Loujain al-Hathloul hat sich unter anderem für das Recht auf Autofahren eingesetzt und ein Ende des Systems der männlichen Vormundschaft in Saudi-Arabien gefordert. Warum gilt jemand wie sie als gefährlich?

Al-Rasheed: Die feministische Bewegung hat eine wichtige Kluft in der saudischen Gesellschaft überwunden. Sie ist weder eine regionale oder tribale noch eine konfessionelle oder islamistische Opposition, sondern findet Anklang in einem breiten Teil der Gesellschaft. Diese Aktivist*innen haben nationale Politik gemacht und Menschen aus unterschiedlichen Milieus mobilisiert, um politische und bürgerliche Rechte sowie Gendergerechtigkeit einzufordern.

Viele in Saudi-Arabien haben mir erzählt, man müsse, wenn man wirklich etwas verändern wolle, langsam vorgehen - in Übereinstimmung mit der tribal geprägten konservativen islamischen und arabischen Tradition des Landes. Was halten Sie davon?

Al-Rasheed: Am 23. September hat das Regime den neunzigsten Jahrestag der Gründung des saudischen Staates gefeiert. Neunzig Jahre sind eine lange Zeit und wir haben immer noch keine Institution, die das Volk vertritt. Wir haben keine Nationalversammlung, sondern einen ernannten Konsultativrat. Wir haben keine gewählte Regierung. Wir haben keine Meinungs- oder Versammlungsfreiheit. Wie lange sollen wir warten? Weitere neunzig Jahre?

Aber ist allmählicher Wandel nicht besser als kein Wandel?

Al-Rasheed: Okay, man hat Frauen erlaubt, sich Fußballspiele anzusehen. Aber das kann man doch überall. Allmähliche Veränderung ist ein Mythos, die saudische Gesellschaft ist bereit! Sehen Sie sich die politischen Gefangenen an. In den letzten zwanzig Jahren haben so viele Saudis Petitionen unterschrieben und sind im Gefängnis gelandet. Saudis sind in der Lage, sich eine bessere Zukunft vorzustellen. Aber es gibt keinerlei Diskussion über politische Reformen. MBS hat es geschafft, Journalisten, vor allem im Westen, und PR-Firmen dazu zu bringen, seine Reformen zu promoten, als wären sie das Ende. Seine Reformen, so das Narrativ, seien, was die Saudis verlangt hätten. Aber was ist mit denen, die im Gefängnis sitzen, nur weil sie sich beispielsweise gegen Folter ausgesprochen haben?
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