Interview mit Kamila Shamsie
Ein düsteres Kapitel in der Geschichte Pakistans

Kamila Shamsie gehört zur Riege junger pakistanischer Autorinnen, die sich literarisch mit der Militärdiktatur Zia ul-Haqs in den 1980er Jahren auseinandersetzen. Im Gespräch mit Claudia Kramatschek erklärt sie, inwieweit diese Zeit das Vorspiel für 9/11 bildet.


Kamila Shamsie; Foto: &copy Bloomsbury Berlin
Kamila Shamsie: "In den letzten Jahren ist es unmöglich geworden, über das zu sprechen, was in Pakistan geschieht, ohne über Afghanistan und über Amerika zu sprechen."

​​Frau Shamsie, Ihr neuer Roman "Verglühte Schatten" ist nicht mehr allein auf die Geschichte Pakistans fokussiert, sondern wendet den Blick der globalen Welt zu. Er hebt an mit dem Bombenabwurf auf Nagasaki 1945, führt uns nach Pakistan zur Zeit des Afghanistankrieges und endet 2002 in Guantanamo. Was verbindet diese Orte, diese Zeiten?

Kamila Shamsie: Ursprünglich wollte ich über das nukleare Indien und Pakistan schreiben. Daher sollte nur ein kurzer Abschnitt auch in Nagasaki spielen, der Rest jedoch in Pakistan. Aber während meiner Recherche über Nagasaki begannen mich weitere Fäden dieser Geschichte zu interessieren und so öffnete sich das Buch in andere Richtungen.

Zugleich ist es in den letzten Jahren unmöglich geworden, über das zu sprechen, was in Pakistan geschieht, ohne über Afghanistan und über Amerika zu sprechen. Insofern erzählt der Roman, inwiefern Pakistans Geschichte mit der Geschichte anderer Nationen verstrickt ist. Die Menschen in Pakistan spüren sehr deutlich, dass die jüngere Geschichte nicht mit dem 11. September begonnen hat, sondern in den 1980er Jahren in Afghanistan.

Zwei miteinander befreundete Familien stehen im Mittelpunkt: eine japanisch-pakistanischer Herkunft, die andere amerikanisch-englischer Herkunft. Inwiefern spiegelt diese Konstellation – Osten gegen Westen – zugleich das Machtgefälle zwischen den westlichen Supermächten und dem Rest der Welt?

Shamsie: In meinen Augen betrifft das nicht nur England oder Amerika. Pakistan, ganz sicher keine Supermacht, ist genauso verantwortlich für das, was in Afghanistan geschah. Die Regierung und der ISI, der pakistanische Geheimdienst, spielten ein sehr schmutziges Spiel – das beschrieb ich im Kapitel über die 1980er Jahre: Man nahm das Geld der Amerikaner, um es für eigene Zwecke zu missbrauchen. Daher geht es vor allem um die Frage: Was sind Nationen – im Namen von Freiheit und Gerechtigkeit – bereit zu tun?

Wie schon in Ihren vorherigen Romanen zeigen sie auch hier, wie Konzepte von Rassismus, Nationalismus etc. Menschen in fixe Identitäten einteilen. In "Verglühte Schatten" scheint mir das Konzept der Religion im Vordergrund zu stehen.

​​Shamsie: Das Interessante an Religion ist: Man wird damit identifiziert, ohne dass es um den eigentlichen Glauben geht, der wird nebensächlich. Diese Art religiöser Identifizierung legt einen fest – und 9/11 war solch ein Moment in der Geschichte. Seit 9/11 ist es sehr schwer, Muslim zu sein – und sich dessen nicht bewusst zu sein. Dabei ist es völlig egal, ob ich glaube oder nicht, ob ich bete oder faste.

Da ist immer nur die Frage: Bist du Muslim? Und wenn ja, erzählen einem die Leute alles Mögliche über den Islam. Man wird zum Muslim in einem Maße, wie man es nie zuvor war. Mich fragten Menschen: Warum begünstigt der Islam Gewalt? Die einen nehmen also an, dass mit dieser Religion etwas nicht stimmt, die anderen erwarten, dass man sich dafür rechtfertigt. Beides ist sehr unangenehm.

Raza – die wichtigste Figur in der zweiten Hälfte des Romans – verkörpert dieses Dilemma, Muslim zu sein nach 9/11. Den Verdacht, ein islamistischer Terrorist zu sein, wird er bis zum bitteren Ende nicht los. Ist der Roman insofern auch ein Roman über den 11. September?

Shamsie: Für mich zeigt der Roman, dass wir nicht zwischen der Welt vor und der Welt nach 9/11 unterscheiden können. Sehr oft hört man in Amerika den Satz, die Flugzeuge kamen wie aus dem Nichts. Das wurde eine Art Metapher, als hätte niemand wissen können, dass so etwas geschehen würde. Aber man wusste, es gibt diese Gruppierungen, Leute, die Amerika als ihren Feind ansehen und ihn vernichten wollen.

