Interview mit Kaveh Akbar

Die Kluft zwischen Empörung und Angst überbrücken

Der renommierte iranisch-amerikanische Lyriker Kaveh Akbar schreibt in seinen Gedichten über Herkunft, Religion - vor allem dem Islam -, Spiritualität, den amerikanischen Traum und vieles mehr. Mit ihm hat sich Schayan Riaz unterhalten.

Im New Yorker Magazine wurde jüngst Ihr Gedicht "The Palace" veröffentlicht. Darin setzen Sie sich mit der verbreiteten Kriegshysterie und dem derzeitigen Konflikt zwischen den USA und dem Iran auseinander. Wie geht man so ein Thema lyrisch an?

Kaveh Akbar: In dem Gedicht trägt ein Junge ein T-Shirt mit der Aufschrift "Wir haben es Hiroshima angetan, wir können es auch Teheran antun“. Dieses "es" nicht auszusprechen, ist so etwas sehr Amerikanisches. Dieses "es" ist so grausam, dass es fast schon unmoralisch ist, darüber zu schreiben. Ich muss da an Adornos Worte "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" denken. Mir war es wichtig, in derselben Strophe des Gedichts zu erwähnen, dass ich eine Salatschleuder besitze. Auf dem T-Shirt des Jungen steht "Wir haben es Hiroshima angetan, wir können es auch Teheran antun" und ich, Kaveh Akbar, lebe im demselben Land wie solche Leute, aber ich habe eine Salatschleuder. Ich fühle mich sehr wohl. Ich habe einen Job, ich bin gesund und relativ sicher. Wenn dieses unaussprechliche "es" passieren würde, dann wäre ich verantwortlich.

Aber als gebürtiger Iraner wären Sie auch betroffen davon.

Akbar: Natürlich. Ich wäre traurig, aufgebracht und voller Wut. Aber in diesem Gedicht setze ich mich mit dem Gedanken auseinander, dass meine Empörung aus der Sicht einer Person, die wirklich Angst um ihr Leben hat, relativ bequem ist. Wenn jemand Angst hat, dann ist es ziemlich einfach, sich darüber aufzuregen. Mit diesem Privileg muss ich alles dafür tun, die Kluft zwischen Empörung und Angst zu überbrücken.

Der iranisch-amerikanische Dichter Kaveh Akbar; Foto: Gantschi
Kaveh Akbar kam 1989 in Teheran zur Welt und lebt heute in den USA. Seine Gedichte wurden in namhaften Medien veröffentlicht, darunter in The New Yorker, The New York Times, Poetry Magazine, The New Republic, Paris Review u.v.m. - Sein letztes Gedicht "The Palace" wurde auch prominent vom New Yorker publiziert.

Würden Sie sagen, dass Leute nicht genug tun, um bestimmte Sachen zu ändern? Gibt es beispielsweise bessere Wege zu protestieren, als nur auf Demos zu gehen?

Akbar: Ich würde so etwas niemals kritisieren. Wenn eine Person nur auf eine Demonstration geht, dann ist das schon viel besser, als sich an gar keiner Protestveranstaltung zu beteiligen. Vielen Leuten ist inzwischen bewusst geworden, wie wichtig es ist, diese kapitalistische Maschine zu stoppen, die für den ökologischen Zusammenbruch, den weltweiten Faschismus sowie Völkermord verantwortlich ist. Ich gehe daher auch zu den Demonstrationen und tue alles, was in meiner Macht steht, dagegen anzukämpfen. Gleichzeitig muss ich aber auch gestehen, dass ich regelmäßig Gehaltschecks bekomme, ein Haus habe und Schuhe trage, die mehr kosten als nötig. Niemand hat alle Lösungen, aber das sollte uns nicht entmutigen. Jeder Mensch kann mehr tun. Ich denke, das ständige Streben zur Lösung macht uns zu guten Menschen.

Können Gedichte als Beispiele funktionieren, um unsere Denkweise über gesellschaftliche Themen oder die Welt an sich zu verändern?

