Interview mit Khouloud Daibes

"Es ist mir wichtig, positiv aus Palästina zu berichten"

Seit den Osloer Verträgen 1993 ist die palästinensische Autonomiebehörde für den Denkmalschutz in den Besetzten Gebieten zuständig. Youssef Hijazi sprach mit der neu berufenen Ministerin für Tourismus und Archäologie über die Möglichkeiten, den Verfall der Bausubstanz aufzuhalten.

Dr. Khouloud Daibes; Foto: Youssef Hijazi
"Weil wir keine Gesetze haben, legen wir viel Wert auf Aufklärungsarbeit", so Dr. Khouloud Daibes

​​Im Rahmen einer Veranstaltung zum 155. Jahrestag des Jerusalemvereins hielten Sie einen Vortrag über den Erhalt des baulichen Kulturerbes. Neigen Sie selbst eher der Tradition zu?

Khouloud Daibes: Die Frage, die mich seit Beginn der 90er Jahre beschäftigt, lautet: Wie kann man aus einer Architektur mit starken traditionellen Wurzeln eine Architektur mit modernistischem Geist entwickeln? Hierzu gehört für mich die Erhaltung der historischen Bausubstanz in Palästina, die für uns Palästinenser, aber auch allgemein, als kulturelles Erbe wichtig ist.

Denn damit wird die Kontinuität garantiert, z. B. durch die Weitergabe dieses Erbes an die jüngere Generation. Die alte Bausubstanz ist der physische Beweis dafür, dass wir in diesem Land gelebt haben. Außerdem trägt die Erhaltung dieses Erbes zum wirtschaftlichen Aufschwung durch die Tourismusförderung bei.

Also sind es vor allem politische und wirtschaftliche Gründe, die Sie dazu bewegen, Denkmalpflege zu betreiben?

Daibes: Ich arbeite seit vielen Jahren als professionelle Denkmalpflegerin. Ich betrachte mich aber auch als eine Art Kämpferin, denn ich kämpfe für den Erhalt unseres schützenswerten Erbes, das noch nicht genügend wertgeschätzt wird. Dieser Kampf ist sogar wichtiger, weil wir zwar eines Tages durch den politischen Sieg unseren Staat gewinnen könnten, alle alten Gebäude bis dahin jedoch abgerissen sein könnten, und dann wären wir arm dran.

Anders als in Hebron vor der Bombardierung sieht man, wenn man durch Ramallah oder Bethlehem geht, dass viele historische Wohnhäuser zerfallen. Man bekommt den Eindruck, dass Denkmalpflege überhaupt kein Thema ist. Woran liegt das?

Daibes: Man kann Bethlehem mit Hebron und Jerusalem nicht vergleichen. Dort findet eine direkte Besatzung durch die Siedler statt, und die Menschen müssen dafür kämpfen, in der Altstadt zu bleiben. Es gibt eine Organisation in Hebron, die sich um die Sanierung der Häuser kümmert, damit die Familien in der Altstadt bleiben bzw. dort einziehen.

Dr. Khouloud Daibes ist Architektin, Denkmalpflegerin und Stadtplanerin. Sie hat in Hannover Architektur studiert und leitet seit sechs Jahren das "Zentrum für die Erhaltung des kulturhistorischen Erbes in Bethlehem" (Center for cultural heritage preservation). Mitte März wurde sie als Ministerin für Tourismus und Archäologie in das Kabinett der neuen palästinensischen Autonomieregierung berufen.

In Bethlehem fehlt dieser politische Aspekt, obwohl die Stadt mittlerweile von zwanzig Siedlungen umzingelt und durch den Mauerbau auf den Stadtkern reduziert worden ist. Die Altstadt ist auch bedroht, weil es keine bindende Stadtplanung gibt.

Die Besatzungsmacht hat seit den Osloer Verträgen mit der Planung und Umsetzung von Denkmalschutzprojekten nichts zu tun. Inwiefern hat die Autonomiebehörde ihre Rolle hier wahrgenommen?

