Im Oktober vor zwei Jahren wurde Jamal Khashoggi in Istanbul von saudischen Agenten getötet, was einen internationalen Aufschrei auslöste. Welche Folgen hatte der Mord für Saudi-Arabien?

Al-Rasheed: Das war der Mord des Jahrhunderts. Er hat Saudi-Arabien einen irreparablen Schaden zugefügt. MBS geht tatsächlich die Propaganda aus, um das Vertrauen in seine Führung wiederherzustellen.

Viele beschuldigen ihn, hinter dem Mord zu stecken. Allerdings haben wir noch immer keine Beweise gesehen, dass MBS von dem Plan tatsächlich wusste oder den Mord gar persönlich anordnete. Was ist ihre Deutung der Geschehnisse damals in Istanbul?

Al-Rasheed: Khashoggi war nicht nur Journalist. Man muss sich von dieser Konstruktion Khashoggis durch die Washington Post freimachen. Khashoggi war ein Mann des Palastes. Er hat eng mit dem saudischen Geheimdienst zusammengearbeitet, vor allem mit dem ehemaligen Direktor des Geheimdienstes, Prinz Turki al-Faisal. Khashoggi muss genug Informationen gehabt haben, um Saudi-Arabien möglicherweise in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Sie haben ihn eliminiert, weil er sich vom Regime losgesagt hatte. Er war in die USA gegangen und hätte Informationen über Saudi-Arabien, über den inneren Kreis, herausgeben können. Er war nicht einfach jemand, der Demokratie wollte. In Wahrheit hatte Khashoggi gar nicht Demokratie in Saudi-Arabien gefordert. Es ist nicht so, dass er der größte Demokrat war.

Kannten Sie ihn persönlich?

Al-Rasheed: Ich habe ihn in London getroffen, als er Sprecher von Turki al-Faisal war zu dessen Zeit als Botschafter in London.

Der ermordete Journalist Jamal Khashoggi; Foto: Imago/Depo Photos
Nicht der größte Demokrat: „Man muss sich von dieser Konstruktion Khashoggis durch die Washington Post freimachen. Khashoggi war ein Mann des Palastes. Er hat eng mit dem saudischen Geheimdienst zusammengearbeitet, vor allem mit dem ehemaligen Direktor des Geheimdienstes“, so Madawi al-Rasheed.

Sie scheinen Khashoggi gegenüber kritisch zu sein.

Al-Rasheed: Ich sage nur, wie es war. Ich habe mich mit seinen Büchern und Artikeln beschäftigt. Khashoggi hat zwar Demokratie in der arabischen Welt gefordert, aber er schrieb auch: Ich fordere keine Demokratie in Saudi-Arabien, denn die Saud-Herrschaft ist gut. Man bräuchte nur öffentliche Parks, Beschäftigung für die Jugend und Meinungsfreiheit, argumentierte er. Das war absolut verrückt, was aber natürlich nicht seine Ermordung rechtfertigt. Das war ein schreckliches Verbrechen, absolut unfassbar. Aber das passiert, wenn man sich von einem totalitären System lossagt.

Sie sind weltweit betrachtet die wahrscheinlich bekannteste Saudi-Arabien-Expertin. Gleichzeitig sind Sie eine lautstarke Kritikerin des saudischen Regimes. Hatten Sie Angst nach der Ermordung Khashoggis?

Al-Rasheed: Wir alle hatten große Angst. Uns ist bewusst, dass er seine Todesschwadronen schicken kann.

Ist es das erste Mal, dass Sie sich bedroht fühlen?

Al-Rasheed: Ich wurde bereits 1991 bedroht, nachdem ich in Großbritannien promoviert hatte und mein erstes Buch schrieb. König Salman, der damals Gouverneur von Riad war, schickte mir eine Warnung über den saudischen Botschafter in Paris, wo mein Vater damals lebte. Der Botschafter rief meinen Vater an, entschuldigte sich und sagte: Ich muss Ihnen eine Nachricht vom Königlichen Hof überbringen. Die Nachricht lautete: Wenn Ihre Tochter ihr Buch veröffentlicht, werden wir 'disziplinarische Maßnahmen' ergreifen. So haben sie es ausgedrückt.

Haben Sie das Buch veröffentlicht?

Al-Rasheed: Natürlich. Wer in Angst lebt, könnte genauso gut nach Saudi-Arabien zurückkehren und schweigen. Aber damals wurde mir erstmals bewusst, dass mein Leben in Gefahr ist, wenn ich weiterhin schreibe. Dabei war es nur ein Geschichtsbuch, in dem ich über das Emirat der Raschiden in Nordarabien schrieb.

Es waren Ihre Vorfahren, die dieses Emirat einst regierten. In den 1920er Jahren, bevor das saudische Königreich gegründet wurde, führten die Raschiden einen Krieg gegen die Saudis. Hat Ihr familiärer Hintergrund Einfluss auf Ihre Arbeit?

Al-Rasheed: Die Saudis werfen mir immer vor, ich wolle zu den glorreichen Tage meiner Familie zurückkehren. Aber in meiner Arbeit geht es nicht darum, zu irgendeiner Art von Emirat oder Dynastie zurückzukehren. Davon hatten wir genug. Die Partei, die wir gegründet haben, ist eine Initiative, mit der wir hoffen, die tribalen oder konfessionellen Trennlinien zu überwinden, denen die Saudis so lange ausgesetzt gewesen sind.

Das Interview führte Jannis Hagmann.

© Qantara.de 2020

Madawi al-Rasheed, 57, ist Sozialanthropologin, Autorin zahlreicher Bücher über Saudi-Arabien und politische Kommentatorin. Sie ist Fellow der British Academy und lehrt als Gastprofessorin an der London School of Economics and Political Science. Im Dezember erscheint ihr Buch "The Son King", in dem sie sich mit Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman auseinandersetzt.

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