Interview mit Hikmet Çetin

Der Westen versteht Afghanistan nicht

Worin bestehen die Probleme beim Wiederaufbau Afghanistans? Und auf welche Strategien sollte der Westen im Umgang mit der Zentralregierung in Kabul setzen? Darüber hat sich Ayşe Karabat mit dem ehemaligen politischen Vertreter der NATO für Afghanistan, Hikmet Çetin, unterhalten.

Worin bestehen die größten Probleme beim Wiederaufbau Afghanistans? Und auf welche Strategien sollte der Westen im Umgang mit der Zentralregierung in Kabul setzen? Darüber hat sich Ayşe Karabat mit dem ehemaligen politischen Vertreter der NATO für Afghanistan, Hikmet Çetin, unterhalten.


Hikmet Çetin; Foto: NATO
Hikmet Çetin, ehemaliger Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei, war von 1991 bis 1994 türkischer Außenminister. Von 2004 bis 2006 war er politischer Vertreter der NATO für Afghanistan.

​​ Präsident Obama gab jüngst seine neue Strategie für Afghanistan bekannt, die unter anderem auch die Entsendung von mehr Soldaten beinhaltet. Reicht dies aus, um die dortigen Probleme zu lösen?

Hikmet Çetin: Zunächst einmal spielt es gar keine Rolle, wie viele Soldaten noch in die Region entsandt werden, solange nichts für eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung getan wird. Dies allein jedenfalls wird die Probleme nicht lösen. Das Hauptproblem besteht darin, dass zu viele Menschen den Terrorismus unterstützen. Das muss gestoppt werden.

Ohne diese Unterstützung hat der Terrorismus keine Chance. Deshalb geht es darum, die Herzen der Menschen zu gewinnen, indem man ihnen Arbeit gibt, und dem Gesundheits- und Bildungssystem auf die Beine hilft. Solange dies alles fehlt, lässt sich der Terrorismus nicht ausschalten. Aus diesem Grund umfasst Obamas neue Strategie auch mehr Wirtschaftshilfe.

Ferner sieht die Strategie einen Rückzug bis zum Juli 2011 vor. Sicher ist es notwendig, einen Rückzugstermin festzulegen, doch erscheint mir eine Zeitspanne von 18 Monaten nicht realistisch, da die afghanischen Kräfte bis dahin nicht in der Lage sein werden, die Lage zu kontrollieren. Das Training und die Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte spielt dabei eine große Rolle. In der Vergangenheit wurden bereits fast 60.000 afghanische Polizisten ausgebildet, von denen jedoch 60 Prozent Analphabeten sind. Außerdem ist es unmöglich, bestimmte Gegenden auf dem Landweg zu erreichen, daher wird spezielles Gerät, wie etwa Helikopter, benötigt.

Hikmet Çetin zu Besuch bei afghanischen Stämmen; Foto: Ayşe Karabat
"Wenn es um die finanzielle Hilfe geht, ist es wichtig, auch hier die lokalen Kräfte wirksam mit einzubinden" - Hikmet Çetin zu Besuch bei afghanischen Stämmen in der Provinz nordöstlich von Kabul.

​​ Außerdem ist die Zusammenarbeit mit Pakistan, das mit Afghanistan entlang einer 2.500 Kilometer langen Grenze verbunden ist, eine absolute Notwendigkeit. Ohne diese Kooperation ist es ganz gleich, was man tut, da die Taliban in Afghanistan ihren Einfluss behalten werden.

Auch ist weniger die zahlenmäßige Stärke der Truppen von Bedeutung, als vielmehr deren jeweilige Einsatzfähigkeit. Als ich in Afghanistan war, wurde ich oft gefragt, wie viele Soldaten gebraucht werden. Meine Antwort war stets, dass es auf die Zahl nicht ankäme. Jedes NATO-Mitglied hat seine eigenen Regeln in Bezug auf den Einsatzort seiner Truppen und die Reichweite ihrer Aufgaben. Für einen Erfolg der NATO-Mission, so antwortete ich, wären 500 Soldaten mit weniger einschränkenden Auflagen besser als 5.000, deren Handlungsfähigkeit enge Grenzen gesetzt sind.

