Diese Interviews sind das Herzstück Ihres Films. Sie sprechen mit Sabeens engsten Freunden und Freundinnen sowie mit ihrer Mutter, Mahenaz Mahmud, die auch im Auto saß, als Sabeen getötet wurde. Wie haben Sie sich auf die Gespräche vorbereitet?

Kamiz: Ich wusste nicht, in welche Richtung der Film gehen wird. Ich ging mit keinem bestimmten Vorsatz an die Interviews heran und wollte den Gesprächspartnern auch nicht meine eigene Meinung aufdrücken. Ich wusste lediglich, dass ich mit Sabeens Freunden - und natürlich mit ihrer Mutter - sprechen muss. Und mit Leuten, die ihre Arbeit weiterführen. Mit Marvi Mazhar hatte ich dann zum Glück eine Person gefunden, die sowohl eng mit Sabeen befreundet war und jetzt das von ihr gegründete Café, „The Second Floor“ (T2F), weiterführt. Irgendwann stellte ich fest, dass sich der Film zu interviewlastig gestaltete. Und weil ich nebenbei viel recherchiert hatte, bin ich auf Facebook-Posts gestoßen, die Sabeen nach ihrem Tod gewidmet waren. Diese habe ich in den Film eingebunden und sie funktionieren wie Kapitel, die mir etwas Struktur verliehen haben.

Im Film sieht man, dass das Zimmer von Sabeen auch nach ihrem Tod unverändert geblieben ist. Wie war es, in diesem Zimmer zu drehen und überhaupt in dem Haus von ihr zu wohnen?

Kinoplakat „After Sabeen“
Blick in die Vergangenheit einer furchtlosen Aktivistin: Nach der Ermordung der pakistanischen Aktivistin Sabeen Mahmud folgt die Regisseurin Schokofeh Kamiz der Mutter und Freunden von Sabeen, um nicht nur Berichte und Erinnerungen an sie aufzuzeichnen, sondern auch um ein Porträt einer Frau zu erstellen, die sie nicht kannte.

Kamiz: Ich wollte unbedingt mit Mahenaz wohnen. Ich war für eine ganze Woche bei ihr, dann noch einmal für drei Tage und schließlich für zwei weitere Tage. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass sie uns ihr eigenes Zimmer übergibt und selbst ins Zimmer von Sabeen zieht.

Ich bin als Berlinerin mit dem Gedanken nach Pakistan gekommen, dass ich ja auch auf dem Boden schlafen kann. Aber das hat Mahenaz auf gar keinen Fall zugelassen, was im Nachhinein sehr wichtig für den Film war. Dadurch, dass sie im Zimmer von Sabeen geschlafen hat, und das Interview unter anderem auch dort stattgefunden hat, war sie sehr involviert und sehr emotional.

Sie sprechen nur mit Sabeens Freunden und es entsteht ein sehr persönliches, aber auch homogenes Bild von ihr. In Pakistan gibt es jedoch sicherlich auch Menschen, die es für gut befinden, was mit ihr passiert ist. Waren Sie nicht daran interessiert, auch diese Sichtweise zu erforschen?

Kamiz: Die Themen von „After Sabeen“ sind schon sehr schwierig; und ich dachte, ein Querschnitt der Gesellschaft zu zeigen, wäre vielleicht nicht klug gewesen. Vor allem für westliche Zuschauer, weil sie vielleicht nicht wissen, wer Sabeen ist und was für eine Bedeutung das Künstlercafé T2F hat. So ein Ort ist in einer Stadt wie Karatschi Gold wert.

Am liebsten hätte ich die Kamera vor dem Gebäude aufgestellt und nach und nach Männer befragt, ob sie Sabeen kannten. Aber mir waren die Hände gebunden und ich habe es mir ehrlich gesagt nicht zugetraut. Ich wollte keinen großen Wind um das ganze Projekt machen.

Würden Sie vielleicht in ein paar Jahren einen zweiten Teil von „After Sabeen“ drehen?

Kamiz: Absolut! Wie gesagt komme ich ursprünglich aus dem Iran - und auch dort gibt es viele Personen, die ermordet werden, wenn sie etwas tun, was anderen nicht gefällt. Man steckt sie ins Gefängnis oder tötet sie. Aber was passiert danach? Wie gehen die Hinterlassenen damit um? Ich habe bereits mit Sabeens Mutter gesprochen, dass ich gerne in fünf Jahren einen zweiten Teil drehen würde. Ich möchte sehen, wie sich Pakistan in der Zeit entwickelt hat und welche Rolle Sabeen dabei gespielt hat.

Sie fragen Ihre Gesprächspartner am Ende des Films, was sie zu Sabeen sagen würden, wenn sie die Möglichkeit bekämen, sie noch einmal zu sehen. Was würden Sie ihr denn sagen?

Kamiz: Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich nie nachgedacht, weil ich sie persönlich nie kennengelernt habe. Wenn Sie mich so spontan fragen, dann würde ich Sabeen einfach umarmen und küssen und diesen Moment mit ihr genießen. Ich bin eigentlich eine pragmatische Person, aber irgendwie hatte ich beim Drehen des Films immer das Gefühl, dass Sabeen bei mir war. Dass sie mir die nötige Kraft für alles gegeben hat.

Das Interview führte Schayan Riaz.

© Qantara.de 2019

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