Interview mit Filmregisseurin Gini Reticker

"Frauen wollen lediglich gehört werden!"

"The Trials of Spring" zeigt junge Aktivistinnen jenseits des Klischeebildes von der unterdrückten arabischen Frau. Vor dem Hintergrund der arabischen Umbrüche von 2011 werden in sechs Kurzfilmen Frauen porträtiert, wie sie wirklich sind: selbstbewusst, aktiv und engagiert. Joseph Mayton sprach mit Gini Reticker über ihr Filmprojekt.

Frau Reticker, was regte Sie dazu an, sich in diesem Projekt auf die MENA-Region zu konzentrieren?

Gini Reticker: Überall auf der Welt wird die Stärke übersehen, die so vielen Frauen eigen ist. Als der Arabische Frühling ausbrach, stellten wir uns drei Schlüsselfragen: Wo sind die Frauen geblieben? Was machen sie? Und wie können wir ihren Stimmen und ihren Visionen eine Plattform geben, die sie verdienen?

Glauben Sie, dass dies die bisherige Wahrnehmung der arabischen Frau im Westen verändern kann?

Reticker: Viele Menschen im Westen betrachten die arabischen Frauen nur als unterdrückte Wesen. Natürlich ist es gefährlich, allzu pauschale Urteile zu fällen, doch würde ich behaupten, dass in den meisten Fällen eher das Gegenteil der Fall ist. Die meisten Frauen, die wir getroffen haben, waren stark und viel weitreichender in das soziale und politische Geschehen involviert, als man erwarten konnte. Sie zeigten sich als exzellente Führungsfiguren. Das ist auch der Grund dafür, warum sie nicht nur zum Ziel gewalttätiger Extremisten werden, sondern auch den Autokraten der Region ein Dorn im Auge sind. Diese Frauen brauchen keine Retter – sie selbst sind diejenigen, die andere retten.

Die Geschichten, die in dem Film erzählt werden, sind manchmal nur schwer zu ertragen. Warum haben Sie gerade diese Frauen für Ihr Projekt ausgewählt? Gab es Schwierigkeiten dabei, sie zu finden?

Salwa Bughagis; Foto: The Trials of Spring media room
Salwa Bugaighis steht im Mittelpunkt des Libyen-Kurzfilms "Wake up, Benghazi" in Retickers Filmserie "The Trials of Spring". Bugaighis war Aktivistin der ersten Stunde gegen das Gaddafi-Regimes und beteiligte sich am demokratischen Aufbau ihres Landes in Bengasi. Sie wurde am 24. Juni 2014 ermordet.

Reticker: Es war nicht schwer, die richtigen Frauen zu finden, die wir filmisch begleiten wollten. Schon vor den Aufständen von 2011 gab es Frauen in führenden Positionen innerhalb der Aktivistengruppen. Als die Arabellion am Nil ihren Anfang nahm, tauchten immer mehr Frauen auf, die sich engagierten. Daher bereitete es uns kaum Probleme, weitere geeignete Frauen für die Porträts zu finden.

Viele Frauen der Region, und nicht nur diejenigen, die in den Filmen gezeigt werden, sind intellektuell, politisch und emotional sehr versiert. Umso mehr brauchen diese Frauen rechtlichen Schutz, ihre fundamentalen Menschenrechte müssen respektiert werden. Sie sollten als die in politischer Hinsicht gebildeten Menschen anerkannt werden, die sie sind. Diese Frauen müssen nicht gerettet werden, sie müssen nur gehört werden. Und genau das wollten wir mit "The Trials of Spring" erreichen.

Was werden die Zuschauer von diesem Film mitnehmen können?

Reticker:Das stärkste Argument gegen Vorurteile ist, Menschen in einem Zusammenhang wahrzunehmen, in dem man selbst sein könnte. In den USA denken so viele Menschen, dass eine Frau, die ein Kopftuch trägt, in jedem Fall unterdrückt sein muss. Aber dann sieht man die Aktivistin Hend, die ein Kopftuch trägt und eine solche Stärke in persönlicher wie politischer Hinsicht ausstrahlt. Sie betrachtet das Kopftuch nicht als etwas, das zwangsläufig mit Unterdrückung zu tun haben könnte. Vielmehr handelt es sich lediglich um eine Wahl, die sie einmal getroffen hat.

Welches Signal sendet die Porträtserie an die Politik in Ägypten, aber auch in anderen Ländern des Arabischen Frühlings aus?

Reticker: Ich hoffe, dass wir nicht nur die Vorurteile diesen Frauen gegenüber zerstreuen können, sondern, dass wir uns auch solchen heiklen Fragen stellen, warum wir beispielsweise in einigen Fällen dazu beigetragen haben, Diktaturen zu unterstützen, aber zugleich behaupten, sie grundsätzlich abzulehnen. Wir müssen uns kritisch hinterfragen, wann wir nicht konsequent die wirklich demokratischen Stimmen unterstützen – jene, die für die ursprünglichen Ideale des Arabischen Frühlings stehen. Auch würde ich mich darüber freuen, wenn die US-Regierung unter Präsident Obama endlich die Gelegenheit ergreift, auch weibliche Friedensaktivisten einzuladen, wenn im kommenden September, am Rande der diesjährigen UN-Generalversammlung, der vom Weißen Haus initiierte Gipfel zur Terrorismusbekämpfung stattfindet.

Was haben Sie von den porträtierten Frauen während der Dreharbeiten gelernt?

Reticker: Es ist ein Fehler, zu denken, dass Frauen stets ausgegrenzt sind. Im Gegenteil: Sie melden sich häufig zu Wort und wissen auch, wie sie sich durchsetzen können. Deshalb sollten wir uns selbst einmal fragen, warum wir die Frauen immer aus dem Blick zu verlieren scheinen, wenn es zu Gewaltausbrüchen kommt. Warum verlieren wir sie aus den Augen? Es kann nicht daher kommen, dass sie einfach nicht mehr existent sind. Es ist sehr wichtig, darauf zu hören, was Frauen zu sagen haben. Sie wissen, wann bestimmte Konflikte ausbrechen und sie wissen, wo die Potenziale für eine Lösung des Problems liegen. Frauen sind stärker und widerstandsfähiger, als viele Leute einem glauben machen wollen.

Wie haben Ihre Kollegen auf Ihr Projekt reagiert?

Reticker: Das Feedback war sehr gut, was mich gefreut hat, weil es auch ein sehr schwieriges Filmprojekt war. Alle Aspekte des Films, von der Technik bis hin zur Erzählkunst, stießen auf ein ungeteilt positives Echo. Trotzdem muss ich sagen, dass die schönsten Komplimente von den beiden Protagonistinnen Hend und Mariam kamen, die mir gesagt haben, dass sie den Film lieben und dass es mir gelungen sei, den Kern ihrer Erfahrungen einzufangen.

Interview: Joseph Mayton

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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