Interview mit Hooria Mashhour

Im Fadenkreuz der jemenitischen Putschisten

Eine ehemalige Ministerin aus dem Jemen wird in ihrer Heimat bedroht und zur Asylbewerberin in Deutschland, wo sie sich für die Integration von Flüchtlingen einsetzt. Mit ihr sprach Ali Almakhlafi.

Frau Mashhour, Sie waren von 2011 an infolge der Ereignisse des Arabischen Frühlings drei Jahre lang Menschenrechtsministerin im Jemen. Was ging in Ihnen vor, als Sie sich zur Flucht nach Deutschland gezwungen sahen?

Hooria Mashhour: Obwohl ich bereits davor viel in der Welt unterwegs gewesen war, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, heimatlos geworden zu sein. Ich kam mir vor wie jemand, die aus ihrem eigenen Land ausgesperrt wurde. Denn eine Rückkehr in den Jemen wäre für mich mit großen Gefahren verbunden gewesen. Mir blieb also keine andere Wahl. Was hätte ich denn tun sollen? Wohin hätte ich sonst gehen sollen?

Und wo leben Sie jetzt?

Mashhour: Zurzeit lebe ich in einer kleinen, ruhigen Gemeinde in Norddeutschland, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Kiel. Den Namen meines genauen Aufenthaltsortes möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben. Als ich mich Mitte 2015 dazu entschloss, in Deutschland Asyl zu beantragen, ist mir diese Entscheidung äußerst schwer gefallen. Ich weinte bittere Tränen, bis ich mich schließlich zu diesem Schritt durchringen konnte.

Welchen Aktivitäten gehen Sie in Deutschland nach?

Hooria Mashhour: In dem hübschen Ort, in dem ich wohne, wird alles geboten, was man zum täglichen Leben braucht. Es gibt auch eine Volkshochschule, wo ich einen Deutschkurs für Fortgeschrittene besuche und Anfängern beim Deutschlernen helfe. Ich erledige mit ihnen Behördengänge und dolmetsche für sie, insbesondere für arabische Flüchtlingsfrauen, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen, wenn sie in Anwesenheit männlicher Dolmetscher über persönliche Dinge sprechen müssen. Auch begleite ich sie zum Beispiel bei Arztbesuchen.

Hooria Mashhour mit einem Flüchtling bei einer Unterredung im Jobcenter in Schleswig-Holstein; Foto: NDR
Hilfe für Asylbewerber und Flüchtlinge: Die 62jährige Hooria Mashhour assistiert bei der Berufsberatung im Jobcenter und übersetzt ehrenamtlich für arabische Flüchtlinge

Hatten Sie bereits vor Ihrem Aufenthalt einen Bezug zu Deutschland? Ihre Sprachkenntnisse sind ja im Vergleich zu anderen Geflüchteten schon sehr weit fortgeschritten. Sie nehmen an Begegnungsveranstaltungen zwischen Deutschen und Geflüchteten teil, die dem kulturellen Austausch zwischen beiden Seiten dienen und monatlich stattfinden. Welchen Einfluss haben aus Ihrer Sicht solche Begegnungen auf die Flüchtlinge? Können Sie einige Beispiele nennen?

Mashhour: Diese kulturellen Begegnungen bereiten die Geflüchteten auf den Prozess der Integration in die deutsche Gesellschaft vor. Sie sind wichtig für sie, denn sie möchten ja in Deutschland dauerhaft wohnen, arbeiten und produktiv sein, sowie die hier geltenden Regeln und Gesetze befolgen.

Ich habe in Deutschland Geflüchtete unterschiedlichster kultureller, geografischer und ethnischer Herkunft kennen gelernt. Es gibt Dinge, die allen Menschen gemeinsam sind, aber jedes Volk hat auch seine Besonderheiten.

