Interview mit Melisa Erkurt über ihr Buch "Generation haram"

Die Generation der Verlierer

Melisa Erkurt ist als Kind mit ihrer Mutter aus Bosnien nach Österreich geflüchtet. Als Journalistin widmet sie sich heute Bildungsthemen - so auch in ihrem aktuellen Buch "Generation haram", das von sogenannten Bildungsverlierern handelt. Mit ihr sprach Schayan Riaz.

Frau Erkurt, 2016 erschien Ihre Reportage "Generation haram" im biber Magazin über die sogenannte Verbotskultur an österreichischen Schulen, bei der muslimische Teenager entscheiden, was aus ihrer Sicht "haram", also verboten, ist und was nicht. Nun haben Sie ein Buch unter demselben Titel geschrieben, in dem Sie jene Jugendliche als Verlierer des Bildungssystems bezeichnen. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Melisa Erkurt: Für das Schulprojekt "Newcomer" des Magazins "biber" war ich über zwei Jahre lang an sogenannten Brennpunktschulen unterwegs. Dort habe ich diese Verbotskultur beobachtet und eine Reportage darüber geschrieben. Im Anschluss daran habe ich ein Jahr lang in einer Schule unterrichtet und somit die Jugendlichen nicht nur für ein paar Wochen, sondern über einen längeren Zeitraum  begleitet. Ich habe gesehen, was wirklich hinter dieser Generation steckt. Es handelt sich ganz einfach um Bildungsverlierer, die versuchen, sich Macht oder Erfolg anderswo einzuholen, also indem sie beispielsweise über andere bestimmen.

In der Gesellschaft hat man ja so oder so schon ein bestimmtes Bild von muslimischen Burschen, und in diesem Fall gibt es zwei Wege für sie: Entweder sie kämpfen gegen das Stereotyp an, was ganz viel Motivation erfordert und was man von einem Teenager nicht wirklich erwarten kann, oder sie bestätigen einfach das, was von ihnen erwartet wird.

Woran machen Sie denn fest, dass diese Schulkinder keine Chancengleichheit erfahren?

Buchcover Melisa Erkurt: "Generation haram" im Verlag Paul Zsolnay
Melisa Erkurt: "Migranten, die hier geboren und aufgewachsen sind, waren schon vor der Pandemie Bildungsverlierer, weil ihre Eltern ihnen zum Beispiel nicht helfen konnten. Sie hatten einfach nicht dieselben Ressourcen wie ein Maximilian oder eine Julia."

Erkurt: Das kann man jetzt vor allem während der Corona-Pandemie gut erkennen. Es gibt Zahlen, die bestätigen, wie viele Kinder von ihren Schulen gar nicht erreicht wurden. Größtenteils handelt es sich dabei um Kinder, die noch nicht so lange in Österreich sind, deren Eltern nicht so gut Deutsch können und bei denen der Kontakt zu den Lehrern einfach nicht da war. Eine Extremsituation können wir auch bei Geflüchteten feststellen, deren Deutschkenntnisse sich in diesem halben Jahr, wenn man die Ferien dazurechnet, unglaublich verschlechtert haben. Und durch das ganze "Distance Learning" hat man sie nicht erreicht. Aber wir können jetzt nicht tun, dass das alles nur auf Corona zurückzuführen ist. Kinder von Migranten, die hier geboren und aufgewachsen sind, waren schon vor der Pandemie Bildungsverlierer, weil ihre Eltern ihnen zum Beispiel nicht helfen konnten. Sie hatten einfach nicht dieselben Ressourcen wie ein Maximilian oder eine Julia.

Sie selbst sind als Kind aus Bosnien nach Österreich gekommen. Wie blicken Ihre Eltern auf Ihren erfolgreichen Werdegang und Ihre Arbeit als Journalistin?

Erkurt: Viele Österreicherinnen ohne Migrationshintergrund fragen mich auch immer, ob meine Eltern nicht total stolz auf mich sind. Aber meine Eltern haben Angst und möchten gar nicht, dass ich die Aufmerksamkeit der Mehrheitsgesellschaft auf mich ziehe. Sie fürchten sich vor dem Rassismus in der Gesellschaft. Ihre Angst vor Diskriminierung verdeckt ihren ganzen Stolz.

