Interview mit Hasan Ali Toptas

"Als idealen Leser stelle ich mir mich selbst vor"

Der türkische Schriftsteller Hasan Ali Toptas wurde 2006 mit dem angesehensten Literaturpreis der Türkei, dem Orhan-Kemal-Preis, ausgezeichnet. Fatma Sagir hat sich mit ihm unterhalten.

Der türkische Schriftsteller Hasan Ali Toptas wurde 2006 mit dem angesehensten Literaturpreis der Türkei, dem Orhan-Kemal-Preis, ausgezeichnet. Sein erster Roman in deutscher Übersetzung erschien unter dem Titel "Die Schattenlosen" beim Unionsverlag. Fatma Sagir hat mit dem Autor gesprochen.

Hasan Ali Toptas; Foto: Larissa Bender
Hasan Ali Toptas: "Ich habe noch nie von dem gelebt, was ich durch meine Bücher verdient habe. Selbst wenn sie nie gedruckt worden wären ..., ich hätte sie trotzdem geschrieben."

​​Haben Sie je daran gedacht, dass ihre Bücher einmal in Deutschland gelesen würden?

Hasan Ali Toptas: Nein, nicht einmal, dass der Roman "Die Schattenlosen" ins Deutsche übersetzt werden würde. Die Veröffentlichung meiner ersten Bücher habe ich sogar aus eigenen Mitteln finanziert.

2006 geschah dann etwas, was ich mir nie erträumt hätte. Ich hatte früher einmal lyrische Texte geschrieben, die Jahre später unter dem Titel "Einsamkeiten" erschienen sind. Diese Texte wurden ins Flämische übersetzt und zu einem Einakter umgeschrieben.

Dieses Jahr wurde das Stück in Amsterdam, Rotterdam und in Den Haag mehrere Monate lang aufgeführt. Nun ist auch eine Aufführung in der Türkei geplant. Das alles hätte ich mir niemals vorstellen können. Ich konnte mir ja noch nicht einmal vorstellen, dass meine Bücher gedruckt werden würden.

Schreiben Sie für sich oder für den Leser?

Toptas: Nicht für mich. So kann man das, glaube ich, nicht ausdrücken. Natürlich schreibe ich erst einmal, weil ich Lust am Schreiben habe. Als idealen Leser stelle ich mir mich selbst vor. Wenn ich schreibe, überlege ich nicht, was könnte dem heutigen Leser gefallen. Ich denke, dass man nicht auf dem Papier, sondern auf der Zeit schreibt. Ich schreibe zwar für den Leser, aber nicht wegen des Lesers.

In der Türkei hatte ich recht spät Erfolg. Selbstverständlich ist ein Schriftsteller auch nur ein Mensch, er hat auch seine Schwächen, auch er mag es, wenn seine Seele gestreichelt wird. Ich glaube, dass man meine Romane jetzt mehr beachtet. Ich habe fünf Romane geschrieben und jeder hat einen Preis erhalten, einer wurde sogar zwei Mal ausgezeichnet. Das reicht mir, es ist fast schon zuviel. Zuviel Applaus lässt den Stift erzittern, er kann den Stift in eine falsche Richtung lenken.

Wie sehr hat Sie ihr doppelter Beruf als Gerichtsvollzieher und als Schriftsteller geprägt? War das nicht ein schizophrenes Leben?

Toptas: Ja, eigentlich war es so. Tagsüber im Dienste des Staates zu arbeiten, wo die Leute einem Verwünschungen und Flüche hinterher rufen ... Man geht zur Abendbrotzeit zu den Leuten und nimmt einem Kind, das gerade einen Zeichentrickfilm anschaut, im Namen des Staates den Fernseher weg. Den ganzen Tag zerfällt mein Leben in tausend Teile, und ich fühle mich beschmutzt.

Zum Buch:

In einem türkischen Dorf verschwinden der Lehrling aus dem Frisörsalon, dann wird die schöne Güvercin vermisst. Das spurlose Verschwinden greift um sich wie eine Epidemie. Schon berichtet die Provinzpresse in fetten Schlagzeilen über den Skandal. Ein Albtraum legt sich über das Dorf. Ist dieses Verwirrspiel nur die Erfindung eines in Geschichten vernarrten Kunden, der im Spiegel des Frisörsalons seine Fantasie spielen lässt? Der Roman "Die Schattenlosen" oszilliert zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Traum und Wirklichkeit. (Quelle Unionsverlag)

Doch ich kann diese Arbeit nicht aufgeben, es gibt nichts anderes zu tun, ich muss den Lebensunterhalt verdienen. Zuhause stehe ich nach ein paar Stunden Schlaf mitten in der Nacht wieder auf und schreibe bis zum Morgen. Als ich "Die Schattenlosen" schrieb, lebten wir in einem Haus mit Kohleofen. Wenn ich nachts aufstand, zog ich meinen Wintermantel an, kochte mir einen Tee und schrieb am Küchentisch an dem Roman.