All das kann man zurückverfolgen zu den Ereignissen in Afghanistan in den 1980er Jahren. Und daher teilt sich die Welt für mich weniger in ein Vor- oder ein Nach-9/11, sondern in ein Vor-der-Invasion-in-Afghanistan und in ein Nach-der-Invasion-in-Afghanistan. Denn dort, in Afghanistan, wurde das Konzept des Dschihad, das lange Zeit keine Rolle spielte in der islamischen Welt, wieder zum Leben erweckt. Wo für viele also die Geschichte mit 9/11 neu beginnt, möchte ich dieses Ereignis in das Gesamtbild einfügen.

Pakistans früherer Militärdiktator Zia ul-Haq; Foto: AP
"Die Jahre der Militärdiktatur unter General Zia ul-Haq von 1977 bis 1988 waren die schädlichsten Jahre in der Geschichte Pakistans."

​​Erfreulich viele pakistanische AutorInnen – allesamt englisch schreibend – bevölkern plötzlich die globale literarische Bühne: Mohsin Hamid, Uzma Aslam Khan, jüngst Mohammed Hanif, bald erscheint ein neuer Roman von Nadeem Aslam – auch über den Afghanistankrieg, Tatsächlich blicken Sie allesamt in den aktuellen Romanen zurück in die Ära der 80er Jahre.

Shamsie: Mittlerweile weiß man: Die Jahre der Militärdiktatur unter General Zia ul-Haq von 1977 bis 1988 waren die schädlichsten Jahre in der Geschichte Pakistans. Und die Nachwirkungen dauern an: das Erstarken des Militärs; Pakistans Verwicklungen mit Afghanistan, das Erstarken der Taliban in Teilen des Landes; ein neuer Krieg in Afghanistan.

Über all das war in den Jahren, als der ISI das Sagen hatte, nicht viel zu erfahren, es herrschte Schweigen. Und wir alle, die Autoren, die Sie erwähnen, wir alle sind Zias Generation. Ich war vier Jahre alt, als er an die Macht kam, und 14, als er starb. Zia war meine Kindheit, er prägte das Pakistan, in dem wir aufgewachsen sind. Deshalb interessiert uns die Frage: Wie kamen wir, wie kam das Land an den Punkt, wo wir nun sind? Und da ragt diese immense Figur von General Zia auf, die wir nun näher betrachten.

Wie empfindet sie die gegenwärtige Lage in Pakistan?

Mudschaheddin in Afghanistan; Foto: AP
Aufkeimenender islamischer Fundamentalismus: Sowohl CIA als auch ISI halfen in den 1980er Jahren massiv beim Aufbau der Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan.

​​Shamsie: Pakistan ist ein angeschlagener Staat – aber kein gescheiterter Staat. Und das ist ein großer Unterschied. Denn der angeschlagene Staat kann sich irgendwie wieder aufrappeln. Der gescheiterte Staat aber ist am Ende. Und Pakistan funktioniert noch immer. Institutionen verrichten ihre Arbeit, es gibt ein kulturelles Leben – inzwischen ist sogar mehr los als früher. Und: Die Menschen verfolgen aufmerksam, was im Land geschieht. Es fand eine wahre Medienrevolution statt. Aberdutzende neuer Fernsehsender wurden gegründet. Und die populärsten Sendungen sind die politischen Diskussionssendungen! Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes müssen die Politiker daher Rede und Antwort stehen – und wir können ihnen dabei auf die Finger sehen.

Sehen Sie die Gefahr der Talibanisierung des Landes?

Shamsie: Das ist eine westliche Befürchtung. In Pakistan fürchtet niemand wirklich die Machtübernahme der Taliban oder dass diese in den Besitz der nuklearen Waffen kommen. Wovor die Menschen sich fürchten, sind die Selbstmordattentäter. Deren Terrorakte gefährden und erschweren das Leben der Zivilbevölkerung. Und die Zahl solcher Attentate ist in den letzten Jahren gestiegen, so dass ich denke, dass wir uns leider für eine Weile damit auseinandersetzen werden müssen. Insofern gibt es mehr, was die Menschen innerhalb Pakistans zu fürchten haben, denn der Rest der Welt.

Interview: Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2009

Kamila Shamsie entstammt einer Schriftstellerinnenfamilie und kam 1973 in Karatschi/Pakistan zur Welt. Derzeit lebt sie in London, verbringt aber regelmäßig Zeit in Karachi. Ihr aktuelles Buch "Verglühte Schatten" (Bloomsbury Berlin 2009), auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction 2009, ist ihr fünfter Roman – ihre literarische Karriere begann 1996 mit "In the City by the Sea". Inzwischen sind Shamsies Romane – im Deutschen liegt ihr Werk bei Bloomsbury Berlin vor – in mehr als 20 Sprachen verlegt.

Qantara.de

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