Interview mit der Schriftstellerin Fatima Farheen Mirza

Den eigenen Weg gehen

Fatima Farheen Mirzas Debütroman "Worauf wir hoffen" handelt von einer indisch-amerikanischen muslimischen Familie. Die Geschichte ist sowohl universell als auch einzigartig und zeigt den Generationskonflikt zwischen den Eltern und ihren drei Kindern auf. Schayan Riaz hat sich mit der Autorin unterhalten.

Hatten Sie zu Beginn des Schreibprozesses von "Worauf wir hoffen" bereits eine vollständige Geschichte im Kopf oder wollten Sie sich zuerst nur mit bestimmten Themen auseinandersetzen?

Fatima Farheen Mirza: Ich kann mich noch daran erinnern, als ich das erste Mal den Namen "Hadia" geschrieben habe. Ich war 18 Jahre alt und wollte über eine Frau schreiben, die ich hätte selbst sein können. Oder meine Schwester. Oder eine meiner Cousinen. Davor hatte ich mich immer nur von anderen Werken inspirieren lassen und Figuren erfunden, deren Herkunft nicht ganz eindeutig war. Cory, Cody oder Charlie zum Beispiel. Jedenfalls keine Muslime, denn Muslime tauchten in keiner Geschichte auf, die ich las. Als würden sie nicht existieren, als gäbe es keinen Platz für sie in der Literatur. Das inspirierte mich, über einen Protagonisten zu schreiben, mit dem ich mich identifizieren konnte.

Hatten Sie irgendwelche Bedenken?

Buchcover Fatima Farheen Mirza: "Worauf wir hoffen" im Verlag dtv
Aus dem Innenleben einer muslimischen Familie in den Vereinigten Staaten: Die Schriftstellerin Fatima Farheen Mirza, 1991 geboren, wuchs in Kalifornien auf. Sie studierte am renommierten Iowa Writers' Workshop und lebt heute in New York.

Mirza: Einerseits wollte ich unbedingt über Muslime in Amerika schreiben, andererseits hatte ich aber auch Angst, weil es immer so schmerzhaft für mich gewesen war, Muslime in den Medien, in Filmen oder im Fernsehen zu sehen. Entweder spielten sie gar keine Rolle, waren böse oder gar Scherzfiguren. Ich machte mir Sorgen, ob ich sie womöglich auch so darstellen und ihnen damit schaden würde. Ich wollte diese Menschen schützen. Also habe ich beschlossen, eine Geschichte über Muslime zu schreiben, die man nicht unbedingt erwarten würde. Eine Geschichte, in der die Figuren selbst das Sagen haben, jenseits ihrer Staatsangehörigkeit oder ihres politischen Kontexts.

Sie nutzen viele Wörter aus dem Urdu, ohne sie ins Englische zu übersetzen. War das eine bewusste Entscheidung?

Mirza: Leute fragen mich ständig, warum es kein Glossar gibt oder warum bestimmte Sachen nicht erklärt werden. Dagegen habe ich mich gewehrt, weil ich mich gefragt habe, warum sollten meine Romanhelden ihre Kultur erklären? Es ist ihr Leben, sie schämen sich nicht dafür, warum sollte ich das also tun? Weiße Protagonisten können ihre Geschichten doch so frei und flexibel erzählen wie sie möchten. Sie müssen ihre Existenz nicht extra erklären, auch wenn die Leser vielleicht gar nichts über ihr Leben wissen. So bin ich auch vorgegangen, auch wenn das vielleicht einige Leser abschrecken mag.

In Ihrem Buch heißt es an einer Stelle, dass die Kinder großen Gefallen daran finden, Wörter auf Urdu auszutauschen, es gleichzeitig aber merkwürdig finden, wenn ihre Eltern die Sprache sprechen. Erging Ihnen das auch so als Kind?

Mirza: Ich liebe Urdu, habe aber früher nie verstanden, was für eine Kraft die Sprache hat. Dies wurde mir erst bewusst, als ich von zuhause weggezogen bin. Genau das wollte ich auch über die Kinder ausdrücken, die in Amerika aufwachsen und gleichzeitig ihrer südasiatischen Kultur treu bleiben. Als Hadia und Amar klein sind, sprechen sie Urdu in der Öffentlichkeit und es öffnet sich eine Art geheime Welt für sie. Aber sie machen das aus Spaß – im Gegensatz zu ihren Eltern, für die Urdu ja etwas Ernstes darstellt. Diese Nuancen wollte ich festhalten, weil Sprachen unseren Horizont erweitern.

Sie verwenden nicht nur verschiedene Sprachen, sondern schreiben auch mit verschiedenen Stimmen. Warum war es Ihnen wichtig, so viele zu vereinen?

Mirza: Der Grund, weshalb ich verschiedene Perspektiven verwendet habe, ist, damit ich ein umfassendes Bild einer muslimischen Familie zeichnen kann. Ich wollte die unterschiedlichsten Charaktere mit ihren jeweiligen Überzeugungen aufeinandertreffen lassen und zeigen, wie sich das auf ihr Leben auswirkt. Was ist das für ein Konflikt, wenn eine Mutter eine bestimmte Meinung zur Liebe hat und ihr Sohn eine andere? Ich als Fatima musste zum Glück keine Seiten wählen, ich habe jeder Stimme den gleichen Respekt entgegengebracht. Nur wenn ich sie mit den Augen einer anderen Figur betrachtet habe, durfte ich am Boden zerstört, wütend oder hilflos sein.

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