Einerseits bin ich Schriftsteller, andererseits Gerichtsvollzieher. Da hat man sehr gemischte Gefühle. Ob mein Dasein als Gerichtsvollzieher mich als Schriftsteller beeinflusste? Ich habe nie über die Dinge, die ich während dieser Arbeit erlebte, geschrieben. Aber es kann dennoch sein, dass mein Schreiben davon geprägt war. Damals habe ich das Leben immer mehr gehasst. Ich wollte in die Welt der Wörter fliehen. Diesen Einfluss hat es wohl durchaus gehabt.

Der Roman "Die Schattenlosen" spielt in einem Dorf? Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Toptas: Zuerst einmal bin ich selbst vom Land. Ich kenne mich in der Welt und in der Realität des Dorfes aus. Vielleicht hat mich mein Unterbewusstsein dazu veranlasst, den Roman im Dorf spielen zu lassen.

Außerdem gibt es in der türkischen Literatur ein Genre, das wir Dorfliteratur nennen. In dieser Tradition wurden sehr viele Romane geschrieben, sodass sich ein bestimmtes Muster herausgebildet hat.

An einem Ende steht der Dorfvorsteher oder Bürgermeister, der den Staat repräsentiert. Dann der Imam oder Hodscha für die Religion, und am anderen Ende befindet sich der Lehrer, als Repräsentant der Aufklärungsbewegung seit der Republikgründung.

Der Lehrer ist in diesem Rahmen immer ein Licht, das in das Dunkel des Dorfes fällt. Stets ist es der Lehrer, der die Probleme löst. Der Imam ist immer reaktionär, der Bürgermeister bleibt immer ratlos und ist immer auf der Seite der Großgrundbesitzer. Das ist das Muster.

Als der Roman "Die Schattenlosen" 1995 in der Türkei erschien, schrieb jemand: "Warum gibt es in diesem Dorf keinen Lehrer?". Weil ich diese Schablone der Dorfliteratur mit meinem Roman durchbrechen wollte.

Außerdem geht es in der klassischen Dorfliteratur meist um ökonomische Probleme, um Armut und Unterdrückung. In "Die Schattenlosen" werden solche Fragen nicht behandelt. In meinem Roman ist das Sein und Nichtsein Thema. Der Existenzialismus zieht aufs Land.

Wenn ich es noch etwas abstrakter formulieren darf, dann ist es meines Erachtens nicht so wichtig, an welchem Ort der Roman spielt, oder welche Charaktere darin vorkommen. Es ist nicht wichtig, ob der Ort eine Stadt oder ein Dorf ist. Es gibt für mich keinen Dorf- oder Stadtroman.

​​Ein Roman ist ein Roman. Darin sollen menschliche Dinge passieren, der Mensch soll in Frage gestellt, die Existenz des Menschen soll reflektiert werden. Auch sollen dem Menschen Fragen gestellt werden und keine Rezepte oder Antworten geliefert werden.

In dem Roman werden zwar typische Dorfszenarien aufgegriffen, aber dieses Dorf scheint ein Spiegel unserer Zeit zu sein. Die Ereignisse wirken nur auf den ersten Blick wie typische Dorfgeschichten und werden dann immer mehr zu existenziellen Fragen des Menschen. Normalerweise erwartet man solche Fragen in einem Roman, der in einer Stadt angesiedelt ist.

Toptas: Das ist ja genau der Punkt, den der Roman "Die Schattenlosen" von einem Dorfroman unterscheidet: der Existenzialismus, die Tatsache, dass solch ein Gedanke überhaupt in der Geisteswelt der ländlichen Bevölkerung auftauchen kann.

Tatsächlich sind existenzialistische Themen eher Themen, über die der Stadtbewohner nachdenkt. Aber meiner Meinung nach gab es vor Jean Paul Sartre und noch davor einen Existenzialismus. Vielleicht nannte man es noch nicht so, oder die Philosophie war noch nicht formuliert, aber es war vorhanden.

Selbstverständlich tauchte die Frage "Wer bin ich" bereits auf, als der erste Mensch zu denken begann.

Bevor der Frisör in dem Roman fortgeht, sagt er "Mir schnürt sich die Seele zu". Das hören wir von vielen Menschen. Aber die meisten laufen nicht davon. Sie stehen am nächsten Tag auf und tun ihr Tagwerk. Cingil Nuri aber, der Frisör, verschwindet. Hatten Sie dabei den modernen Menschen vor Augen?

