Interview mit Ishak Alaton

"Die Türkei braucht eine Mentalitätsrevolution"

Ishak Alaton ist einer der einflussreichsten Unternehmer jüdischer Abstammung in der Türkei. Hülya Sancak sprach mit ihm in Istanbul über die aktuelle politische Situation in der Türkei sowie über die Minderheitenrechte von Juden, Kurden und Armeniern.

Bild Ishak Alaton; Foto: Hülya Sancak
"Es ist keine Schwäche, sich entschuldigen zu können", sagt Ishak Alaton, prominenter türkisch-jüdischer Geschäftsmann.

​​Wie sehen Sie die aktuelle politische Situation in der Türkei, haben Sie bestimmte Sorgen?

Ishak Alaton: Wie alle, habe auch ich gewisse Sorgen, aber man kann sagen, dass wir uns langsam daran gewöhnt haben. Es ist eine langwierige Auseinandersetzung: Die Türkei sucht nach mehr Demokratie und Menschenrechten und nach einer Lösung der Kurdenproblematik.

Kann die Türkei unter diesen politischen und ökonomischen Bedingungen eine Vollmitgliedschaft in der EU erhalten?

Alaton: Nein. Unter den heutigen Bedingungen glaube ich nicht, dass die Türkei eine respektvolle und gleichberechtigte Vollmitgliedschaft in der EU bekommen kann. Das behauptet aber auch keiner. Ich glaube, dass die Türkei, solange sie den "EU-Weg" geht, von Europa kontinuierlich unterstützt werden sollte, damit sie auch auf diesem Weg bleibt.

Unterwelchen Umständen kann die Türkei EU- Vollmitglied werden?

Alaton: Wir sind im Rahmen der Kopenhagener Kriterien ein EU-Kandidat. Meiner Meinung nach wird es uns in den kommenden fünf bis zehn Jahren aber nicht gelingen, der EU beizutreten. Wir brauchen noch eine Revolution der Gedanken.

Zuerst sollten wir begreifen, dass alle Menschen gleichberechtigt geboren sind. Wir sollten die Kurdenproblematik lösen und mit den Kurden Frieden schließen. Es gibt eine feste Regel: Die Demokratie betont nicht nur den Aspekt der Gleichberechtigung, sondern sie garantiert auch das Recht darauf, anders zu sein. Wenn also die Kurden sagen, sie seien anders als die Türken, so muss man dem Verständnis entgegenbringen.

Ein Großteil der Bevölkerung in Europa ist gegen einen EU-Beitritt der Türkei; die politische Klasse schwenkt jetzt auf diesen Kurs ein – trotz der Aufnahme der Verhandlungen. Hat Europa seine Glaubwürdigkeit in der Türkei bereits verspielt?

Alaton: Es gibt in Europa verschiedene Meinungen. Europa ist keine homogene Struktur. Es gibt das Sarkozy- und Merkel-Phänomen: Sie haben Vorurteile gegen die Türkei und sagen, dass die Türkei nicht zu Europa gehöre. Aber neben ihnen gibt es auch andere Stimmen, die die Türkei unterstützen. Zu nennen wären beispielsweise Spanien und Schweden, sie unterstützen die Türkei enorm. Aber auch die Türkei strebt danach, sich auf mentaler und intellektueller Ebene Europa rasch anzunähern.

Der spanische Premierminster Zapatero und Erdogan, Premierminister der Türkei, bei einem Treffen der UN-Allianz der Zivilisationen 2006 in Istanbul; Foto: AP
Spanien unterstütze den EU-Beitritt der Türkei, so Ishak Alaton. Der spanische Premierminister Zapatero und sein türkischer Amtskollege Erdogan sind Mitgründer der UN-Allianz der Zivilisationen, die gegen Extremismus eintritt. Die beiden Politiker trafen 2006 bei einem ersten Treffen der Allianz in Istanbul zusammen.

​​All das ist ein laufender Prozess und braucht seine Zeit. Mit kommenden Generationen werden wir Europa noch näher kommen. Es gibt keinen Grund, sich von Europa zu entfernen und eine andere Richtung einzuschlagen. Wir folgen Atatürk und nähern uns dem Westen an. Wir sind ein Teil vom Westen, und wir werden uns integrieren. Davon bin ich überzeugt.

In Deutschland lebende Türken fühlen sich, auch wenn sie eine deutsche Staatsbürgerschaft haben, diskriminiert und benachteiligt. Gilt das auch für in der Türkei lebende Minderheiten?

Alaton: Nein. Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft. Ich glaube definitiv nicht, dass es in der türkischen Gesellschaft z.B. antisemitische Tendenzen gibt. Die türkische Gesellschaft ist nicht antisemitisch oder xenophob.