Daibes: Wir waren 40 Jahre lang nicht für die Planung zuständig. Es gab bis 1995 keine Denkmalschutzgesetze. Wir haben in den letzten zehn Jahren an einem Denkmalschutzgesetz gearbeitet, das auch Kulturgüter, die älter als 50 Jahre alt sind, schützt. Die alten Gesetze schützten alle Bauten, die vor 1700 errichtet wurden.

Wir haben bisher noch keine Informationen über die vorhandene Substanz. Bis wir die Inventarisierung durchgeführt haben, wird es lange dauern, deshalb wollten wir ein Gesetz verabschieden, das es verbietet, die Häuser abzureißen. Zurzeit entstehen Neubauten ohne Planung, weil die Stadtverwaltung nicht verhindern kann, den Abriss der Häuser bzw. den Neubau trotz fehlender Baugenehmigung zu stoppen.

Seit Anfang 2001 liegt ein Gesetzesentwurf vor, der bis heute nicht verabschiedet wurde. Warum?

Daibes: Es gibt einiges, das unsere Arbeit erschwert: Der Gesetzentwurf ist noch nicht durch alle Instanzen gegangen, weil wir alle paar Monate eine neue Regierung haben. Und es scheint, dass die Verabschiedung eines solchen Gesetzes bei der Politik keine Priorität hat. Die Bedeutung dieser Thematik ist noch nicht erkannt worden.

Den Inhabern der alten Häuser fehlt es an Motivation, diese zu erhalten, denn die Bodenpreise sind sehr hoch, sodass viele lieber in den Bau eines mehrstöckigen Gebäudes investieren, um möglichst viel Profit daraus zu schlagen.

Auch die Besitzverhältnisse sind sehr kompliziert. Manche Häuser sind im Besitz von bis zu zehn Familien, dies erschwert eine Sanierungsvereinbarung. Viele Familien sind auch ausgewandert, haben die Häuser für wenig Geld vermietet, und die Mieter fühlen sich nicht verantwortlich.

Also gibt es politische, juristische und wirtschaftliche Probleme. Gibt es auch einen Mangel an Bewusstsein, sowohl bei den Politikern als auch bei der Bevölkerung?

Daibes: Ja, und dazu kommen die knappen Ressourcen. Viele Menschen haben nicht die Mittel, auch wenn ihnen das Problem bewusst ist. Außerdem wurden die palästinensischen Gebiete durch das Osloer Abkommen in A-, B- und C-Gebiete unterteilt. Die Stadtverwaltung ist nur für die Teile A und B zuständig. Zufällig befinden sich die Altstädte im Gebiet A, d.h. der Bedarf an Neubauten in A und B ist groß.

Werden dabei die alte Bausubstanz und die Bauweisen berücksichtigt?

Daibes: In Bethlehem wird weniger Rücksicht auf Proportionen, Umgebung und Materialien genommen. Wenn es so weiter geht, wird Bethlehem die Chance auf die Weltkulturerbeliste verspielen, weil die Kriterien nicht mehr erfüllbar sind.

Welche konkreten Maßnahmen ergreifen die Autonomiebehörde, die Baubehörden, die Planer und Architekten dagegen?

Daibes: Ich muss sagen, dass wir uns damit erst seit Anfang der 1990er Jahre beschäftigen. Dennoch haben wir in den letzten 15 Jahren Beachtliches geleistet, zum Teil dank der Arbeit der NGOs und der halbstaatlichen Organisationen. Auch die zuständigen Ministerien haben dabei geholfen, aber da fehlt es an Fachkräften und Geld. Außerdem arbeiten wir zurzeit an einem Schutzplan für die Altstadt von Bethlehem, in Zusammenarbeit mit der UNESCO.

Zusammen mit den drei Stadtverwaltungen von Bethlehem, Beit Dschala und Beit Sahur schulen wir Architekten, Planer und Bauarbeiter, damit sie mit diesem Plan weiterarbeiten können. Wir haben einige Viertel in diesen Städten und den umliegenden Dörfern restauriert. Dies soll als Modell dienen und den Einwohnern und Besitzern zeigen, wie es nach der Restaurierung aussieht.

