Worin macht sich diese Inkonsequenz bemerkbar?

El Omari: Das meist diskutierte Thema ist hier das Kopftuch. Um es an diesem Beispiel zu verdeutlichen: Es gibt Aktivistinnen, die sagen, dass keine Kontextualisierung der Koransuren nötig ist und alles, was frauenunterdrückend ist, weg muss. Das Kopftuch wird als ein Unterdrückungsinstrument bewertet. Es gibt hierzulande aber auch Frauen, die als feministische Muslime zu Wortführerinnen geworden sind, und in der Verhüllung eine Pflicht sehen.

Wenn aber das Verhüllen der Haare als Pflicht gesehen wird, wo bleibt dann die Mündigkeit und die Freiwilligkeit in der Entscheidung? Wie freiwillig kann sich eine Frau verhüllen, die schon als kleines Mädchen mit dem Hinweis an die Pflicht das Kopftuchtragen herangeführt wurde? Daher wäre es wichtig, dass Räume entstehen, die Frauen die Möglichkeit geben, unvoreingenommen die Quellen auszuwerten und zu einem eigenständigen Urteil zu kommen. Dabei gilt es, die mündige Entscheidung zu unterstützen und zu respektieren. Das bedeutet, dass Frauen, die sich gegen ein Kopftuch entscheiden, ebenso unterstützt werden, wie Frauen, die sich für ein Kopftuch aus einer mündigen Haltung heraus entschieden haben.

Leider muss man aber kritisch anmerken, dass diese Räume einer kritischen Reflexion im muslimischen Alltag kaum vorhanden sind. Wir müssen uns daher dafür einsetzen, dass diese Räume entstehen. Ein solcher Raum ist sicherlich die Islamische Theologie an den Universitäten, die auch das entsprechende Instrumentarium an die Hand gibt, Texte im historischen Kontext zu verorten und zu verstehen.

Wie wäre eine idealtypische muslimische Feministin?

Muslimische Studentin während des Galaabend im Auswärtigen Amt Berlin zugunsten des Studiengangs "European Studies"; Foto: picture alliance/Andreas Keuchel
"Feminismus bedeutet ganzheitliches Denken und drückt sich in einer Haltung aus – und zwar in einer, Frauen aus der Unmündigkeit zu befreien. Es gilt, sich für alle unterdrückten Frauen einsetzen", so Dina El Omari.

El Omari: Feminismus bedeutet ganzheitliches Denken und drückt sich in einer Haltung aus – und zwar in einer, Frauen aus der Unmündigkeit zu befreien. Es gilt, sich für alle unterdrückten Frauen einsetzen. Wenn der Fokus nur auf die Frauen gerichtet ist, die aufgrund ihres Kopftuchs unterdrückt und deswegen in ihren Freiheiten eingeschränkt werden, gleichzeitig aber nicht auf die Frauen, die sich gegen ein Kopftuch entschieden haben, dann ist das kein Feminismus.

Meiner Ansicht nach ist eine muslimische Feministin eine Person, die sich sehr selbstkritisch mit den eigenen Quellen auseinandersetzt – sowohl mit dem Koran als auch anderen religiösen Quellen. Sie muss die Quellen, in denen das Patriarchalische sehr stark durchkommt, kritisch hinterfragen und historisch verorten und ganzheitlich vorgehen. Sich für die Gleichberechtigung auf allen Ebenen einsetzen – auch dafür, dass eine Frau ein Kopftuch tragen oder absetzen kann. Sie setzt sich dafür ein, dass Räume geschaffen werden, in denen Frauen zu einer mündigen Entscheidung gelangen können.

Was könnten solche Orte sein?

El Omari: Die Moscheen müssten solche Orte sein, sie sind es aber leider nur sehr marginal, weil in diesen eine starke patriarchalische Struktur zu finden ist. Die Schule ist daher der wichtigste Ort, weil dort viele erreicht werden. Der islamische Religionsunterricht ist meines Erachtens sehr wichtig. Auch damit Mädchen direkte Ansprechpartner haben, Lehrer und Lehrerinnen, mit denen sie über ihre Religion reflektieren können und über das sprechen können, was ihnen zuhause und in der Moschee über den Islam gesagt wird.

Wie bewerten Sie die öffentlichen Debatten über den Islam im Allgemeinen und muslimische Frauen im Besonderen?

El Omari: Ich finde, dass sie ausgeglichen sein sollten. "Ausgeglichen" heißt nicht, dass das Publikum mit dem Gast auf dem Podium einer Meinung sein muss. Ich plädiere für Vielstimmigkeit.

Wenn man ehrliche Debatten führen möchte, dann sollte man als Veranstalter auch darauf achten, nicht nur einer Stimme ein Forum zu bieten – vor allem nicht gerade denen, die schlicht und plakativ argumentieren. Leider haben gerade solche Personen den größten Zuspruch und Einfluss.

Das Interview führte Canan Topçu.

© Qantara.de 2018

Dina El Omari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie an der  Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die 36-Jährige ist  Post-Doktorandin in der Nachwuchsgruppe "Theologie der Barmherzigkeit" mit dem Forschungsschwerpunkt "Feministische Koranexegese". Seit 2015 verantwortet sie den Arbeitsbereich "Koran und Koranexegese".

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