Beispielsweise wurden kürzlich bei einem der Treffen von Flüchtlingen und Deutschen landestypische Gerichte gekocht und Lieder gesungen. Die Deutschen haben sehr positiv auf die arabische Musik (unter anderem Lieder von Fairuz und Umm Kulthum) reagiert, sich das jemenitische und syrische Essen schmecken lassen und eifrig beim syrischen Dabke-Tanz mitgemacht. Obwohl die Zahl der Geflüchteten aus dem Jemen in Deutschland nicht sehr groß ist, nehmen sie dennoch aktiv an solchen Integrationsveranstaltungen teil. Die allermeisten Geflüchteten stammen aus Syrien.

Sie halten in Deutschland auch Vorträge über die kulturelle und politische Situation sowie die Menschenrechtslage im Jemen. Welchen Ausweg sehen Sie momentan aus dem Krieg im Jemen?

Mashhour: Ich halte meine Vorträge an Universitäten, wie etwa der Universität Kiel, oder vor Frauenverbänden und anderen Gruppen. Erleichtert wird mir das durch meine Englischkenntnisse. Thematische Schwerpunkte meiner Vorträge sind der Jemen und insbesondere die dortige Rolle der Frauen und der Jugend.

Huthi-Rebellen in Sanaa; Foto: DW/Abdullah
Salihs späte Rache: Im bitterarmen Jemen kämpfen die schiitischen Huthi-Rebellen zusammen mit Verbündeten gegen die Anhänger von Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi. Seit März 2015 bombardiert das Bündnis aus arabischen Ländern unter Führung Saudi-Arabiens Stellungen der Rebellen. Derweil laufen seit Donnerstag in Kuwait die Friedensgespräche für das Bürgerkriegsland.

Aus meiner Sicht war deren Beitrag fundamental für die friedliche Revolution von 2011, die sich im Zuge der Aufstände des Arabischen Frühlings ereignete. Ich setze nach wie vor meine Hoffnungen darauf, dass die Jugend und die Frauen den Prozess des Wandels vorantreiben und vor allen Dingen den Weg des Friedens einschlagen und dem Krieg im Jemen ein Ende setzen werden.

Mashhour: Meine Beziehung zu Deutschland reicht bereits länger zurück. In den 1970er Jahren verbrachte ich dort zwei Studienjahre. Nachdem mein inzwischen verstorbener Ehemann sein Studium in Deutschland abgeschlossen hatte, gingen wir gemeinsam nach Aden zurück, damals Hauptstadt der "Demokratischen Volksrepublik Jemen". Dort beendete ich mein Studium. Und jetzt bin ich wieder zurück in Deutschland und kann vieles von dem, was ich mir damals an Sprachkenntnissen angeeignet habe, schnell wieder auffrischen.

Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach das Interesse der Deutschen und der Europäer für das, was im Jemen und in der arabischen Welt nach den dort zu verzeichnenden politischen Rückschlägen vor sich geht?

Mashhour: Die Menschen in Deutschland und in Europa allgemein sind natürlich mit ihrem eigenen Alltagsleben beschäftigt. Dennoch interessiert man sich hier – insbesondere die Studierenden – dafür, welche Gründe die Flüchtlinge dazu veranlasst haben, nach Europa zu kommen. Viele stellen sich die Frage, wie es zu diesem Zusammenbruch in den arabischen Ländern kommen konnte. Die Europäer hatten ja zunächst mit Bewunderung auf den Arabischen Frühling geblickt, als die Menschen auf die Straße gingen, um Veränderung zu fordern, gegen Diktatur und Korruption zu protestieren und damit in der arabischen Welt ein neues Zeitalter unter dem Vorzeichen der Demokratie einzuläuten. Fragen nach den Rückschlägen und Debakeln, die dort seitdem unter dem Druck der Regime und der von ihnen gesteuerten Konterrevolutionen zu verzeichnen sind, brennen den Deutschen und Europäern am meisten unter den Nägeln.

Ihre Flucht nach Deutschland stand mit dem Niedergang des Arabischen Frühlings in einem unmittelbaren Zusammenhang. Warum mussten Sie den Jemen verlassen?