Aber ich möchte eines hervorheben: In der Geschichte der türkischen Republik kam es seitens des Regimes und der Bürokratie immer wieder zu Diskriminierungen. Wenn man von einem "Wir" redete, verstand man darunter die sunnitischen Muslime, die "Anderen" hingegen waren und sind die Aleviten, Kurden, Juden und die Nicht-Muslime. So hielt man eine Diskriminierung und Feindlichkeit am Leben, die es im Alltagsleben nicht gibt.

Was sind die genauen Hintergründe?

Alaton: Das hat einen interessanten Grund, und es hat mit finanziellem Vermögen zu tun. In der Türkei verfügten Nicht-Muslime wie Armenier, Griechen und Juden über große Vermögen. Man war neidisch auf diese reichen Leute. So wurden auf bürokratischem Wege Gesetze verabschiedet. Zum Beispiel im Jahre 1974: Laut Gesetz wurde das ganze Immobilien- und Geldvermögen der nicht-muslimische Stiftungen verstaatlicht.

Das Regime hat so getan, als ob das ganze Vermögen verstaatlich wurde, aber große Teile des Vermögens wurden vom Staat anschließend wieder verkauft. Große Vermögen wechselten den Eigentümer. Das war Unrecht. Dieser Raub fand in der Vergangenheit statt und findet immer noch statt.

Keiner will darüber sprechen und man will die Sache unter den Tisch kehren. Jedoch geht es um Milliarden von Dollar, die den Minderheiten geraubt und anderen übergeben wurden. Um das fortzusetzen, wird der Antisemitismus in der Staatsbürokratie lebendig gehalten. Das ist meine Meinung.

Ist die AKP im Vergleich zu anderen Partien toleranter gegenüber Minderheiten?

Alaton: Ja. Seitens der AKP Regierung haben wir keine Diskriminierung, sondern Gleichbehandlung erfahren. Ehrlich gesagt bin ich der Meinung, dass es in der AKP keine Nichtmuslime- oder Judenfeindlichkeit gibt.

Glauben Sie, dass die AKP eine geheime Agenda hat?

Alaton: Dessen wird sie oft verdächtigt. Aber bis jetzt habe ich keine entsprechende Aktion gesehen. Ich weiß, dass einige ständig den Vorwurf wiederholen, um den Verdacht gegen die AKP aufrecht zu erhalten. Die AKP hat viele Feinde. Aber ich finde diese Haltung krankhaft und paranoid. Wenn man in Frieden miteinander leben möchte, muss man auch daran arbeiten, dass verschiedene Meinungen miteinander in Frieden leben können.

Wollten Sie in die Politik gehen?

CHP-Anhänger bei den Wahlen in der Türkei 2007; Foto: AP
Die CHP, die Republikanische Volkspartei, holte bei der Parlamentswahl 2007 rund 20 Prozent der Stimmen; die AKP ging mit 47 Prozent als klarer Sieger aus den Wahlen hervor.

​​Alaton: Ja, ich wollte Politik machen. Als ich in Schweden als Schweißer arbeitete, habe ich gelernt, was Sozialdemokratie bedeutet. Ich dachte, dass eine sozialdemokratisch geführte Regierung ein Wunder schaffen kann. Aber ich konnte keine zu mir passende Partei finden, deswegen bin ich nicht in die Politik gegangen.

Alle dachten, die CHP wäre eine sozialdemokratische Partei. Aber sie ist es nicht. Sie ist eine steife, despotische und autoritäre Partei. Wenn die AKP heute die stärkste und führende Partei ist, dann deswegen, weil wir die Sozialdemokratie nicht genügend erklären konnten. Keiner ist für die Demokratie eingetreten. Die CHP sowieso nicht, sie hat auch nie selbst behauptet, eine sozialdemokratische Partei zu sein.

Gibt es keine parteiinterne Demokratie?

Alaton: Dass es keine parteiinterne Demokratie gibt, ist eine Schande und Katastrophe für die Türkei. Die Türkei ist nicht demokratisch. Die Türkei ist ein Land, in dem Diktatoren regieren. In einem normalen Land gäbe es einen Diktator, wie z.B. Mugabe in Zimbabwe, aber hier gibt es gleich fünf Diktaturen. Jeder Parteichef in der Türkei ist ein Diktator. Man kann in der Türkei wählen, aber wer wird gewählt? Auf der Liste sind diktatorische Parteichefs. Das ist wie im Stalinismus. Dadurch werden die Menschen ein Teil des Spiels!

Dann gibt es also auch keine demokratische Regierungsform?

Alaton: Die türkische Gesellschaft versucht, demokratisch zu werden aber "das System" selbst hat auf keinem Fall etwas mit dem Wesen einer Demokratie zu tun. Wahlen sind zwar ein Teil der Demokratie, aber sie sind kein Beweis dafür.

Haben Sie sich in der Türkei wegen ihrer Herkunft jemals benachteiligt gefühlt?