Sie arbeiten in einer mehrheitlich weißen Redaktion und schreiben über Themen wie Rassismus an Schulen oder wie privilegiert weiße Menschen sind. Wie gehen Ihre Kollegen damit um?

Erkurt: Ich merke an ihren Reaktionen, dass sie das als individuelle Beleidigung aufnehmen. Journalisten denken immer, dass sie gar nicht diskriminieren können, weil sie ja so weltoffen sind. Dabei geht es gar nicht um sie. Sie merken oft gar nicht, wenn sie diskriminieren. Vor allem wenn es kein klassischer Rassismus ist, sondern eher ein unterschwelliger, den man nicht nachweisen kann. Im Idealfall sollte der Journalismus diese Debatten tragen, aber es wird lieber geschwiegen. Der Rassismus in der Gesellschaft wäre viele Reportagen wert, aber dann müsste man sich ja auch mit seinem eigenen Rassismus konfrontieren.

Was kann man konkret dagegen tun, wenn Lehrer aufgrund von Vorurteilen gegen Schüler mit Migrationshintergrund diskriminieren?

Erkurt: Das Lehrpersonal wird oft nicht gut genug ausgebildet. Es wäre also gut, wenn diese Lehrer verpflichtende Supervision erhielten, wo sie über bestimmte Dinge reflektieren können. Meistens meinen sie es ja gar nicht bewusst böse, wenn sie Schüler diskriminieren, aber sie wurden über bestimmte Themen nie sensibilisiert. Hier kommt auch die Diversität ins Spiel - und damit meine ich nicht nur die Sprache. Lehrern muss beigebracht werden, wie sie nicht diskriminieren, wie sie im Klassenzimmer nicht zu Rassisten werden. Wenn sie auch nur einmal etwas Diskriminierendes von sich geben, dann kann das weitreichende Konsequenzen haben. Und das kommt oft vor, sonst würden Schüler mit Migrationshintergrund nicht so häufig die Schule abbrechen oder den Bildungsaufstieg verpassen.

 

Sie haben das Thema Diversität angesprochen und schreiben, dass das Lehrerzimmer diverser sein müsste. Warum haben Sie sich eigentlich für den Journalismus entschieden und nicht weiterhin als Lehrerin gearbeitet?

Erkurt: Ich habe mir die Frage gestellt, in welchem Bereich ich mehr Leute erreichen kann. Als Lehrerin habe ich in einem Jahr maximal 90 Schüler erreicht, was großartig war, um Individuen kennenzulernen. Als Journalistin habe ich die Möglichkeit, auf die Probleme aller Schulkinder in Österreich aufmerksam zu machen und eine höhere Ebene zu erreichen. So war es für mich schnell klar, wohin ich mich in der Bildungsdebatte bewegen werde.

Obwohl Sie im letzten Kapitel Ihres Buches konkrete Empfehlungen aussprechen, was sich alles im Bildungssystem ändern muss, bleibt die Frage, was mit den jetzigen Bildungsverlierern passiert. Werden sie jemals gewinnen?

Erkurt: Das können sie nicht, wenn sich das System nicht ändert. In Österreich sind wir nicht bereit für einen ehrlichen Diskurs. Ein Beispiel: Die Kopftuchdebatte. Lange hieß es, dass junge muslimische Mädchen nicht selbstbewusst genug sind, dass sie unterdrückt werden. Jetzt haben wir eine junge Generation von Feministinnen, die zwar ein Kopftuch tragen, sich aber nichts sagen lassen. Sie kennen ihre Rechte. Eigentlich müsste die Mehrheitsgesellschaft doch glücklich darüber sein, genau das wollten sie doch. Aber jetzt wird in Österreich ein Kopftuchverbot für Schülerinnen unter 14 Jahren eingeführt. Wann hat jemals eine Kleidungsvorschrift für Frauen etwas Gutes bewirkt? Das zeigt einfach, dass wir immer die Verlierer bleiben, wenn sich der Diskurs auf beiden Seiten nicht auf Augenhöhe bewegt.

Das Interview führte Schayan Riaz.

© Qantara.de 2020

Melisa Erkurt: "Generation haram", Verlag Paul Zsolnay 2020, 192 Seiten, ISBN 978-3-552-07210-7

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