Mashhour: Ich war ja nicht die einzige Person, die sich zur Flucht aus dem Jemen gezwungen sah. Das betraf die gesamte jemenitische Staatsführung sowie die Medienschaffenden. Es war eine Folge des brutalen Umsturzes, den der frühere Präsident Salih mithilfe der Huthi-Rebellen angezettelt hatte.

Bereits während meiner drei Amtsjahre als Ministerin für Menschenrechte ab 2011 war ich ins Fadenkreuz geraten, und erst recht nach dem Putsch vom 21. September 2014. Damals drangen bewaffnete Milizen in das Amtsgebäude des von mir geleiteten Ministeriums für Menschenrechte in der Hauptstadt Sanaa ein. Glücklicherweise befand ich mich nicht in dem Gebäude, sie wollten mir eine Lektion erteilen. Anschließend setzten sie Gerüchte in Umlauf, ich sei in ihrer Gewalt, und sie veröffentlichten entsprechende Fotomontagen im Internet.

حي "المرور" في مدينة تعز جنوب غرب اليمن إحدى النقاط التي كان المسلحون التابعون للرئيس السابق صالح والمقاتلون الحوثيون القادمون من شمال البلاد يحاصرون منها المدينة قبل أن تتصدى لهم قوات محلية تُعْرَف بـ "المقاومة الشعبية".
Bilanz des Schreckens: Seitdem schiitische Huthi-Rebellen vor fast zwei Jahren große Teile des Jemen überrannt haben, herrscht dort Bürgerkrieg. Mittlerweile sind im Land den UN zufolge mehr als 2,7 Menschen vertrieben. Mehr als 21 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe - das sind mehr als 80 Prozent der Bevölkerung. Es fehlt an Lebensmitteln, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.

Nach den dramatischen Ereignissen, derer die jemenitische Hauptstadt Zeuge wurde und im Zuge derer die Minister und der Staatspräsident (dessen Leibgarde dabei umgebracht wurde) in einen Belagerungszustand gerieten, sah ich mich gezwungen, den Jemen zu verlassen. Einige Minister befinden sich bis heute noch in Haft. Es gibt im Jemen Zehntausende inhaftierte Journalisten, Politiker und Menschenrechtsaktivisten.

Niemand, nicht einmal die UNO mit ihrem politischen Gewicht, hat es vermocht, auf die Putschisten Druck auszuüben, damit diese Personen frei kommen können. Es handelt sich um Vertreter der Zivilgesellschaft, nicht um Militärs. Sie haben sich keines Verbrechens schuldig gemacht, das ihre Inhaftierung rechtfertigen würde. Einige von ihnen wurden an unbekannte Orte verschleppt, ohne dass deren Angehörige irgendetwas von ihrem Schicksal wissen. So stellte sich die damalige Situation dar. Ich hatte also keine andere Wahl, als nach einem sicheren Ort für mich zu suchen.

Leider gibt es im Jemen einige selbst ernannte "Menschenrechtsorganisationen", die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Putsch und die Putschisten zu verteidigen, ungeachtet der schweren Verbrechen, die von ihnen begangen werden. Es handelt sich bei jenen nicht um unabhängige Organisationen, sondern um Claqueure des früheren Salih-Regimes, die sogar bis nach Genf reisen, um dort im Herzen Europas die Propaganda ihres Regimes zu verbreiten.

Der Aufstand der Jemeniten gegen den früheren Präsidenten Salih war friedlich. Was hat den Jemen in diesen Krieg gestürzt? Und was können Sie uns über die gegenwärtige humanitäre Lage sagen?

Mashhour: Die Lage im Jemen ist tragisch und äußerst fragil. Es gibt weder ausreichend Wasser, noch Strom, Nahrung oder Medikamente. Daher ist der Frieden die einzige Option – aber es muss ein gerechter Frieden sein. Diejenigen, die diesen Putsch angeführt und das Land in den Abgrund gestürzt haben, müssen vor Gericht gestellt und zur Rechenschaft gezogen werden. Das alles ist eine direkte Folge der Immunität, die der frühere Präsident Salih gemäß der Initiative des Golfkooperationsrates im Jahr 2011 zugesichert bekommen hat.

