Interview mit der Philosophin Hélène Cixous

"Ein föderales Algerien ist eine Illusion"

Die renommierte Philosophin und führende französische Theoretikerin des Feminismus Hélène Cixous berichtet über ihr neuestes literarisches Werk, ihre Beziehung zum "Vater der Dekonstruktion", Jacques Derrida, und ihr schwieriges Verhältnis zu Algerien. Mit ihr sprach Claudia Kramatschek

Frau Cixous, im Passagen Verlag ist in diesem Frühjahr "Insister" erschienen, ein Erinnerungsbuch an Jacques Derrida, der 2004 verstorben ist und mit dem Ihr Werk und Denken untrennbar verbunden war. Sie beide verband diese besondere Form der Freundschaft und dass Sie beide aus Algerien stammen. In welchem Moment haben Sie aneinander zum ersten Mal erkannt?

Hélène Cixous: Ich denke, sofort. Das überrascht mich heute, wenn ich zurückblicke, am meisten. Und es bleibt eine Überraschung. Vom ersten Treffen, vom ersten Gespräch an, das literarischer und philosophischer Natur war und 1963 im Café Balzar stattfand, haben sich die Fäden ineinander verschlungen – und so blieb es, für immer. Ich empfand das als eine Art Wunder. Als ich ihm begegnete, hatte ich das Gefühl, neu geboren zu werden. Und wenn ich jetzt zurückschaue und die vielen Spuren betrachte, die wir gelegt haben, staune ich. Denn schon in den ersten Dialogen haben wir einander fundamentale Dinge gesagt – ohne es zu wissen. Aber an der Wahrnehmung, dass er in literarischer, philosophischer, affektiver Hinsicht mein Anderer war, hat sich nichts geändert.

In "Insister" beschreiben Sie sehr treffend, wie die Texte Derridas in Ihnen Erinnerungen an Ihre Kindheit in Algerien wachgerufen haben. Dieses Algerien war noch kolonisiert, also per se eine geteilte Welt. Inwieweit hat dieses koloniale Algerien Ihre Sicht und Ihr Denken als Philosophin geprägt?

Der französische Philosoph Jacques Derrida; Foto: dpa
"Als ich Derrida begegnete, hatte ich das Gefühl, neu geboren zu werden. Und wenn ich jetzt zurückschaue und die vielen Spuren betrachte, die wir gelegt haben, staune ich", erzählt Hélène Cixous. Ihr Freund, der weltweit bekannte Protagonist der Postmoderne starb im Oktober 2004 im Alter von 74 Jahren in Paris.

Cixous: Diese Zeit war ausschlaggebend für mich. Ich bin das Resultat vieler unterschiedlicher Algerien – alle voller Gewalt, alle sehr schmerzlich. Diese schmerzliche Erfahrung war höchst fruchtbar. Ich bedaure nicht, in die Schule Algeriens gegangen zu sein – eine Schule des Hasses, der Verachtung, der Armut, der Gefahr, der Zurückweisung des Anderen, aber auch einer großen Schönheit. Und der Abwesenheit jeglicher Hoffnung, denn es war ja auch die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der alles überlagerte. Darauf folgte der Befreiungskrieg.

Dann, mit dem Ende des Krieges, als wir, die aufgrund der Vichy-Gesetze staatenlos waren und daher nicht als Franzosen galten, ein Gefühl großer Befreiung empfanden, machte man uns zu Juden.Plötzlich waren wir gefangen zwischen zwei Formen des Antisemitismus: dem der Franzosen und dem der Algerier, die man damals noch Araber nannte. Sprich: In diesem Moment der möglichen Verheißung schloss sich alles wieder sofort, und zwar im Modus einer Kolonisation der härtesten Weise. Statt Hoffnung empfand ich Abscheu und Verzweiflung, denn Algerien schloss sich in sich selbst ein. Und diese negative und grausame Erfahrung veranlasste mich, über die politische Verfasstheit des Menschen nachzudenken: über die Tatsache, dass wir – selbst, wenn wir das verneinen – dem Politischen ausgeliefert sind. Und dass dies fast immer bedeutet, seiner Möglichkeiten und Freiheiten beraubt zu sein. Meine Herzenserziehung war also politischer Art.

