Wenn man das alles so vorhersehen konnte, wieso hat dann keine Macht etwas unternommen, um den Menschen zur Hilfe zu eilen? Oder ging es nie darum, einen Regimewechsel in Syrien zu unterstützen?

Helberg: Die Assad-Gegner - Aktivisten, Rebellen, Oppositionelle - hatten nie die Unterstützung, die es gebraucht hätte, um das Regime zu stürzen. Vor allem der zivile Widerstand fühlt sich deshalb vom Westen im Stich gelassen. Das eigentliche Problem in Syrien ist, dass alle mitmischen, aber keiner den Zivilisten hilft. Keine Militärmacht, die in Syrien präsent ist, kümmert sich um den Schutz von Zivilisten, jeder verfolgt nur eigene Interessen. Das ist das eigentliche Versagen der internationalen Gemeinschaft.

Auf der einen Seite unterstützen Russland und Iran das Assad-Regime militärisch, diplomatisch und finanziell. Mit ihrer Hilfe kann er Gebiete zurückerobern und wird das Land weiter irgendwie beherrschen. Auf der anderen Seite hat sich die Türkei eingemischt - inzwischen gegen die Kurden. Und auch die USA sind dabei - gegen den IS. Deutschland hat sich am Krieg gegen den IS ebenso beteiligt mit Tornado-Aufklärungsflügen. Das heißt: Alle fliegen über Syrien, alle bombardieren, aber keiner verhindert, dass Menschen bombardiert werden. Entsprechend verlogen sind diese Interventionen. Wir Europäer sind bereit, uns ohne UN-Mandat an Angriffen in Syrien zu beteiligen, aber bestehen auf ein UN-Mandat, wenn es um den Schutz von Zivilisten geht. Das ist aus syrischer Sicht zynisch.

Wie realistisch ist es denn überhaupt, dass die Bevölkerung Ost-Ghuta verlassen will?

Zerstörungen in den Straßen von Ost-Ghuta; Foto: picture-alliance/abaca
Alle mischen mit, aber keiner hilft den Zivilisten: "Keine Militärmacht, die in Syrien präsent ist, kümmert sich um den Schutz von Zivilisten, jeder verfolgt nur eigene Interessen. Das ist das eigentliche Versagen der internationalen Gemeinschaft", moniert Helberg.

Helberg: Es kann nicht darum gehen, 380.000 Menschen zu "evakuieren". Wenn wir den Zivilisten in Ost-Ghuta helfen wollen, müssen wir die Luftangriffe stoppen, sie versorgen und unter internationalen Schutz stellen - und zwar dort wo sie sind, denn das ist ihre Heimat. Die Leute wollen nicht vertrieben werden, denn sie wissen, was sie in Idlib erwartet, wenn man sie dorthin bringt. Gleichzeitig fürchten sie die vorrückenden Regime-Einheiten, denn jeder, der sich in Ost-Ghuta engagiert hat - im lokalen Rat, als Lehrer einer Schule, als Leiterin eines Frauenzentrums, bei der Versorgung von Verletzten - muss mit Verhaftung rechnen. Viele Zivilisten sagen, sie sterben lieber durch eine Bombe als in den Foltergefängnissen des Regimes. Junge Männer haben außerdem berechtigte Angst, vom Regime zum Militärdienst gezwungen zu werden.

Der zivile Widerstand wurde niedergeschlagen, der bewaffnete Kampf der syrischen Oppositionellen scheiterte spätestens seit der militärischen Intervention Russlands. Was bedeutet das für den Kriegsverlauf in Syrien?

Helberg: Auf Seiten der Regimegegner kämpfen viele jetzt um ihr eigenes Überleben. Die meisten Kämpfer sind Syrer, die sich im Laufe der Jahre radikalisiert und islamisiert haben. Auch in Ost-Ghuta. Dort gibt es nur eine kleine Präsenz ausländischer Dschihadisten, die meisten stammen aus der Gegend. Diese Islamistengruppen wurden von Salafisten gegründet, die Assad 2011 aus dem Gefängnis Seidnaya entließ mit dem Ziel, die Revolution von Extremisten kapern zu lassen. Das hat funktioniert, in Ost-Ghuta leiden vor allem Aktivisten unter der Herrschaft der Islamisten. Sie wissen, dass sie das Gebiet wohl nicht mehr lange halten können. Aber ihre einzige Option ist ein Abzug nach Idlib, wo sie jedoch weiter bombardiert werden.

Das Tragische ist, dass der bewaffnete Widerstand in Syrien zur Manipulationsmasse geworden ist und von ausländischen Akteuren zur Durchsetzung eigener Interessen missbraucht wird. Schauen Sie sich die Freie Syrische Armee (FSA) an, wie tief sie gefallen ist. Ende 2011 wurden die FSA-Rebellen von Demonstranten als Beschützer und Freiheitskämpfer gefeiert, sechs Jahre später, im Februar 2018, beteiligten sich Mitglieder der FSA in Afrin an der Schändung der Leiche einer kurdischen Kämpferin. Inzwischen fungieren Teile der FSA als Söldnertruppen der Türkei.

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Leserkommentare zum Artikel: Grenzenloser Zynismus

Frau Helberg stellt es so dar, als wäre dem Westen die Zivilbevölkerung egal. Sie lässt dabei dreierlei außer Acht: 1) der Westen setzt sich permanent für die Erschließung von Wegen der humanitären Versorgung ein. 2) Es gab Versuche, mit UN-Konvois Hilfsgüter zu importieren, diese wurden aber vom Regime unterbunden. 3) Ja, der Westen bombardiert ohne UN-Manadet den IS und traut sich nicht zur humanitären Intervention. Das liegt aber daran, dass diese eine Konfrontierung syrischer, iranischer und russischer Kräfte bedeuten würde, mit unabsehbaren Folgen.

LB18.03.2018 | 09:55 Uhr

...an Kredibilität, wenn Israel verurteilt und geächtet wird. Assad hat nicht halb so viele UN-Resolutionen gebrochen wie Israel, und es finden sich immer noch sehr viele Unterstützer Assads im Mittleren Osten - anders als für Israel. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unwissend und blind westliche "Orient-Experten" in Wirklichkeit sind. So wird es nie zu einer Einigung kommen...

Boumedien20.03.2018 | 10:47 Uhr