Interview mit der türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan

"Nichts mehr von der Demokratie übrig geblieben"

Für die türkische Autorin Aslı Erdoğan bedeutet die Annullierung der Wahlen in Istanbul das Ende der Demokratie in der Türkei. Über ihr Leben im deutschen Exil, die Situation von Schriftstellern und die Lage der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei hat sich Gezal Acer mit ihr unterhalten.

Die Hohe Wahlkommission hatte 36 Tage nach den Kommunalwahlen die Oberbürgermeisterwahl in Istanbul annulliert, nun gibt es am 23. Juni Neuwahlen. Was halten Sie von dieser Entscheidung?

Aslı Erdoğan: Die Entscheidung habe ich bereits erwartet. Es wundert mich überhaupt nicht – nur wollten wir diese Schande nicht wahrhaben. Gleichzeitig ist es gut, dass die Maske jetzt gefallen ist. Nun zeigt sich: Nicht einmal das grundlegendste Prinzip der Demokratie ist uns geblieben – das Prinzip der freien Wahlen. Lasst uns das einfach akzeptieren! In der Türkei ist nichts mehr von der Demokratie übrig geblieben.

Sie selbst sagten, dass es nun Zeit sei, von Faschismus zu sprechen. Glauben Sie, dass trotz dieses Pessimismus die Neuwahl im Juni ein demokratisches Ergebnis hervorbringen könnte?

Erdoğan: Nein, auf keinen Fall. Die AKP kann gar nicht verlieren. Nicht mal der Wählerwille wird das Ergebnis bestimmen. Es werden einfach die nötigen Vorkehrungen getroffen. Ich glaube, dass meine Worte jetzt immer mehr zutreffen. Heute sehen das sogar diejenigen ein, die sich am längsten gegen diese Bezeichnung gesträubt haben. Ich spreche hier von Faschismus im weiteren Sinne, nicht unbedingt als wissenschaftlich gefasste Definition. Aber ganz ehrlich, wenn eine einzige Person über lebenslange Haftstrafen entscheidet, dann ist das für mich nicht autoritär oder totalitär. Nein, das ist faschistisch. In der Türkei reicht lediglich eine Beschwerde einer einzigen Person aus, um jemanden eine lebenslange Haftstrafe zu verpassen. Das ist kein Spaß mehr. In solch einer Situation interessiert es mich herzlich wenig, ob man die Türkei nach akademischen Kriterien eigentlich nicht als faschistisch bezeichnen dürfte.

Vor zweieinhalb Jahren saßen sie im Gefängnis. Auf Solidaritätsveranstaltungen wurde Ihr Brief aus dem Gefängnis vorgetragen. Jetzt sind sie frei und nehmen in Deutschland an Panels und Lesungen teil. Wie fühlt sich dieser Lebenswandel an?

Buchcover "Das Haus aus Stein" von Aslı Erdoğan im Penguin Verlag
Die studierte Physikerin und Schriftstellerin Aslı Erdoğan lebt seit Oktober 2017 in Frankfurt im Exil. Nachdem sie für die pro-kurdische Zeitung "Özgür Gündem" einen Artikel über das Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte im Südosten des Landes veröffentlicht hatte, wurde sie verhaftet - wegen angeblicher Propaganda für eine terroristische Vereinigung. Sie saß ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. In ihrem Roman "Das Haus aus Stein" aus dem Jahr 2009 nahm sie ihr eigens Schicksal vorweg – es geht um Gefangenschaft, Folter und Verlust. Für die deutsche Ausgabe, die nun publiziert wurde, hat Erdoğan den Roman um einen Essay über ihre eigene Haftzeit ergänzt.

Erdoğan: Ein emotionaler Lebenswandel, aber der Wandel ist ja noch nicht abgeschlossen. Irgendwie fühlt es sich so an, als sei meine Seele im Gefängnis zurückgeblieben. Andere Menschen in der Türkei können weder das Gefängnis, noch das Land verlassen. In den Gefängnissen findet gerade ein Hungerstreik statt.

Eine Freundin, die mit mir in der Zelle war, hat mit dem Todesfasten begonnen. Dieses Gefühl ist sehr schwer. Ich bin weder frei noch inhaftiert. Ich müsste eigentlich dankbar sein, aber das bekommt man auch nicht hin.

Was machen diese schlimmen Erfahrungen mit Ihnen?

Erdoğan: Meine Werke handeln meist von Traumata, da Erfahrungen im Gefängnis und im Exil traumatische Erfahrungen sind. Ich hoffe, dass ich sie wenigstens in meiner Literatur verwerten kann. Aber als Autor hat man kaum Gewissheit. Man weiß nie, ob man zu Lebzeiten einen einzigen aussagekräftigen Satz machen kann. Man fängt bei jedem Satz von vorne an.

