Interview mit der Regisseurin Schokofeh Kamiz

„Sie war keine größere Sensation“

2015 organisierte die pakistanische Aktivistin Sabeen Mahmud eine Podiumsdiskussion über verschwundene Aktivisten aus Belutschistan. Am selben Tag wurde sie auf offener Straße in Karatschi ermordet. Die Doku „After Sabeen“ zeichnet ein sehr persönliches Porträt von ihr. Schayan Riaz sprach mit der Regisseurin Schokofeh Kamiz.

Was hat Sie dazu bewegt, einen Dokumentarfilm über die pakistanische Aktivistin Sabeen Mahmud zu drehen?

Schokofeh Kamiz: Als ich zum ersten Mal von Sabeen gehört habe, war ich sehr überrascht darüber, dass sie keine größere Sensation ist. Sie war eine ganz normale Frau, die durch die Straßen ging, mit allen scherzte, aber durch ihren Aktivismus jahrelang Menschen bewegte. Mich hat fasziniert und gepackt, dass sie klein angefangen und dann so viel erreicht hat. Sie hat die Nerven verschiedener Menschen getroffen. Da dachte ich, dass solch eine Persönlichkeit wirklich jeder kennen lernen muss.

Der Film beginnt mit Ihnen, Sie schauen sich ein Interview von Sabeen an. Danach tauchen Sie – bis auf ein paar Fragen aus dem Off – gar nicht mehr auf. Was war die Überlegung dahinter?

Kamiz: Zuerst wollte ich mich überhaupt nicht einbringen. Für mich ist „After Sabeen“ ein reiner Beobachtungsfilm. Ich wollte diese Frau selbst kennenlernen. Meine Freunde fragten mich aber ständig, warum ich mich ausgerechnet zu ihr hingezogen fühle. Vor allem, weil ich ja selbst Iranerin bin. Deshalb dachte ich, okay, ich zeige mich einmal am Anfang, um zu verdeutlichen, warum mich dieses Thema beschäftigt und wie ich zu Sabeen stehe. Die Szene funktioniert wie eine Art Prolog.

Filmemachen ist überall auf der Welt schwierig, in einer Stadt wie Karatschi erst recht. Hatten Sie sich darauf eingestellt?

Kamiz: „After Sabeen“ ist ein No-Budget-Film, ich hatte gar keine Chance auf irgendeine Art von Funding. Auch wenn ich es gewollt hätte, ich wäre nicht in der Lage gewesen, meine Crew angemessen zu bezahlen. Also bin ich alleine und mit so wenig Equipment wie möglich nach Pakistan geflogen. Im Grunde nur mit einer Canon-Kamera, einem Audiorekorder und Kopfhörern. Ich wollte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Weder von der Regierung, noch von Leuten, die ich so oder so nicht kenne. Ich war zu dem Zeitpunkt Mutter geworden und wollte nicht, dass mir etwas passiert.

Und wie haben Sie dann vor Ort gearbeitet?

Kamiz: Das minimale Equipment hat mir ehrlich gesagt geholfen, da ich ja sehr intime Gespräche geführt habe und das einfach gut zum Setting gepasst hat. In den vier Wänden waren wir frei und konnten über alles sprechen. Aber dann stellte sich die Frage, wie ich die Außenaufnahmen von Karatschi mache. Diese habe ich dann schließlich aus dem inneren des Autos eingefangen und das hat insofern gepasst, weil auch Sabeen das Autofahren liebte. So habe ich die Stadt aus ihren Augen gesehen.

Wieso mussten die Außenaufnahmen aus dem Auto gedreht werden? Wurden Sie jemals bedroht?

Kamiz: Nein, das ist nie etwas passiert. Es war nur zu meiner eigenen Sicherheit. Ich wurde nur einmal vom Militär angehalten, als ich mit einer Rikscha unterwegs war. Ich hatte meine Kamera dabei und der Offizier wollte wissen, was das soll. Der Fahrer hat mir dann echt das Leben gerettet. Er erklärte dem Offizier, dass ich nicht aus Pakistan komme und schon gar nicht Urdu spreche. Daraufhin wurde nur mein Handy überprüft und so langsam wurde dem Offizier klar, dass ich nicht von dort bin. Zum Glück wurde meine Kamera nicht beschlagnahmt, da sich darin bereits einige Interviews befanden.

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