Demonstration im Jemen: Gemeinsam gegen den Terrorismus; Foto: Saeed Al Sofi
Dem Terror Einhalt gebieten: "Es gibt im Jemen Zehntausende inhaftierte Journalisten, Politiker und Menschenrechtsaktivisten. Niemand, nicht einmal die UNO mit ihrem politischen Gewicht, hat es vermocht, auf die Putschisten Druck auszuüben, damit diese Personen frei kommen können", so Mashhour.

Straffreiheit führt zu erneuten Verbrechen und zu einer Fortdauer der Verstöße. Ich habe immer zu den erbittertsten Gegnern einer Immunität für Salih gehört und mich dafür stark gemacht, die Verbrechen des Salih-Regimes sowie die Plünderung des Volkseigentums ans Licht zu bringen. Dadurch bin ich selbst ins Fadenkreuz geraten.

Wie bewerten Sie die Rolle der internationalen Gemeinschaft, insbesondere die Saudi-Arabiens und des Iran?

Mashhour: Von März 2013 bis Januar 2014 fand im Jemen der sogenannte "Nationale Dialog" statt, bei dem alle politischen Kräfte des Landes vertreten waren und dessen Ergebnisse sich durchaus sehen lassen konnten. Die Jemeniten standen kurz davor, dem Entwurf für eine neue Verfassung zuzustimmen. Die internationale Staatengemeinschaft, darunter auch Deutschland, unterstützte diesen Dialog in der Hoffnung, dass der Jemen eine friedliche Entwicklung nehmen und nicht in Gewalt, Chaos und Blutvergießen abgleiten würde.

Doch unglücklicherweise haben die Putschisten – allen voran der frühere Präsident Salih und die mit ihm verbündeten Huthi-Rebellen – die Ergebnisse dieses Dialogs zunichte gemacht. Die aus der Salih-treuen jemenitischen Armee hervorgegangenen Milizen bombardierten mit Kampfflugzeugen den Amtssitz des zu jenem Zeitpunkt in Aden residierenden Übergangspräsidenten Hadi, wodurch sich dieser zur Flucht nach Saudi-Arabien gezwungen sah. Letzteres schmiedete eine Koalition zum Schutz der rechtmäßigen Regierung, dabei auch an seine eigene nationale Sicherheit denkend, denn die Zusammenarbeit der Huthi-Rebellen mit dem Iran wie auch deren Provokationen in Form von militärischen Manövern entlang der südlichen Grenze des Königreichs machten Saudi-Arabien Sorgen.

Wie konnten Sie unter diesen Umständen den Jemen verlassen und nach Europa gelangen? Und hoffen Sie, eines Tages in den Jemen zurückkehren zu können?

Mashhour: Angesichts der schwierigen politischen und militärischen Bedingungen und dem Gefühl persönlich bedroht zu sein, wurde mir geraten, den Jemen zu verlassen. Mit meinem regulären Pass – nicht mit dem Diplomatenpass – gelang es mir, durch die Abflughalle des Flughafens Sanaa zu kommen und nach Kairo zu fliegen. Von einer früheren Reise hatte ich noch ein gültiges Visum für Europa. Ich konnte also auf dem Luftweg nach Deutschland einreisen und dort Asyl beantragen. Hier wohne ich nun im oberen Stockwerk eines Hauses, dessen Parterre von einer deutschen Familie bewohnt wird.

Ich habe mich hier inzwischen gut eingelebt und bin den Deutschen dafür dankbar, mich in ihrem Land aufgenommen zu haben. Ich werde aber nicht aufhören, mich für die Menschenrechte (insbesondere für die Frauen- und Kinderrechte) einzusetzen. Sobald sich die Lage in meinem Land stabilisiert, werde ich zurückkehren und mich gemeinsam mit allen anderen am Wiederaufbau des Landes beteiligen.

Das Gespräch führte Ali Almakhlafi.

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

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