurde 1965 in Okara, Pakistan, geboren. Nach einer Ausbildung zum Kampfpiloten bei der pakistanischen Luftwaffe wandte er sich dem Journalismus zu und zog 196 mit seiner Familie nach London. Dort war er für die BBC tätig, schrieb Artikel für die New York Times, die Washington Post und den Guardian.

Hanif: Ich kämpfte mit dem Roman. Und tatsächlich gab es da einen Hund, der durfte aber anfangs nicht sprechen – so wie es sich gehört für einen Hund. Ich selbst habe aber immer wieder Hunde gehabt – und oft haben sie mir das Herz gebrochen. Ich sitze also da, schreibe und mein Hund schaut mich an. Und scheint mir zu sagen: Was ist mit mir? Eines Tages gab ich einfach auf und dachte: Okay, sei einfach Teil der Party. Und plötzlich machte alles Sinn: Mit ihm konnte ich verknüpfen, was sich vorher nicht verknüpfen ließ.

Die dritte Erzählfigur ist Momo, ein Kind, das mit Krieg groß geworden ist. Wir sehen solche Kinder einzig als Opfer. Er aber ist kein Opfer, sondern weiß sehr wohl Kapital zu schlagen aus der Situation. Müssen wir unsere Ideen von einem Leben im Zeichen von Krieg überdenken?

Hanif: Ich bin tatsächlich vielen Kindern begegnet, die Schreckliches erlebt und überlebt haben. Da ist eine Kraft am Werk, die uns – die wir zuerst an Beschützen und an Fürsorge denken – unvorstellbar scheint. Auch Momo sieht sich als Mann von Welt. Er ist ehrgeizig, er hat Pläne. Und er trägt Verantwortung für seine Familie, seit sein älterer Bruder verschwunden ist. Er mag also eine tragische Figur sein – aber er ist sicher kein Opfer. Und sieht sich auch nicht als solches.

Momo sucht nach seinem verschwundenen Bruder. Auch in Pakistan verschwinden Menschen, in jüngster Zeit offenbar immer mehr. Ihre beiden vorherigen Romane spielten dezidiert in Pakistan, dieser nicht. War das angesichts des Themas zu riskant?

Hanif: Nein. Ich habe darüber bereits geschrieben: in einem kleinen Pamphlet, das von Familien erzählt, in denen Menschen verschwunden sind. Was ihnen widerfährt, ist furchtbar. Sie können weder ein normales Leben führen noch die Hoffnung aufgeben. Und wir reden nicht nur über Pakistan oder Indien. Man denke auch an die sogenannten Halb-Witwen in Kaschmir: Frauen, deren Männer seit Jahren unauffindbar sind. Die Zeit, die ich mit diesen Menschen verbracht habe, hat mich sicher beeinflusst in meinem Denken und Schreiben. Zugleich wollte ich einen allzu lokalen Anstrich vermeiden: Ein Zuhause ist schließlich ein Zuhause; sei es eine Hütte aus Lehm oder eine Villa aus Stein. Und Familie ist Familie – so wie eine Mutter eine Mutter ist.

Im Roman wird die Stimme der Mutter umso wichtiger, je weiter wir mit der Lektüre voranschreiten. Er endet auch mit ihren Worten.

Hanif: Wann immer ich meine Zeit mit Angehörigen von Vermissten verbracht habe, fiel mir mehr und mehr auf, dass die meisten von ihnen Frauen sind: Mütter, Schwestern, manche von ihnen 8- oder 9-jährige Mädchen. Es schien mir deshalb selbstverständlich, sie auch im Roman erst nach und nach mit ihrem Kummer hörbar zu machen. Und dass die Mutter erst zum Ende hin Raum für ihre Stimme erhält, ist Absicht. Es spiegelt wider, was auch in der Realität geschieht: Frauen sollen erst einmal schweigen. Obwohl sie so viel zu sagen haben. Denn sie sind diejenigen, die alles zusammen halten.

Zugleich liegt eine Art jenseitiger Schleier über dem Roman….

Hanif: Mich interessierte die Frage: Wohin gehen Menschen, wenn sie verschwunden oder gestorben sind? Wir haben ja Erinnerungen an sie. Hören im Kopf ihre Stimmen. Wissen, wie es sich anfühlte, sie anzufassen. Vernehmen ihren Geruch. Oder denken an etwas, das sie gesagt und getan haben. Und lachen darüber. Sind diese Menschen also noch immer anwesend? Ist es meine Aufgabe, mich an sie zu erinnern? Beobachten sie mich? Vermissen sie mich auch? Oder ist das eine einseitige Sache? Ich bin kein spiritueller Mensch. Nie zuvor hatte ich über all das nachgedacht. Aber das änderte sich in dem Jahr, in dem ich wie gesagt, viele enge Freunde verlor. Plötzlich interessierte mich die Idee des Jenseits.

Als Leser weiß man am Ende nicht, ob der Sohn lebend gerettet werden kann oder nicht. Ob die Mutter nur träumt – oder nicht.

Hanif: Den Menschen, vor allem Frauen, widerfahren viele schreckliche Dinge. Zu ihnen zählt, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf. Wir denken, Hoffnung zu haben, ist per se etwas Gutes. Was aber, wenn es einfach nicht erlaubt ist, hoffnungslos zu sein?

Das Interview führte Claudia Kramatschek.

© Qantara.de 2019

Mohammed Hanif: "Rote Vögel", Verlag Hoffmann & Campe 2019,  320 Seiten, ISBN: 978-3-455-00516-5

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