Gerade weil wir keine Gesetze haben, legen wir viel Wert auf Aufklärungsarbeit und hoffen, durch diese Modelle die Menschen ermutigen zu können, ihre Häuser nicht abzureißen, sondern zu renovieren und zu restaurieren, um sie im öffentlichen Interesse zu nutzen.

Wie begeistern Sie die Bevölkerung für den Erhalt der Häuser? Ist das Vorzeigeobjekt ausreichend, oder können Sie Bedingungen schaffen, die das ganze Unterfangen für die Bevölkerung profitabel machen?

Daibes: Ja, wir sehen unsere Projekte auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an. Die Restaurierung bedarf intensiver Handarbeit. Insofern fließen mehr als 70 Prozent der Projektkosten direkt in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und den Einkauf von Baumaterialien. Mindestens 50 Prozent der Arbeiter in den Projekten stammen aus der Umgebung.

Wir zeigen den Menschen, dass sie sowohl kurzfristig davon profitieren als auch langfristig durch die Benutzung der Gebäude für öffentliche Zwecke, z.B. als Jugend- oder Frauenzentrum oder Bibliothek.

Wir machen auch viel Aufklärungsarbeit in den Schulen. Wir erklären den Kindern, warum wir diese Arbeit machen und wie sie ihr Erbe schützen können. Für die ältere Generation ist es fast zu spät. Man glaubt, man lockt nur mit Fünf-Sterne-Hotels die Touristen an, doch der Trend geht eher in Richtung Kulturtourismus und nicht zum Massentourismus.

Es gibt in der Denkmalpflege zwei Schulen, insbesondere, wenn eine Nutzungsänderung stattfinden soll: eine konservative, die originalgetreue Rekonstruktion betreibt, und eine moderne, die neue Baumaterialien wie Glas und Stahl integriert, um das Neue vom Alten abzuheben. Welche der beiden Schulen vertreten Sie in ihrer Arbeit?

Daibes: Wir respektieren alle Phasen der Geschichte, trotzdem wollen wir Bethlehem nicht in ein Museum verwandeln. Es ist ein lebendiges Stadtdenkmal und muss weiterleben. Wenn man sich einige Projekte in Bethlehem anschaut, an denen unser Zentrum gearbeitet hat, sieht man, dass wir sehr behutsam mit neuen Materialien oder neuen Anbauten umgehen. Wir müssen aber auch den sozialen Bedarf berücksichtigen und die Häuser, die ohne Bad und Küche gebaut worden sind, nun damit ausstatten, ohne den ursprünglichen Charakter zu zerstören.

Wer waren Ihre Gesprächspartner in Deutschland und was hat man konkret von Ihnen erwartet?

Daibes: Es ist mir wichtig, trotz der schwierigen Situation, positiv aus Palästina zu berichten. Zu zeigen, dass es noch Menschen gibt, die an ihre Arbeit glauben und sich unter schwierigen Umständen mit etwas Neuem beschäftigen, das keine Priorität bei den Politikern, Geldgebern und der Bevölkerung hat. Insofern habe ich schon eine Botschaft.

Zweitens hoffe ich, dass ich durch die Kontakte zu Stadtverwaltungen, Denkmalpflege-Ämter in Berlin, Potsdam und Brandenburg, aber auch mit Architektenkollegen, Professoren und Politikern Unterstützung bekomme oder eine Zusammenarbeit im Bereich Schulung, Forschung oder Finanzierung von kleinen Projekten initiieren kann.

Ich habe ein paar Projekte im Kopf, die ich mit meinen Kollegen hier besprechen möchte, sei es im technischen Bereich oder auch auf der politischen Ebene, denn wir kämpfen seit geraumer Zeit dafür, dass Bethlehem den internationalen Schutz erlangt, den die Stadt verdient, und dass es den Status eines Weltkulturerbes bekommt. Da Palästina noch nicht als Staat anerkannt ist, können wir es nicht nominieren.

Youssef Hijazi

© Qantara.de 2007

Qantara.de

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