Alaton: Sehr selten. Aber sie war in meinem Leben auch nie eine Hürde. Eine andere Religionszugehörigkeit zu haben, jüdisch zu sein, war kein Problem. Die Gesellschaft hat mich nicht als "anders" betrachtet. Ich werde als eine respektable und renommierte Person der Türkei und in der türkischen Gesellschaft gesehen und verstanden. Ich genieße es. Darüber bin ich glücklich.

Die Sensibilität gegenüber den Juden ist in der Türkei und in Deutschland ganz unterschiedlich. Ist das Verhältnis in der Türkei zu den Juden "normaler"?

Alaton: Ja, das ist so. Die Situation in Deutschland ist mit der in der Türkei nicht zu vergleichen. Hier in der Türkei begeht das System diskriminierende Aktionen, nicht die Gesellschaft; in Deutschland ist es ganz anders. Dort gibt es die Schande, das Schuldgefühl der Nazizeit. Diese Last beschäftigt die Menschen immer noch.

Der türkische Präsident Abdullah Gül besucht im Juli 2008 eine armenische Ruine; Foto: AP
Zwischen Armenien und der Türkei gibt es keine diplomatischen Kontakte. Im Juli besuchte der türkische Präsident Abdullah Gül im türkisch-armenischen Grenzgebiet die Ruinen der historischen Stadt Ani. Gül will am 6. September nach Armenien reisen, um ein Fußballspiel zwischen der Türkei und Armenien zu sehen.

​​Gibt es auch Wahrheiten, mit der man die Türkei konfrontieren sollte, wie z.B. die ungelöste Geschichte mit den Armeniern?

Alaton: Natürlich, das ist sehr wichtig. Die Auseinandersetzung mit dem Armenien-Thema entwickelt sich heute im positiven Sinne sehr schnell. Die Menschen machen sich jetzt Gedanken über dieses Thema. Dadurch werden auch die Vorurteile beseitigt. Alle wissen heute, was 1915 geschehen ist.

Es ist wichtig, dass man darüber spricht und sich eingesteht, dass es in der Geschichte eine Schandtat gegeben hat. Der Grad dieser Schande – ob es Völkermord war oder nicht – ist eine andere Geschichte, das hatte auch Hrant Dink immer betont. Zuerst muss man sich mit der Geschichte konfrontieren. Sie zu leugnen ist totaler Quatsch. Wenn man mit so einer Einstellung die Sache betrachtet, vernichtet man die Diskussionsebenen. Aber man muss diskutieren und darüber sprechen können und – wenn nötig – muss man sich entschuldigen.

Bei einer Entschuldigung wird man es nicht belassen können, vielleicht will man deswegen eine Diskussion vermeiden? Es drohen ja schließlich Entschädigungsforderungen…

Alaton: Diese Geschichten sind alle Unsinn. Die Forderungen, man habe Anspruch auf Land oder Entschädigungsgeld, sind nicht mehr als Lügen. Weder Land noch Geld kann man verlangen. Das Ganze ist nur eine Entschuldigung: "Ja, es ist passiert und es tut uns leid, wir entschuldigen uns." Seit 80 Jahren tragen wir diese Last, stattdessen könnten wir uns einfach einmal entschuldigen, warum tut man sich so schwer?

Ich sage allen Armenier, ihr Leid ist mein Leid. Ich glaube daran, dass es keine Schwäche ist, sich entschuldigen zu können. Daher entschuldige ich mich.

Was möchten Sie den Europäern über die Bedeutung der Türkei für Europa mitteilen?

Alaton: Die Türkei braucht Europa zu sehr. Aber Europa braucht die Türkei auch, weil die Türkei ein Teil Europas ist. So viele Fremde leben in der Türkei und Millionen Türken leben in Europa. Wir leben sowieso miteinander. Deswegen müssen wir uns besser verstehen und kennenlernen. Wir müssen verschiedene Dialogebenen schaffen.
Dadurch kann sich die türkische Denkweise der europäischen Denkweise annähern. Besser gesagt; wird hierdurch die türkische Gesellschaft auf dem Weg der Demokratie "erzogen". Bei uns fehlt die Demokratie-Erziehung. Das braucht man hier und deswegen brauchen wir auch Europa.

Interview: Hülya Sancak

© Qantara.de 2008

Ishak Alaton ist ein prominenter jüdischer Geschäftsmann in der Türkei. Er wurde 1927 in Istanbul geboren. 1954 gründete er mit seinem Freund Üzeyir Garih die Alarko Holding, die heute ca. 6.000 Angestellte in den Bereichen Energiewirtschaft, Bauindustrie, Maschinenbau sowie in der Tourismusindustrie beschäftigt. Zurzeit ist er Vorstandsvorsitzender der Alarko Holding.

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