Nun muss ich einen harten Brocken verdauen. Ich weiß nicht, ob ich Erfolg haben werde. Aber ich fühle mich, als ob ich mir selbst, meinen inhaftierten Freunden und der gesamten Türkei gegenüber eine Schuld trage. Das sollte alles aufgeschrieben werden. Und dafür muss man am Leben bleiben.

Führt das Leben im Exil zur Entfremdung von der Heimat oder führt das zu einer noch größeren Verbundenheit?

Erdoğan: Von beidem etwas - es schwankt von Zeit zu Zeit. Ich bin schon enorm frustriert angesichts der Verhältnisse in der Türkei, aber alles in allem tendiert mein Gefühl eher in Richtung Verbundenheit. Wenn man im Exil ist, wird man gezwungen, die Heimat in einem selbst zu finden.

Das ist eine sehr tiefe und unzerbrechliche Verbindung und man muss sie schaffen, um nicht verloren zu gehen. Es ist ein komplizierter Prozess, wobei man aber auch wächst. Jedes Exil stellt eine Reaktion dar. Sowohl auf das Herkunftsland als auch auf das neue Land. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragen muss, was die Heimat ist und was die Heimat in einem ist.

Was vermissen Sie aus ihrem alten Leben in der Türkei am meisten?

Erdoğan: Natürlich an erster Stelle meine Mutter. Meine tote Katze - ich sehe sie ständig in meinen Träumen. Ich vermisse das Meer. Eigentlich kann ich ohne Meer nicht leben. Ich vermisse auch die Sonne. Ich wurde in Istanbul geboren, dort bin ich aufgewachsen. Alle Istanbul-Klischees vermisse ich, den Tee, den Bosporus. Wenn ich ein Video mit Möwen über dem Bosporus zugeschickt bekomme, dann werden meine Augen feucht.

Fühlen Sie sich einsam?

Erdoğan: Ich bin ziemlich einsam in Frankfurt. In Berlin oder Köln sähe es vielleicht doch anders aus. Doch wenn ich in Istanbul geblieben wäre, würde ich in täglicher Angst vor der Polizei leben, diese Angst wäre allgegenwärtig. Es war wirklich eine Erleichterung, dass ich nicht mehr unter diesem Druck lebe. Es ist ein Segen nachts zu schlafen, ohne dass man einen Besuch von der Polizei zu erwarten hat.

Aus verschiedenen Ländern erhielten sie Unterstützung, es fanden Solidaritätsveranstaltungen statt. Sie sind mittlerweile nicht mehr in Haft. Nach wie vor befinden sich aber viele Schriftsteller und Journalisten in der Türkei im Gefängnis. Ist die Europäische Union Ihrer Ansicht nach kritisch genug?

Erdoğan: In meinem Fall ist die internationale Solidarität wirklich sehr effektiv gewesen. Vielleicht weil wir die ersten Häftlinge waren, oder vielleicht wegen der Fotos, die damals aus der Türkei ins Ausland gelangten. Fotos von Menschen, denen die Ohren abgeschnitten wurden, von gefolterten Offizieren - das hat die ganze Welt schockiert. Die Empörung hat inzwischen nachgelassen, vielleicht weil so viele Menschen verhaftet wurden, dass man sich inzwischen irgendwie daran gewöhnt hat. Ich wünschte, es gäbe mehr Reaktionen, aber anderseits muss man das rational sehen. Dass Frau Merkel Präsident Erdoğan letzten September empfing, hat mich sehr gewundert. Das sind widersprüchliche Haltungen. Auf der einen Seite wird viel kritisiert, auf der anderen Seite heißt es: Du kannst machen, was du willst, solange du die Flüchtlinge von uns fernhältst. Ich glaube, die Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit sind eindeutiger als die der deutschen Politiker.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht sehen, dass in den nächsten zehn Jahren Ihre Rückkehr in die Türkei möglich sein wird. Wollen Sie irgendwann in die Türkei zurückkehren?

Erdoğan: Natürlich will ich das. Als ich in Deutschland ankam, sagte ich: Nur drei Tage hier und dann gehe ich wieder zurück. Die Lage hat sich jedoch in den folgenden eineinhalb Jahren sogar noch mehr verschlechtert. In die Türkei zurückzukehren bedeutet, ein Risiko einzugehen – das Risiko, wieder im Gefängnis zu landen. Sie könnten mich z.B. alleine aus dem Grund verklagen, dass ich mit Ihnen gesprochen habe. Dieses Gespräch könnte mir zehn Jahre Gefängnis einbringen. Aber genau wie man seine Nase nicht abtrennen kann, kann man auch nicht seine Heimat abtrennen. Für die nächsten Jahre wage ich keinen optimistischen Ausblick. Es wird nichts Gutes mehr kommen, sondern ein Regime, das allen Menschen die Luft zum Atmen nimmt.

Das Interview führte Gezal Acer.

© Deutsche Welle 2019

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