Toptas: Als ich diesen Satz schrieb, hatte ich mich selbst vor Augen. Manchmal sage ich zu meiner Familie "Mir schnürt sich die Seele zu. Ich gehe mal hinaus und führe meine Seele ein wenig herum." Das ist etwas, das ich sehr oft sage. Die Seelen der Menschen unserer Zeit sind ziemlich eingeschnürt. Jeder von uns ist so.

Die Charaktere in dem Roman leben in verschiedenen Welten, die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischen. In der Türkei gibt es ein Leben zwischen Land und Stadt. Viele Menschen pendeln und erleben einen Kulturschock. Kann man sagen, dass der Roman von den Schwierigkeiten und Widersprüchen erzählt, die das Leben zwischen diesen zwei Welten – der Moderne und der Tradition – mit sich bringt?

Toptas: Jeder Text erzählt noch etwas anderes, als der Autor intendiert hatte. Sie haben es so verstanden, das gefällt mir gut. Ich freue mich darüber, dass der Text offen für verschiedene Deutungen ist. Als ich den Roman schrieb, hatte ich gar nicht an Ihre Deutung gedacht. Erst jetzt, wo Sie das sagen, denke ich darüber nach. Ja, es scheint, dass der Text auch auf diesen Konflikt hinweist.

Ist für Sie die Sprache eher ein Instrument oder ist sie auch Akteur in Ihren Texten?

Toptas: In der Schule hatte man mir gesagt, Sprache sei ein Instrument. Ein Transportmittel, um unsere Gedanken zu vermitteln. Dass das nicht so war, habe ich viel später erkannt. Sprache ist im Grunde genommen unsere Seele, unser Wesen. Sie ist kein Instrument. Sprache ist das Denken selbst.

Das habe ich erst nach Jahren erkannt. Einen Satz zu schreiben, bedeutet für mich, eine Komposition zu schreiben. Ich achte darauf, wie viele Wörter auf offene Silben, auf geschlossene Silben enden, ob sich die Wörter mit harten Konsonanten auf die eine Seite des Satzes verlagert haben, ob ihre Verteilung stimmt.

Selbst wenn ein Satz nach allen Regeln der Grammatik richtig ist, kann es sein, dass man ein Ungleichgewicht im Klang dieses Satzes feststellt, wenn man ihn auf seine Akustik hin überprüft. So als ob man auf der anderen Seite der Waage noch ein Wort, eine Silbe hinzufügen müsste, um das Gleichgewicht herzustellen.

Ich denke, es ist so, wie ein Lied zu schreiben, denn die Buchstaben definieren den Klang. Sprache ist gleichzeitig ein Ziel, daher ist die Sprache in meinen Romanen auch ein Akteur.

Zum Autor:

Hasan Ali Toptas, geb. 1958 in Buldan, einer Industriestadt im Südwesten der Türkei, arbeitete seit 1981 als Gerichtsvollzieher und später als Beamter in verschiedenen Finanzämtern. Bisher hat er drei Sammelbände mit Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlicht. 2006 wurde er mit dem Orhan-Kemal-Preis, dem angesehensten Literaturpreis der Türkei, ausgezeichnet.

In meinen Augen ist der Held eines Romans der Text selbst. Er kann mehr sagen, als der Autor in ihn hineingelegt hatte. Wenn das der Fall ist, dann ist dieser Text wunderbar. Ich erinnere mich an einen Satz von Milan Kundera: "Schriftsteller, die glauben, sie seien klüger als ihre Romane, sollten ihren Beruf wechseln." Ich liebe diesen Satz.

Sie haben gesagt, Sie fühlten sich durch bestimmte Ereignisse wie beschmutzt, als Sie noch als Gerichtsvollzieher arbeiteten. Haben Sie sich durch das Schreiben davon gereinigt?

Toptas: Ja, vielleicht war es so. Schreiben ist für mich selbstverständlich mehr als das. Aber ich fühle mich sicher in gewisser Weise durch das Schreiben von diesem Schmutz gereinigt.

Als ein Lebewesen, das auf diesem Planeten lebt, möchte man dem Planeten das zurückgeben, was man zu geben vermag. Deshalb sitzt man mitten in der Nacht da. Das heißt, ich versuche das Leben um ein Wort mehr zu erweitern. Natürlich nicht gegen Geld. Ich habe noch nie von dem gelebt, was ich durch meine Bücher verdient habe. Selbst wenn sie nie gedruckt worden wären ..., ich hätte sie trotzdem geschrieben.

Interview und Übersetzung aus dem Türkischen: Fatma Sagir

© Qantara.de 2006

Hasan Ali Toptas: Die Schattenlosen. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Unionsverlag – Türkische Bibliothek. 19,90 Euro, 256 Seiten

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