Die sind die Grundpfeiler einer Strategie, die die internationale Gemeinschaft angehen müsste. Obamas Strategie nähert sich solchen Überlegungen in der Tat an, doch entscheidend für ihren Erfolg ist ja, wie sie letztlich umgesetzt wird. Und schließlich spielt auch Afghanistan selbst einen wichtigen Part für den Erfolg.

Welche Rolle nimmt der wiedergewählte Präsident Karsai in diesem Zusammenhang ein?

Çetin: Die afghanische Zentralregierung war ja noch nie besonders stark – das gehörte einfach nicht zur Kultur des Landes. Andererseits aber gibt es die starke Tradition der "Jirga", eine Art Gemeinderat zur Schlichtung von Streitigkeiten. Die neue Regierung sollte beim Wiederaufbau unbedingt darauf achten, diese Tradition mit einzubinden. Auch wäre es empfehlenswert, wenn sie bestimmte Kompetenzen auf diese lokalen Gremien überträgt, ohne diese jedoch gänzlich unkontrolliert zu lassen, denn sonst haben wir bald wieder ein System der "Lords", wie es früher bestand.

Die westlichen Staaten aber sind gegen eine Dezentralisierung in Afghanistan und auch gegen die Zusammenarbeit der Zentralregierung mit lokalen Gremien – aus Angst vor den Taliban.

Çetin: Das liegt daran, dass sie Afghanistan nicht verstehen. Es ist ein Land, das sich aus vielen Stämmen zusammensetzt. Vernachlässigt man diese, sind die Probleme nicht zu lösen. Meiner Meinung nach sollte man sich die Unterstützung dieser Stämme sichern. Als ich noch in Afghanistan war, geschah es häufig, dass Vertreter von NGOs zu mir kamen oder auch Vertreter irgendeines Landes, um mir mitzuteilen, dass sie irgendwo etwas bauen wollten, zum Beispiel eine Schule.

Petersberg-Konferenz bei Bonn; Foto: AP
Hamid Karsai wurde zunächst auf der internationalen Petersberg-Konferenz als Leiter einer Übergangsregierung eingesetzt, später bestätigte ihn die "Loja Jirga" im Amt. 2004 wurde er erstmals vom Volk gewählt.

​​ Wenn sie die Menschen dort aber nicht mit in die Entscheidung einbinden, wenn sie nicht auf deren Bedürfnisse und Prioritäten eingehen, werden diese, sobald Terroristen darangehen, die Schule zu zerstören, nichts tun, um sie zu schützen. Fragen sie jedoch vorher die Menschen vor Ort, arbeiten sie aktiv mit ihnen zusammen, dann werden sie auch kämpfen, um die Schule zu schützen. Der Erfolg der türkischen Truppen in Afghanistan hängt zum großen Teil von eben jener Kooperation mit den Einheimischen ab.

Wenn es um die finanzielle Hilfe geht, ist es wichtig, auch hier die lokalen Kräfte wirksam mit einzubinden. Nur 20 Prozent der Hilfe läuft über afghanische Kanäle. Ich meine damit, dass natürlich finanzielle Hilfe das Land erreicht, den Zuschlag für Projekte bekommen aber meist ausländische Firmen. Damit aber strömt wieder viel Geld unnötigerweise ins Ausland, durch hohe Gehälter und andere Ausgaben. Mit demselben Geld aber könnte man sehr viel mehr erreichen, nämlich eine bessere und kostengünstigere Deckung der wirklichen Bedürfnisse der Menschen.

