Interview mit Kristin Helberg zum Syrienkonflikt

Grenzenloser Zynismus

Die Syrien-Expertin Kristin Helberg kritisiert im Gespräch mit Diana Hodali, dass die Europäer zwar bereit seien, sich auch ohne UN-Mandat an militärischen Interventionen im Syrienkonflikt zu beteiligen, aber auf ein UN-Mandat insistierten, wenn es um den Schutz von Zivilisten geht.

Ost-Ghuta war der syrischen Armee schon lange ein Dorn im Auge - als eine der letzten Rebellenhochburgen - und dann auch noch vor den Toren von Damaskus. Geht Assads Rechnung auf, die Ost-Ghuta einzunehmen und die Menschen zu vertreiben?

Kristin Helberg: Was in Ost-Ghuta passiert, konnten wir in den vergangenen Jahren auch andernorts beobachten. Das syrische Regime versucht, all jene Gebiete, die von der Opposition kontrolliert werden, weil sie ursprünglich Zentren des friedlichen Aufstands waren, und dann von verschiedenen Rebellengruppen eingenommen wurden, mit militärischen Mitteln zurückzuerobern.

Heute sind das die Deeskalationszonen, die eigentlich Eskalationszonen heißen müssten, weil Präsident Assad sie alle wieder unter seine Kontrolle bringen will. Die Methoden sind immer die gleichen: Man riegelt Gebiete ab, hungert die Menschen dort aus, bombardiert sie dauerhaft, um der Bevölkerung die Lebensgrundlage zu entziehen und sie zur Aufgabe zu zwingen. Es geht darum, die Menschen zu unterwerfen oder zu vertreiben. Das ist kein Kampf gegen Terroristen, sondern die kollektive Bestrafung von Zivilisten, die gegen die Herrschaft Assads aufgestanden sind oder nichts gegen die Aufständischen dort unternommen haben.

Die Türkei soll eigentlich die Deeskalationszone um die Rebellenhochburg Idlib schützen, scheint aber dem Regime Syriens freie Hand zu gewähren - dafür, dass sie in Afrin gegen die Kurden vorgehen darf.

Helberg: Alle Garantiemächte, die eigentlich Deeskalationszonen durchsetzen sollten - nämlich Russland, der Iran und die Türkei - versagen in dieser Rolle, weil sie zugleich Interventionsmächte sind, die ihre ganz eigenen Interessen in Syrien militärisch verfolgen.

Bergung von verletzten Zivilisten nach Luftangriffen des Assad-Regimes auf Ost-Ghuta; Foto: Getty Images/AFP
Zivilisten im Visier des Assad-Regimes: Ost-Ghuta nahe der Hauptstadt Damaskus erlebt seit Beginn der Regierungsoffensive die heftigsten Angriffe seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor knapp sieben Jahren. Menschenrechtsaktivisten zufolge kamen dabei bislang fast 1.200 Zivilisten ums Leben. In den vergangenen Tagen hatten nur vereinzelt Menschen das Gebiet verlassen. Rund 400.000 Menschen sind in Ost-Ghuta eingeschlossen. Wegen der Kämpfe und Blockade ist die humanitäre Lage katastrophal.

Im Falle von Idlib im Nordwesten Syriens - dem größten von islamistischen Rebellen und Dschihadisten gehaltenen Gebiet - ist eigentlich die Türkei zuständig für Deeskalation. Aber die Türkei hat andere Prioritäten: Sie will die YPG, die kurdischen Volksverteidigungseinheiten, militärisch vernichten oder zumindest schwächen. Für dieses Ziel ist Präsident Erdoğan bereit, woanders Zugeständnisse zu machen, zum Beispiel, indem er dem Assad-Regime mit seinen Unterstützern Russland und Iran die Provinz Idlib überlässt.

Dort hat bereits eine Bodenoffensive begonnen. Mehr als 200.000 Menschen sind auf der Flucht, manche zum zweiten oder dritten Mal. Denn nach Idlib wurden viele Syrer aus anderen Rebellengebieten "evakuiert", also vertrieben - die Provinz dient als Sammelbecken für all jene, die das Regime in irgendeiner Weise bekämpft haben. Am Ende wird Idlib das gleiche Schicksal ereilen wie Homs, Ost-Aleppo, Ost-Ghuta und andere Regionen. Das läuft alles nach einem Drehbuch. Assad säubert das Land politisch, Anhänger dürfen bleiben, Gegner sollen verschwinden, er selbst spricht von einer "homogeneren, gesünderen Gesellschaft".

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Leserkommentare zum Artikel: Grenzenloser Zynismus

Frau Helberg stellt es so dar, als wäre dem Westen die Zivilbevölkerung egal. Sie lässt dabei dreierlei außer Acht: 1) der Westen setzt sich permanent für die Erschließung von Wegen der humanitären Versorgung ein. 2) Es gab Versuche, mit UN-Konvois Hilfsgüter zu importieren, diese wurden aber vom Regime unterbunden. 3) Ja, der Westen bombardiert ohne UN-Manadet den IS und traut sich nicht zur humanitären Intervention. Das liegt aber daran, dass diese eine Konfrontierung syrischer, iranischer und russischer Kräfte bedeuten würde, mit unabsehbaren Folgen.

LB18.03.2018 | 09:55 Uhr

...an Kredibilität, wenn Israel verurteilt und geächtet wird. Assad hat nicht halb so viele UN-Resolutionen gebrochen wie Israel, und es finden sich immer noch sehr viele Unterstützer Assads im Mittleren Osten - anders als für Israel. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unwissend und blind westliche "Orient-Experten" in Wirklichkeit sind. So wird es nie zu einer Einigung kommen...

Boumedien20.03.2018 | 10:47 Uhr