Der Iran setzt dagegen auf Assad persönlich, weil nur er das enge Verhältnis zu Teheran sichert. Syrien ist für Teheran ein Brückenkopf zum Mittelmeer und zur Hisbollah im Libanon. Der Iran möchte sein schiitisches Einflussgebiet erweitern und weil es in Syrien kaum Schiiten gibt, braucht man ein Regime, das als Stellvertreter iranischer Interessen agiert. Außerdem hat sich der Iran in Syrien eine dauerhafte Präsenz gesichert, indem er politische und militärische Strukturen etabliert und vielfältige wirtschaftliche Abkommen geschlossen hat. Das alarmiert wiederum die israelische Regierung, weswegen der Konflikt zwischen Israel und Iran auf syrischem Boden weiter eskalieren könnte.

Die Türkei will eine kurdische Autonomie in Syrien verhindern. Erdoğan hat angekündigt, dass er die ganze Grenze bis zum Irak von den YPG "befreien" möchte. Das würde jedoch eine Konfrontation mit den USA mit sich bringen, die zwar nicht in Afrin, aber weiter östlich die verbündeten Kurden bislang verteidigt haben und dort auch mit eigenen Soldaten präsent sind. Als NATO-Partner haben allerdings weder Ankara noch Washington ein Interesse an einer weiteren Eskalation.

Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Kristin Helberg; Foto: DW
Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Kristin Helberg lebte von 2001 bis 2008 in Damaskus, wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war. Für europäische Medien berichtete sie von Syrien aus über die arabische und islamische Welt. Heute arbeitet sie als Autorin und Nahost-Expertin in Berlin.

Seit sieben Jahren herrscht in Syrien Krieg. Assad scheint also an der Macht zu bleiben. Welches Signal sendet das an die Menschen in Syrien, die fliehen mussten, die ihr Land in Schutt und Asche sehen, wenn der Westen sich jetzt mit Assad abfindet?

Helberg: Das Tragische ist, dass die Europäer - genauso wie die Amerikaner - nichts gelernt haben aus den Umstürzen in der arabischen Welt seit 2011. Sie wiederholen den gleichen Fehler wie in den Jahrzehnten zuvor, indem sie auf Diktatoren oder autoritäre Herrscher als vermeintliche Garanten von Stabilität setzen - ob in Ägypten oder Saudi-Arabien. Dabei sind Unterdrückung, Perspektivlosigkeit und Ungerechtigkeit der Nährboden für Frustration und Unzufriedenheit, die Extremisten für sich zu nutzen wissen. Mehr als die Hälfte der Bewohner des Nahen Ostens ist jünger als 30. Solange diese vielen jungen Menschen keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Würde für sich sehen, sondern weiterhin erniedrigt und unterdrückt werden, haben Dschihadisten leichtes Spiel. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der IS unter neuem Namen wieder auferstehen wird. Die Politik Europas wirkt deshalb kontraproduktiv.

Wie sollte Europa denn in Zukunft mit einem Syrien unter Assad und seinen Strukturen umgehen?

Helberg: Europa sollte seine Beziehungen zu diesem Regime nicht normalisieren und sich auch nicht an einem Wiederaufbau unter Assads Führung beteiligen. Das Regime nutzt den Wiederaufbau, um Anhänger zu belohnen, Gegner zu bestrafen und demographische Veränderungen zu festigen. Nicht loyale Bevölkerungsteile werden umgesiedelt, vertrieben, enteignet. Deshalb sollte Europa dieses Regime zum jetzigen Zeitpunkt mindestens ächten.

Deutschland könnte die internationale Strafverfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Syrien vorantreiben und eine führende Rolle dabei spielen, internationale Haftbefehle gegen die Hauptverantwortlichen dieser Verbrechen zu erwirken. Mit dem Geld, das die Bundesrepublik bisher für den Tornadoeinsatz in Syrien ausgegeben hat, sollte sie lieber syrische Geflüchtete im Libanon und in Jordanien unterstützen und die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe stärken. Dann könnten deutsche und syrische Juristen die dort vorliegenden Anzeigen gegen hochrangige Regimevertreter schneller bearbeiten und ein wichtiges Signal aussenden: dass die Menschheitsverbrechen in Syrien zumindest nicht straffrei bleiben, auch wenn sie nicht verhindert werden.

Das Gespräch führte Diana Hodali.

© Deutsche Welle 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Grenzenloser Zynismus

Frau Helberg stellt es so dar, als wäre dem Westen die Zivilbevölkerung egal. Sie lässt dabei dreierlei außer Acht: 1) der Westen setzt sich permanent für die Erschließung von Wegen der humanitären Versorgung ein. 2) Es gab Versuche, mit UN-Konvois Hilfsgüter zu importieren, diese wurden aber vom Regime unterbunden. 3) Ja, der Westen bombardiert ohne UN-Manadet den IS und traut sich nicht zur humanitären Intervention. Das liegt aber daran, dass diese eine Konfrontierung syrischer, iranischer und russischer Kräfte bedeuten würde, mit unabsehbaren Folgen.

LB18.03.2018 | 09:55 Uhr

...an Kredibilität, wenn Israel verurteilt und geächtet wird. Assad hat nicht halb so viele UN-Resolutionen gebrochen wie Israel, und es finden sich immer noch sehr viele Unterstützer Assads im Mittleren Osten - anders als für Israel. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unwissend und blind westliche "Orient-Experten" in Wirklichkeit sind. So wird es nie zu einer Einigung kommen...

Boumedien20.03.2018 | 10:47 Uhr