Was die Taliban betrifft, so lässt sich sagen, dass sie immer einen Bestandteil der afghanischen Nation bildeten. Man kann sie nicht einfach vollständig ausschließen. Ihre Anführer mögen mit Al-Qaida kooperieren, doch wenn man anstatt mit diesen direkt mit den Menschen zusammenarbeitet, wird dies irgendwann zu einer Trennung der Taliban von Al-Qaida führen. Al-Qaida ist in den Augen der Einheimischen eine ausländische Macht. 28 Jahre lang wurde in Afghanistan gekämpft und nie hatte es ein Selbstmordattentat gegeben. Es gehört einfach nicht zur Kultur des Landes, diese wurde von Al-Qaida ins Land gebracht und diese Terroristen sind in Afghanistan nicht willkommen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn man die Herzen der Afghanen gewinnt, besiegt man auch Al-Qaida.

Einige Länder werfen der afghanischen Regierung Korruption vor. Sie stelle das Haupthindernis dar, der Regierung zu helfen oder mehr Soldaten zu entsenden.


Hamid Karsai; Foto: AP
Unter Druck: Die internationale Gemeinschaft fordert von Präsident Karsai, entschiedener gegen die Korruption in Afghanistan vorzugehen als noch vor den Präsidentschaftswahlen vom August 2009.

​​ Çetin: Natürlich gibt es Korruption, aber das ist wie die Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Wenn man mit der Hilfe wartet, bis es keine Korruption mehr gibt, wartet man womöglich ewig. Die Korruption kann auch minimiert werden, während der Prozess noch im Gange ist. Mehr Entwicklung bedeutet automatisch weniger Korruption.

Vor kurzem war ich in Afghanistan und traf dort meinen Freund, Präsident Karsai. Auch er hat ein großes Interesse daran, bald eine Regierung bilden zu können, die aus Politikern besteht, die frei von Korruption sind, um der Welt beweisen zu können, dass er ernsthaft bemüht ist, das Problem in den Griff zu bekommen. Niemand wird ihm persönlich Korrumpierbarkeit vorwerfen wollen. Wenn er seine Standards auch auf die neue Regierung übertragen kann, und ich glaube, das wird ihm gelingen, wird das schon mal ein guter Anfang sein. Außerdem sollten die westlichen Staaten, wenn sie der Regierung wirklich helfen wollen, Beweise für Korruption liefern – dies war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.

Warum sollte die Türkei sich für Afghanistan interessieren?

Çetin: Zunächst einmal gibt es dafür historische Gründe. Afghanistan war das erste Land, das 1920 das türkische Parlament während des Unabhängigkeitskrieges von 1919 bis 1923 anerkannt hat. Afghanische Kämpfer beteiligten sich am türkischen Unabhängigkeitskrieg, dieses arme Land half also damals der Türkei.

Die afghanische Militärakademie wurde in den 1930er Jahren von der Türkei aufgebaut und die Türkei teilt auch die Erfahrung der Staatenbildung mit Afghanistan. Der erste Staatsekretär des afghanischen Verteidigungsministeriums war ein Türke, der von uns damals eigens entsandt worden war. Es gibt also so etwas wie gegenseitiges Wohlwollen. Zudem ist Afghanistan natürlich auch wichtig für Zentralasien. Und schließlich machen immerhin zehn bis zwölf Prozent der afghanischen Bevölkerung Turkvölker aus.

Was kann das NATO-Land Türkei für Afghanistan tun?

Çetin: Die Türkei kann mehr als bisher zur Ausbildung von afghanischen Polizisten und Soldaten beitragen. Dies wollen auch die Menschen in Afghanistan. Zurzeit werden diese Soldaten in der Türkei ausgebildet, doch wäre es möglich, noch mehr Verantwortung zu übernehmen und dies in Zukunft in Afghanistan selbst zu tun. Die Hilfe im wirtschaftlichen wie sozialen Bereich könnte aufgestockt werden. Außerdem könnte die Türkei Verwaltungsexperten ins Land schicken, um den Aufbau des Staates voranzubringen. So ist zum Beispiel momentan eine von Italien geleitete Reformierung des Rechtssystems im Gange. Ich denke aber, dass die Türkei noch am ehesten dazu in der Lage wäre, ein modernes Rechtssystem mit Elementen des islamischen Rechts zu kombinieren – und niemand würde dagegen Einwände haben.

Interview: Ayşe Karabat

© Qantara.de 2010

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Qantara.de

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