Saudi-Arabien durchlebt schwierige Zeiten. Der Ölpreis ist auf einem historischen Tiefstand und die Wirtschaft nach wie vor stark von Öleinnahmen abhängig. Die Schuldenlast steigt. Ist das Königreich noch stabil?

Al-Rasheed: Das Land steht vor zwei Herausforderungen: Die erste ist der Zyklus der Öleinnahmen, also der Anstieg und Fall der Ölpreise, der seit einem halben Jahrhundert andauert. Die zweite ist Covid-19. Höchstwahrscheinlich wird Kronprinz Mohammed bin Salman nach dem Tod von Salman König werden. Aber er wird in Angst leben, denn es ihm nicht gelungen, einen Konsens innerhalb der königlichen Familie zu sichern. MBS regiert mit Gewalt. In den letzten drei Jahren sind immer wieder Prinzen inhaftiert worden. Darüber hinaus fehlt ihm die Unterstützung der saudischen Finanzelite sowie der traditionellen Elite, die Staat und Regierung in der Vergangenheit immer unterstützt hat. Das wird zu Unklarheiten auf höchster Ebene führen und könnte ein Machtvakuum schaffen.

In der internationalen Berichterstattung ist seit dem Aufstieg von MBS ein Narrativ zu beobachten, wonach in Saudi-Arabien ein positiver Wandel stattfindet: Das Land öffnet sich für Touristen. Konzerte und Kinos werden wieder eingeführt. Am prominentesten aber ist das Thema Frauen am Steuer: 2017 gewährte die Regierung Frauen endlich das Recht, Auto zu fahren.

Al-Rasheed: Um das zu verstehen, müssen wir ins Jahr 2011 zurückgehen, als die arabische Welt begann, politischen Wandel einzufordern. Seitdem versuchen König Salman und MBS, das Image Saudi-Arabiens umzukehren. Insbesondere MBS wurde als Lösung gesehen. Er ist jung und es sieht aus, als befürworte er liberale Reformen. Aber in Wirklichkeit hat er eine Konterrevolution gestartet. Dabei musste er das tun, was dem Westen gefällt. Und hier kommen die Forderungen saudischer Frauen und Männer ins Spiel: Frauen am Steuer oder die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen. MBS hat genau das getan, wofür die Saudis gekämpft haben. Der Widerspruch ist: Während er Reformen in die Wege leitet, sperrt er diejenigen Aktivist*innen ins Gefängnis, die ebendiese Reformen gefordert haben.

Saudischer Erdölförderturm; Foto: Getty Images/J.Raedle
Gewachsene ökonomische Krise durch Abhängigkeiten vom Erdöl: Saudi-Arabien hat nach eigenen Angaben von April bis Juni dieses Jahres 32,5 Milliarden Dollar weniger mit seinen Ölexporten eingenommen als im Vorjahreszeitraum. Die Coronavirus-Pandemie und die vergleichsweise niedrigen Öl-Preise veranlassten Saudi-Arabien zu einer merklichen Kürzung der Staatsausgaben. Das Königreich sagte im September ein Haushaltsdefizit von zwölf Prozent für 2020 voraus.

Ermächtigt MBS Saudi-Arabiens Frauen?

Al-Rasheed: Nein, das Regime nutzt Frauen als Symbole von Modernität. Indem es Frauen auf bestimmte Posten beruft, ermächtigt es sie nicht. MBS hat Frauen in äußerst sichtbare Positionen gesetzt, um zu zeigen, wie fortschrittlich das Regime ist. Schauen Sie sich Reema bint Bandar an, die saudische Botschafterin in Washington. Warum ist dort eine Prinzessin in Washington, während Loujain al-Hathloul, eine junge saudische Aktivistin, immer noch im Gefängnis sitzt? Berufung ist kein Empowerment. Es bleiben ernsthafte Probleme bestehen, die angegangen werden müssen, etwa das Recht auf freie politische Meinungsäußerung.

Die Redaktion empfiehlt