In Ihrem Werk "Rêverie de la femme sauvage" heißt es: "Ich habe immer davon geträumt, in Algerien anzukommen". Sind Sie inzwischen dort angekommen?

Cixous: Ich konnte dort nicht ankommen. Aber nicht anzukommen, ist ja nichts Schlechtes. Nur so bleibt die Hoffnung oder die Sehnsucht, irgendwann anzukommen. Algerien habe ich ersehnt, aber für mich war es immer schon verloren, von Anfang an. Im Unterschied zu Derrida, mit dem ich oft darüber diskutierte. Er vertrat eher die Linie von Camus und träumte von einem föderalen Algerien, in dem Algerier und Algerier-Franzosen zusammen leben könnten. Ich hielt das für eine Illusion – angesichts der Situation der arabischen Bevölkerung. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man ein Volk von der Prüfung einer so langen und grausamen Kolonialisierung heilen könnte. Sprich: eine rasche Versöhnung hielt ich für undenkbar.

Sind Sie manchmal in Algerien – und wenn ja, was fühlen Sie?

Cixous: Ich liebe das Land. Aber über viele Jahre bin ich nicht dort gewesen. Meine Mutter war aufgrund ihrer deutschen Herkunft nach der Unabhängigkeit in Algerien geblieben. Sie lebte und arbeitete als Hebamme in der Kasbah von Algier – bis zu dem Tag, an dem die Algerier ihr 24 Stunden Zeit gaben, um das Land zu verlassen. Sie wurde also auf die gleiche Weise aus Algerien vertrieben wie einst aus Deutschland.

Danach machten wir einen Schnitt mit dem Land. Und ich wartete darauf, dass Algerien erwachen würde, was jedoch nicht geschah. Dann kamen die "schwarzen Jahre", der algerische Bürgerkrieg, und plötzlich verkehrten sich die Dinge. Denn all jene, die sich nicht bewegt und sich mit einem Staat identifiziert hatten, der sie ausschloss, kamen nach Frankreich. Und ich sagte mir: Vielleicht ist jetzt etwas möglich unter den Intellektuellen, den Arabern, den Algerier-Franzosen und Juden. Und in diesem Moment kam mein Land zu mir zurück – von unerwarteter Seite. Und es sagte mir: Schreib! Das hatte ich nie zuvor getan – aus dem Gefühl heraus, Algerien zu "kolonisieren". Und so ging ich nach Algerien.

Die deutsche Sprache Ihrer Mutter mischt sich in alle Ihre Texte. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur deutschen Sprache, zu Sprache überhaupt beschreiben?

Cixous: Im Haus meiner Kindheit sprach man mehrere Sprachen. Das Französische war, wenn man so will, die Verkehrssprache. Meine Mutter und meine Großmutter sprachen Deutsch, meine Großmutter väterlicherseits Spanisch. Keine dieser Sprachen war in meinen Augen nobler als die andere – ich liebte sie alle. Dass ich später nicht auf Deutsch studiert habe, liegt an meiner Mutter und ihrer geschichtlichen Erfahrung. Das Deutsche wurde abgelehnt. Ich lernte stattdessen Englisch, eine Sprache, die es einem erlaubte, die Welt zu bereisen. So sah es meine Mutter. Deutsch aber ist die Sprache meiner Liebe, meiner Intimität geblieben.

Interview & Übersetzung aus dem Französischen: Claudia Kramatschek

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Die Philosophin Hélène Cixous, geboren 1937 in Algerien, lebt als Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Professorin in Paris. Sie gilt als eine der führenden französischen Theoretikerinnen des Feminismus und ist Trägerin des französischen Nationalverdienstordens. Zuletzt erschien 2014 auf Deutsch "Insister. An Jacques Derrida" im Verlag Passagen.

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