Akbar: Ich möchte nicht, dass ein Neurochirurg ein Gedicht über das Gehirn liest und dann seine ganze Praxis darauf stützt. Ich möchte auch nicht, dass eine Person, die Solaranlagen auf der Autobahn bauen soll, Gedichte als Anleitung nutzt. Aber Gedichte können die nötigen Impulse geben. Ich selbst bin nach dem Lesen bestimmter Gedichte zum Handeln gezwungen worden. Vielleicht weckt ja ein Gedicht die Neugier des Neurochirurgen auf das Gehirn. Vielleicht weckt es beim Ingenieur den Wunsch nach umweltfreundlicheren Lösungen. Ich hoffe auch, dass meine eigenen Gedichte für Leser praktisch und nützlich sind. Aber sie sollen nicht alles für uns leisten, das wäre der Lyrik gegenüber sehr unfair.

In der Vergangenheit haben Sie das Lesen von Gedichten mit dem Gebet verglichen. Was meinen Sie damit?

Akbar: In unserem Haushalt sprachen wir zuerst Farsi und als wir nach Amerika gekommen sind, haben wir Englisch gesprochen. Und dann gab es diese magische dritte Sprache, in der wir gebetet haben –  Arabisch. Wir haben Geräusche mit unserem Mund gemacht und wussten gar nicht, was die Worte bedeuten. So, als würde man Mozart oder Debussy hören. Als ich ein kleiner Junge war und diese Gebete auswendig lernte und sie ernsthaft und aufrichtig aussprach, war mir bewusst, dass emotionale Daten übertragen werden. Metaphysische, psychologische und historische Daten, ohne jeglichen denotativen Sinn. Ich wusste, dass diese Klänge einen Kanal zwischen Gott und mir öffnen würden, sofern ich sie mit einer gewissen Schönheit vortragen würde. Und genau das ist Poesie. Wenn man etwas schön vorliest, mit einer Art Dringlichkeit, dann öffnet sich ein Kanal zwischen Gott und dem Dichter. Meine Vorstellung davon hat sich seit meinem fünften Lebensjahr nicht geändert. 

In diesem Jahr haben Sie zum ersten Mal einen Aufsatz über das Fasten im Ramadan geschrieben. Kann man in so einer Zeit kreativ sein? Und warum wollten Sie das Ganze mit der Welt teilen?

Akbar: Ich habe in dieser Zeit nicht viel geschrieben. Der Aufsatz war vielleicht das vollständigste Werk, und es war nicht mal ein richtiger Aufsatz. Sonst habe ich ein klein bisschen gemalt, aber überwiegend habe ich geschlafen und gelesen. Ich habe in der Zeit viele Filme gesehen. Bin viel spazieren gegangen. Wenn man den Aufsatz liest, dann kann man sehen, wie ich versuche herauszufinden, was mit mir passiert. Warum mache ich das, warum tue ich mir so etwas an, was versuche ich zu lernen? Bedeutet es etwas? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wenn es nichts bedeutet? Ich habe auf keine dieser Fragen eine Antwort und der Aufsatz war eine Möglichkeit für mich, diesen Ideen auf den Grund zu gehen. Und es schadet ja nichts, wenn ich das alles mit der Welt teile.

In Ihrem Gedicht "Unburnable the Cold is Flooding our Lives" schreiben Sie "Mein Hungrig-Sein ist anders als ihr Hungrig-Sein" und "Die Absicht ist wie ein Gebetsruf und leicht zu ignorieren". Ist Poesie ein Weg für Sie, ihre eigene Religiosität zu erforschen?

Akbar: Ja, schon. Meine Gedichte sind mit meinem spirituellen Leben und meiner spirituellen Praxis verbunden. Sie erleuchten einen Teil von mir, den ich nicht berühren kann. Zum Beispiel funktioniert ein Teil des Gehirns wie eine Taschenlampe. Wenn ich Ihnen sage, dass Sie die Augen schließen und die Spitze Ihres Zeigefingers fühlen sollen, dann können Sie das plötzlich mit Ihrem Gehirn, ohne irgendetwas zu berühren. Gedichte sind eine Möglichkeit für mich, diese Taschenlampe zu entfernen. Das spirituelle Leben oder die Seele kann man mit dem Gehirn nicht so wie die Fingerspitze berühren. Mit Gedichten kann ich so viel mehr tun, als im wirklichen Leben. Wenn ich schreibe, dann passiert etwas, das nicht direkt von mir kommt. Sei es Gott oder die Muse oder "in den Flow kommen", ich bin nicht daran interessiert, es zu definieren. Ich weiß nur, dass etwas passiert, was nicht auf meine eigene Intelligenz zurückzuführen ist, sondern das weitaus mächtiger ist als ich selbst.

Das Gespräch führte Schayan Riaz.

© Qantara.de 2019

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