Warum ist denn aus der FSA nie wirklich eine Befreiungsarmee geworden?

Helberg: Der bewaffnete Widerstand war von Anfang an zersplittert, weil sich jede Gruppe vor Ort selbst finanzieren und Waffen besorgen musste. Anführer wurde, wer am meisten Geld beschaffen konnte - nicht der mit der meisten militärischen Erfahrung. Sämtliche Versuche, eine alternative Armee aufzubauen mit einer zentralen Befehlsstruktur und Hierarchie, scheiterten am Zögern des Westens. Amerikaner und Europäer haben viel versprochen, aber wenig gehalten. Deswegen haben sich Hunderte von Gruppen jeweils lokal und regional finanziert. Ihre Geldgeber saßen am Golf, auch die Regionalmächte Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei haben kräftig bezahlt - am liebsten für Brigaden, die islamistisch auftraten.

Das heißt, diese Mächte haben dann auch zu einer Islamisierung des Krieges beigetragen?

Helberg: Genau. Ein islamistisches Auftreten brachte den Aufständischen mehr Geld und Waffen. Viele Brigaden änderten deshalb ab 2012 ihre Namen. Das Hauptproblem war, dass die FSA nicht konsequent zentral finanziert wurde, denn so hatten ihre Kommandeure den Kämpfern nichts anzubieten. Die Islamisten zahlten einen höheren Sold, hatten bessere Waffen, mehr Essen, waren effektiv organisiert, diszipliniert und erfolgreicher im Kampf gegen das Regime.

Kämpfer der FSA beim Vormarsch auf Afrin; Foto: picture-alliance
Im Dienste Erdoğans: Ende 2011 wurden die FSA-Rebellen von Demonstranten als Beschützer und Freiheitskämpfer gefeiert, sechs Jahre später, im Februar 2018, beteiligten sich Mitglieder der FSA in Afrin an der Schändung der Leiche einer kurdischen Kämpferin. Inzwischen fungieren Teile der FSA als Söldnertruppen der Türkei.

Der CIA hat auch Rebellen unterstützt, allerdings immer mit der Bedingung, den Krieg gegen den Terror zu bekämpfen. Ging es den USA also schon früh darum, eher gegen den IS vorzugehen als gegen Assad?

Helberg: Die USA wollten sich schon unter Obama so wenig wie möglich in Syrien einmischen. Von außen herbeigeführte Regimewechsel waren die Spezialität seines Vorgängers George W. Bush und spätestens seit 2009 vom Tisch. In Syrien ging es Washington in erster Linie um den Kampf gegen den IS, der sich in Syrien nur ausbreiten konnte, weil Assad mit seinem barbarischen Krieg die Bedingungen dafür geschaffen hatte. Der IS war ein Symptom dieses Konflikts, nicht seine Ursache.

Die von den USA ausgebildeten Kämpfer sollten in Syrien nur gegen den IS vorgehen, während die Mehrheit der Menschen unter den Bomben Assads und Russlands litt. Aus deren Sicht waren diese Rebellen Vasallen des Westens, der den Terror der Dschihadisten bekämpfte und den Staatsterror Assads ignorierte. Dadurch radikalisierten sich die Syrer weiter und am Ende hatten islamistische Gruppen mehr Rückhalt in der Bevölkerung, weil sie als Einzige das Regime bekämpften und nebenbei die Menschen versorgten.

Welche Interessen verfolgen denn heute die Türkei, Russland und der Iran?

Helberg: Sowohl Russland als auch der Iran haben das kurzfristige gemeinsame Ziel erreicht, dieses Regime an der Macht zu halten - wobei es Russland weniger um die Person Assad geht, als vielmehr um ein autoritär geführtes, zentral steuerbares Land. Jetzt will Wladimir Putin diesen für Russland extrem teuren Krieg endlich beenden und das militärische Ergebnis diplomatisch besiegeln. Dafür soll Assad für den Rest der Welt wieder zum legitimen Herrscher und Ansprechpartner in Sachen Wiederaufbau werden. Denn den können Russland und die anderen Verbündeten nicht finanzieren.

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Leserkommentare zum Artikel: Grenzenloser Zynismus

Frau Helberg stellt es so dar, als wäre dem Westen die Zivilbevölkerung egal. Sie lässt dabei dreierlei außer Acht: 1) der Westen setzt sich permanent für die Erschließung von Wegen der humanitären Versorgung ein. 2) Es gab Versuche, mit UN-Konvois Hilfsgüter zu importieren, diese wurden aber vom Regime unterbunden. 3) Ja, der Westen bombardiert ohne UN-Manadet den IS und traut sich nicht zur humanitären Intervention. Das liegt aber daran, dass diese eine Konfrontierung syrischer, iranischer und russischer Kräfte bedeuten würde, mit unabsehbaren Folgen.

LB18.03.2018 | 09:55 Uhr

...an Kredibilität, wenn Israel verurteilt und geächtet wird. Assad hat nicht halb so viele UN-Resolutionen gebrochen wie Israel, und es finden sich immer noch sehr viele Unterstützer Assads im Mittleren Osten - anders als für Israel. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unwissend und blind westliche "Orient-Experten" in Wirklichkeit sind. So wird es nie zu einer Einigung kommen...

Boumedien20.03.2018 | 10:47 Uhr