Interview mit Guido Steinberg

"Die Stabilität der Region ist bedroht"

Die somalische "Al-Shabaab"-Miliz hat sich zu dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Nairobi bekannt. Kenia droht die Destabilisierung, meint Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Mit ihm hat sich Philipp Sandner unterhalten.

Herr Steinberg, die Miliz Al-Shabaab hat sich zu dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum im Westen von Nairobi bekannt. Was ist das Ziel dieses Angriffs?

Guido Steinberg: Wir wissen noch nicht ganz genau, wer nun hinter diesen Anschlägen steckt. Es scheint so zu sein, dass kenianische Aktivisten aus dem Umkreis von Al-Shabaab aus Somalia die Täter sind. Daraus kann man insgesamt schließen, dass es vor allem darum geht, den kenianischen Staat zu einem Rückzug seiner Truppen aus dem Nachbarland Somalia zu bewegen und auch die Repression von Al-Shabaab in Kenia zurück zu nehmen. Seit 2006 geht Kenia immer intensiver gegen militante Islamisten im Inland vor und seit 2011 ist das Land Kriegspartei im Nachbarland Somalia. Im Oktober 2011 sind kenianischen Truppen dort an der Seite von Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AU) einmarschiert, die schon länger dort stationiert waren. Seitdem muss Al-Shabaab im Nachbarland empfindliche Niederlagen hinnehmen.

Zielte die Wahl des Ortes genau darauf ab, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erreichen?

Steinberg: Ja, das ist ganz sicher so. Hätte man ein Einkaufszentrum angegriffen, in dem vorwiegend Kenianer einkaufen, wäre die Aufmerksamkeit auch groß gewesen. Wenn man allerdings westliche Staatsbürger tötet, wenn es auch eine Verbindung zum Staat Israel gibt, kann man sich sicher sein, international noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist die Natur des islamistischen Terrorismus. Möglicherweise spielt bei der Wahl des Ziels eine anti-westliche Orientierung eine Rolle. Das muss man abwarten, inwieweit hier Al-Shabaab bei diesem Anschlag noch Partner gehabt hat, die vielleicht noch enger mit Al-Qaida zusammenarbeiten.

Großeinsatz von Einheiten der kenianischen Armee gegen die verschanzten Terroristen in Nairobi; Foto: AFP/Getty Images
Ende des Nervenkrieges in Kenia: Erst nach rund vier Tagen konnten die mutmaßlichen Al-Shabaab-Milizen im Einkaufszentrum Westgate Mall in Nairobi von Einheiten der Armee besiegt werden.

Der Anschlag ist nicht der erste in Kenia, aber seit 1998 der schlimmste. Was bedeutet das für die Sicherheitslage in Ostafrika? Wird jetzt der somalische Konflikt exportiert?

Steinberg: Ja, der Anschlag ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Somalia-Konflikt immer weiter auf die Nachbarländer übergreift. Wir hatten einen ersten großen Hinweis auf diese Entwicklung mit den Anschlägen während der Fußball Weltmeisterschaft 2010, auf einen Rugby-Club und ein äthiopisches Restaurant in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Damals war das Motiv von Al-Shabaab ein ganz ähnliches. Es ging darum, die ugandischen Truppen, die damals schon als Bestandteil der AU-Friedenstruppen in Somalia aktiv waren, zu einem Rückzug zu bewegen. Jetzt haben wir ein ähnliches Vorgehen in Kenia - und in gewisser Weise war diese Eskalation der terroristischen Gewalt im Land zu erwarten.

Warum?

Steinberg: Zum Einem greift der Konflikt in Somalia ohnehin auf Kenia über. Wir haben eine Großzahl von somalischen Flüchtlingen, die sich schon in Kenia befindet. Wir können eine wachsende islamistische Radikalisierung beobachten, auf die die Regierung mit sehr brutaler, aber effektiver Repression im Inland reagiert hat. Außerdem gibt es die militärische Intervention im Nachbarland. Solche Aktionen führen in der Regel dazu, dass die militanten Gruppierungen, in diesem Fall Al-Shabaab, nach anderen Wegen suchen, um ihren Kampf fortzuführen. Das sind in der Regel terroristische Methoden. Wir haben mit einem Internationalisierungsprozess zu tun und er wirkt sich in Kenia sehr deutlich aus.

Somalis auf der Flucht; Foto: Getty Images
Flucht vor Armut und Chaos: Viele Somalis sind aus Angst vor dem islamistischen Terror in ihrer Heimat geflohen. Allein in der Hauptstadt Mogadischu gibt es nach unterschiedlichen Schätzungen immer noch bis zu 370.000 Vertriebene.

Woher bekommen im Moment die Islamisten in Kenia und der Region diesen Rückhalt?

Steinberg: In Kenia haben die Al-Shabaab eine Menge Sympathien. Es gibt einen starken islamistischen Untergrund, der sich daraus speist, dass sich Teile der muslimischen Bevölkerung, vor allem in den Küstengebieten, weniger Afrika als viel mehr der arabischen Welt zugehörig fühlen. Hinzu kommt, dass auch die Regierung auf islamistische Radikalisierung ausschließlich mit Repressionen reagiert.

Also kein Ende des Somalia-Konflikts in Sicht?

Steinberg: Beim Konflikt in Somalia haben viele Beobachter geglaubt, dass die Beruhigung der militärischen Lage in Somalia, die Stabilisierung der Regierung und der Schwächung der Al-Shabaab zu einer Beruhigung der Lage insgesamt führen würde. Aber so etwas ist in der Regel nicht zu erwarten, wenn gleichzeitig religiöse, soziale, kulturelle und politische Konflikte in den Nachbarländern ungelöst bleiben. In der Regel führen solche Aktivitäten dazu, dass substaatliche Akteure wie Al-Shabaab nach anderen Möglichkeiten suchen, den Kampf fortzuführen. In Somalia haben sie im Moment schlechte Karten. Sie sind in der Defensive, haben die Kontrolle in den großen Städten im Südosten des Landes verloren. Deswegen versuchen sie jetzt ihre Gegner mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, zu bekämpfen. Das dürfte insgesamt zu einer noch weiteren Destabilisierung der gesamten Region führen.

Interview: Philipp Sandner

© Deutsche Welle

Redaktion: Lina Hoffmann (DW)/Arian Fariborz (Qantara.de)

Guido Steinberg ist Terrorismus-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

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